Battles without Honor and Humanity

Ein Gangsterepos als alternative Chronik der Zeitgeschichte. Kinji Fukasakus Battles Without Honor and Humanity ist ein Meilenstein des modernen Actionkinos.

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Am Anfang steht das Bild der Atombombe, die am 6. August 1945 auf Hiroshima abgeworfen wurde. Immer wieder kommen der Film und seine Sequels auf dieses Bild, an dem sich große Teile des Nachkriegskinos, wie auch der Nachkriegsliteratur Japans abgearbeitet haben, zurück. In den Armenvierteln Hiroshimas, den sogenannten A-Bomb-Slums, die vom wirtschaftlichen Boom der Fünfziger und vor allem Sechziger wenig mitbekommen, wachsen ständig neue wütende, gründlich brutalisierte junge Männer heran, die darauf brennen, sich in der Welt des organisierten Verbrechens einen Namen zu machen. Immer wieder tauchen aus diesen Wellblechhütten Gruppen junger Schläger auf, die aus tatsächlicher oder eingebildeter Loyalität zu einer Gangster-Größe deren Konkurrenten auflauern und an die Gurgel gehen.

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Und es geht nicht nur um die Atombombe: Ein Voice-Over-Kommentar bringt im Duktus eines Nachrichtensprechers an verschiedenen Stellen der Saga die große Zeitgeschichte ins Spiel, die sich parallel zu den kleinen, lokalen Gangstererzählungen abrollt: die politische Konsolidierung der späten Vierziger und frühen Fünfziger, der Koreakrieg, die Studentenproteste um 1960. Kinji Fukasaku macht in Battles Without Honor and Humanity (Jingi naki tatakai) schnell deutlich, dass er nicht nur einfach einen weiteren Actionfilm drehen möchte, sondern dass er vorhat, eine alternative Chronik der jüngeren Geschichte Japans zu entwerfen, die – aus der Perspektive der Siebziger genauso wie heute – auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte in Sachen Demokratisierung und Wirtschaftswunder ist. Am Anfang der Erzählung herrscht Anarchie auf den Straßen, die besiegten Faschisten haben ein Machtvakuum hinterlassen, amerikanische GIs vergewaltigen Japanerinnen, kleine Warlords prügeln sich um das wenige, was vom gesellschaftlichen Reichtum geblieben ist. Doch aus den Rabauken werden bald Gangsterbosse, aus den marodierenden Jugendbanden strikt hierarchisch organisierte Clans. Aus dem Chaos der Nachkriegsjahre konstituiert sich eine neue Ordnung, die von Anfang an korrupt, gewalttätig, sexistisch ist.

Nicht nur ein Actionfilm ist Battles Without Honor and Humanity, aber doch gleichzeitig ein Meilenstein des Genres. Der große Genre-Routinier Kinji Fukasaku drehte die ersten eigenen Filme Anfang der Sechziger und prägte mit seinen Yakuza-Dramen zwei Jahrzehnte lang das Profil des Toei-Studios. Seine ebenso unverwechselbare wie einflussreiche Action-Ästhetik gelangte in der fünfteiligen (oder, je nach Zählart, sogar achtteiligen) The Yakuza Papers-Serie, deren berühmtester erster Teil nun in Deutschland auf DVD vorliegt, zur Meisterschaft.

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Der erste Film führt die beiden zentralen Figuren der Serie ein: zum einen Hirono (Bunta Sugawara), einen stets etwas melancholisch wirkenden Assassin, ein Mann für die schwierigen, gefährlichen Aufträge, den auch die Aussicht auf jahrelange Gefängnisaufenthalte nicht schrecken können. Und zum anderen Yamamori (Nobuo Kaneko), Hironos Boss und eine wichtige Figur im verwinkelten Gefüge der Yakuza-Clans. Wo Hirono, der auch gut in einen Melville-Film oder einen amerikanischen Noir der härteren Sorte passen würde, noch als halbwegs konventionelle Identifikationsfigur durchgehen kann, ist Yamamori eine durch und durch lächerliche Gestalt. Ein kleinlicher Pedant, der in Luxus schwelgt und seine Untergebenen nicht angemessen bezahlt, ein Paranoiker, der seine loyalsten Gefolgsleute durch haltlose Beschuldigungen vergrätzt, ein aufgeblasener Patriarch, der sich bis ins hohe Alter jungen Frauen aufdrängt. Man kann diesen Yamamori durchaus auch als ein Zerrbild der technokratischen neuen Herrscherkaste eines postfaschistischen Japans auffassen, über dessen Schicksal die Dauerregierungspartei LDP lange Jahrzehnte in quasifeudaler Manier verfügte.

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Während die späteren Episoden, deren deutsche Editionen hoffentlich bald folgen werden, stärker die Verhandlungen und Machtspiele innerhalb der Clans ins Zentrum rücken, wird Battles Without Honor and Humanity noch bestimmt von der ungebremsten Wucht des entfesselten Bewegungsbilds. Stilisierende Momente, wie die allgegenwärtigen Freeze Frames oder gekantete Perspektiven, drängen sich, anders als in Sin City (2005), Samurai Fiction (1998) und anderen postmodernen Actionfilmen, die von Fukazaku nur den Oberflächenzauber, nicht die Substanz übernommen haben, nie in den Vordergrund. Sie sind lediglich rhythmisierende, akzentuierende Marker, die den Flow der Verfolgungsjagden, Prügeleien, Schießereien strukturieren – in der Welt von Battles Without Honor and Humanity genügt nie eine einzelne Kugel, selbst wenn die Attentäter ein ganzes Magazin in den Körper ihres Opfers entleeren, ist der Job nicht zwingend erfolgreich. Die extrem dynamische Kameraarbeit, die von Zooms und schnellen, flüssigen Bewegungen geprägt ist, gewährt dabei allerdings keine überlegene Beobachtungsperspektive, sondern zerschlägt, zersplittert die szenische Anlage. Die Actionkaskaden lösen sich auf in eine Folge diskreter Momentaufnahmen. Im Gangland Fukasakus kann sich niemand auch nur einen Moment des Ausruhens leisten. Alles befindet sich in ständiger Transformation, die abstrakte Gangsterhierarchie ebenso wie das konkrete Gemetzel auf den Straßen.

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