Battle in Heaven

Explizite Darstellung von Sex und Gewalt. Schamlose Direktheit ohne jegliche Sensationslust. Carlos Reygadas aktueller Film übersetzt erneut Physis und Seele des Menschen in eindringliche Bilder und stellt in seiner Souveränität darin eine Rarität im gegenwärtigen Kino dar.

Battle in Heaven

Ein hellblauer Raum. Himmelblau. Die Großaufnahme eines männlichen Gesichts. Langsam, mit Bedacht fährt der Blick nach unten. Ein Fellatio im Nirgendwo. Dort jedoch in seiner konkretesten Form. Die orale Befriedigung als Akt des Glaubens. Zu Beginn und am Ende des Films: Glückseligkeit.

Irritierend still und an einem unbestimmten Ort beginnt und endet Carlos Reygadas neuer Film - sowie mit einer militärischen Fahnenabnahme und einem Todesfall. Die Langsamkeit bleibt, Ruhe und Friedlichkeit jedoch weichen den Gewalten der Erde: Marcos hat mit seiner Frau ein Baby entführt. Es stirbt. Das begehrte Lösegeld ist hin. Das Gewissen bleibt.

Battle in Heaven

Anna: jung, hübsch, vermögend, vertreibt sich die Zeit mit Prostitution. Marcos: allenfalls 50, beleibt, weder arm, noch reich, arbeitet für ihren Vater. Sie schlafen miteinander. Später wird Marcos Anna töten. Moral setzt in Battle in Heaven (Batalla en el Cielo) nicht die Vernunft, sondern der Körper. Dieser offenbart, worüber man nicht redet, nicht reden kann. Körper: Gesichter und Geschlechtsteile als grundlegende Träger und deutlichster Ausdruck emotiver Bedürfnisse verlangen nach Raum, auf der Leinwand. Reygadas lässt sie gewähren. Als Spiegel der Seelen schwitzen sie vor Angst, urinieren im Moment dessen Lösung, bluten im Augenblick des Todes. Affekte natürlichster Art, in Bildern subjektivster Form: grobkörnig, plan, bleich. Mit niedriger Horizontlinie und eigenwilliger Kadrierung geben sie dem Geschehen zugleich Surrealität wie Erhabenheit.

Battle in Heaven

Ein allmächtiger Blick dringt an intimste Orte und schaut genau: Menschliche Leiber, männlich wie weiblich, in zahlreichen und langen Groß- wie Detailaufnahmen kommen dem Betrachter in diesem Film gelegentlich unerträglich nahe, verbleiben jedoch empathisch zugleich auf Abstand. Keine der Figuren lüftet ihr Geheimnis. Bis zum Schluss bleiben sie unergründlich und fern, so nah sie uns auf der Leinwand auch zu sein scheinen. Diese Spannung spaltet. Zwischen Unwohlsein und Faszination gebannt, schützt jene emotionale Distanz zugleich und macht Darstellungen von solcher Intensität erst ertragbar. Doch der Schock geht über den ästhetischen hinaus, Reygadas lässt die Provokation der Bilder nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern macht das Gezeigte zum Ausgangspunkt für universellere Dinge. Die Komplexität von Moral, gefangen zwischen Körper und Geist, steht zur Verhandlung.

Passiv und apathisch ihrer Umwelt gegenüber präsentiert Reygadas die Menschen seines Landes. In sich ruhend, rein affektiv antworten ihre Körper auf die Ereignisse. In ihrer Lethargie und verstörenden Körperfülle erinnern sie an die Figuren Boteros, doch liegt ein grauer Schleier über Mexikos beliebter Kino-Farbenfreudigkeit: Die Realität hält Einzug in die Bilder und lässt sie erblassen.

Battle in Heaven

Erneut nutzt Reygadas den Lebensraum seiner Protagonisten für eindrucksvolle Bilder ihrer Seelenzustände. An die Stelle der archaischen Landschaft von Japón (2002) tritt in Battle in Heaven der Moloch Großstadt. Mexico City mit seiner rohen Architektur und seinen chaotischen Verkehrsströmen erscheint hier als ein Ort der schieren Niedertracht, wo Zwischenmenschlichkeit und Liebe nur noch zum Marktpreis zu erstehen sind. Dementsprechend einsam und äußerlich teilnahmslos erscheinen Reygadas Figuren in ihrem Tun, ob daheim, auf der Straße oder in der Natur lassen sie ihre Empfindungen nur erahnen. Allein ihre Leiber werden sie verraten. Durch seine bilderträchtige Vereinigung jener Rohheit des Lebensraums mit der Sinnlichkeit ihrer Bewohner betreibt Reygadas in Battle in Heaven tiefgehende Seelenanalyse und übt zugleich Sozialkritik. Hier eine sehr verstörende Kombination, die in ganz unerwarteten Momenten für überraschend schöne, da humane Anblicke sorgt.

In dieser Fabel über Schuld und Sühne avanciert Mexikos moralische Instanz, in ihrer religiösen Form der Jungfrau von Guadalupe - die zurückgewonnene Reinheit nach spanischer Besatzung symbolisierend, heute jedoch zu einer touristischen Attraktion verkommen - zu neuer Autorität. Auf seinem Pilgermarsch zu ihrem Ehrentag erfährt Marcos durch sie die Erlösung von seinen Verbrechen auf Erden, die ihm sein Leib zuvor verweigerte. Ein Ritual erlangt seine verlorene Spiritualität zurück. Das folgende, stumme Bild der schlagenden Glocke, deren sichtliche materielle Schwerkraft genügt um den akustischen Schock zu erahnen, veranschaulicht nochmals die Kraft, welche die Bilder in Battle in Heaven in sich tragen, und überführt sie anhand jenes Defizits einer Vision des „Du sollst dir kein Abbild schaffen“.

Battle in Heaven

Die Brutalität der Bilder wird in Battle in Heaven zum Ausdruck einer Krise der Sichtbarkeit und möglicherweise zugleich ein Weg, diese mit konkretester Ästhetik und Ethik des Bildes aufzubrechen. Indem Reygadas Bildkörper in Körperbilder überführt, dabei dem Bild wie der Physis ehrfurchtsvoll Raum für ihre Unergründlichkeit gewährt, entzieht er beide einer profanen Erklärungslogik und erlöst sie von ihrer geistlich gezähmten Deutung.
Am Ende das Schwarzbild.

 

Kommentare


Martin Z.

Eine Schlacht im Himmel ist es nicht, eher eine auf der Matratze. Oder soll die Matratze der Himmel sein? Das worum es eigentlich geht: eine Kindesentführung sieht man nicht. Lange Kameraeinstellungen, äußerst knappe Dialoge, bewusst ausdruckslos agierende recht korpulente Schauspieler und verwirrende Schnitte könnten zum wegzappen verleiten. Doch dann sieht man völlig unerwartet immer wieder viel nackte Haut und Sex, Frontalansichten der Genitalien beiderlei Geschlechts in Ruhestellung und nach GV. Die karge Handlung lässt viel Spielraum für Interpretationen: ist das Problem der Moloch Großstadt, der Menschen zu solchen Taten treibt? Ist der Sex bzw. die Promiskuität die einzige Erfüllung im Leben? Sind tiefe Religiosität und Kriminalität keine unvereinbaren Gegensätze? Eine Antwort gibt der Film nicht. Er beginnt und endet ohne Kommentar mit einem ausgedehnten Blowjob.


Berthold Schwarz

Es ist schon verwunderlich, dass in den Rezensionen auf critic.de die Deutung der Bilder im Vordergrund steht, während in den Kommentaren fast ausschließlich über Oberflächen diskutiert wird.
"Dann sieht man dies und jenes, und ab da war mir der Hauptdarsteller unsympathisch"

Seltsames Volk - die Kommentatoren müssen sich über den Stil der Rezensionen doch ärgern, wenn sie es nicht sowieso für vollkommen überflüssiges Kunstgeschwätz halten.

Damit das kein reiner Metakommentar bleibt: Schaut diesen Film!
Mit einigem zeitlichen Abstand, einer der bleibenden Filme der letzten zehn Jahre.






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