Nach einer wahren Geschichte

Ein dramatischer Exkurs über das Schreiben und Nicht-Schreiben – mit dem Roman Polanski auch Kritikern etwas zu denken gibt.

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Zwei Szenen rahmen diesen Film ein, genauer genommen, zweimal dieselbe Szene, nur unter anderen Vorzeichen. Inszeniert wird eine Signierstunde der erfolgreichen Autorin Delphine als dynamische Überforderung; begeisterte Menschen lehnen sich vor zur Kamera, kommen dicht heran, sprechen von großen Gefühlen, von Trost, von Familie. Das Buch, das sie am Ende vorstellt, als Ergebnis des Films und seiner Erzählung, heißt Nach einer wahren Geschichte (D’après une histoire vraie). Wie der Film, klar, und wie das Buch von Delphine de Vigan, das Roman Polanski zusammen mit Olivier Assayas adaptiert hat. Die Spurensuche nach dem, was diesen Film umtreibt, sollte beim Naheliegenden beginnen: Denn es scheint nicht unplausibel, dass es um Wahres geht, oder um Geschichten, oder besser noch um das Verhältnis vom einen zum anderen. Um Geschichten, die sich aus der Erfahrung schöpfen, und um Geschichten, die unseren Begriff von Wahrheit erst erschaffen.

Ein Stab durch den Körper

Delphine heißt die Autorin auch bei Polanski, Emmanuelle Seigner spielt sie, als eine, die sich einpackt, die eine Mütze, Stiefel und dicke Klamotten überzieht, sich in einen Schal wickelt oder unter Decken versteckt – nicht nur, wenn es kalt ist. Delphine ist eine Autorin in der Krise, ihr letzter Roman war ein Riesenerfolg, doch da er autobiografisch war, steht recht schnell die Frage im Raum, ob sie da etwas ausgeschlachtet haben könnte. Ihre Familie jedenfalls ist nicht allzu eifrig daran interessiert, Zeit mit ihr zu verbringen. Ganz im Gegensatz zu einer neuen, mysteriösen Bekanntschaft namens Elle. „Elle wie Elisabeth“, sagt Eva Green, als sie sich der Autorin vorstellt. Sie sitzt mit gespenstischer Ruhe in der Küche auf einer Party und trinkt Wodka, Rücken und Hals so gerade, als ginge ein Stab durch ihren Körper. Dass sie selbst Ghostwriterin ist, verrät Elle Delphine erst beim Wiedersehen.

Ein bisschen Misery (Rob Reiner nach Stephen King, 1990) schleicht sich in Nach einer wahren Geschichte, als die jüngere Frau anfängt, die ältere zu triezen, ein anderes Buch als das geplante zu schreiben, nämlich wieder ein autobiografisches. Misery insofern, als Delphine der neuen Freundin bald völlig ausgeliefert ist. Und die etwas mit ihr als Autorin vorhat. Delphines seelische und leibliche Gefährdung allerdings schwebt nur wie eine Wolke Suspense über dem Film, in die er nicht eintauchen will oder die er nicht zu greifen kriegt. Polanski ist vor allem damit beschäftigt, die Geschichte als Geschichte zu perspektivieren, sie in ein gegenwärtiges, schickes, aber doch nachbarschaftliches Paris zu verpflanzen, das Gespenstische hineinzudenken, ohne es wie in Der Ghostwriter (The Ghost Writer, 2010) in die Settings einzuschreiben.

Ein offensives Drängen, eine neutrale Perspektive

Die Stimmung muss sich anders transportieren, vor allem über die Kompositionen von Alexandre Desplat, der aufdringlich wie eh und je von sich hören lässt. Während sich die Protagonistin immer mehr in sich selbst zurückzieht und sich ihre neue Freundin gar nicht subtil oder diabolisch, sondern ziemlich offensiv in ihr Leben drängt, findet Nach einer wahren Geschichte so etwas wie eine fast schon neutrale Perspektive, irgendwie dabei und irgendwie nicht, auf Distanz, aber ohne sich positionieren zu müssen (was zwar faktisch unmöglich ist, dem Konzept von Bildgestaltung und Montage aber vielleicht noch am nächsten kommt). Nach und nach schiebt sich in den Körper des Films ein Stab wie der, der Eva Greens Rücken gerade zu halten scheint. Ein Stab oder eine Strebe ist das, die alles auf Distanz hält: die Leidenschaft, die irgendwo brodeln könnte, zum Beispiel bei Delphine oder auch bei Elle, das Interesse für den Schreibprozess und die Schreibblockade, die Frage nach dem Wahren und Schönen und was Leser so wollen, die Spannung ob der von der ersten Sekunde an suspekten neuen Freundin.

Nichts holt Polanski an sich heran, sondern macht einen Film, der in jedem Augenblick kippen könnte. In eine saftige Liebesgeschichte zwischen den Frauen zum Beispiel, oder in einen reinen Thriller, oder in ein Drama um das Leben einer Frau mittleren Alters, deren Kinder außer Haus sind. Das Triviale lauert um die Ecke, und weil Nach einer wahren Geschichte so zurückhaltend wirkt, drängt sich der Verdacht auf, dass hier etwas entdramatisiert oder enthistorisiert oder entgenrefiziert werden soll. Nur wird es im Gegenzug nicht aufgeladen, weil sich das Triviale gerade nicht hereintraut, die schönen Strümpfe der am Boden liegenden Elle nur kurz begafft werden, die körperliche Nähe der beiden Frauen nicht lange währt und auch jenseits dieses Strangs das Aseptische Vorrang genießt.

Kein Bluff, keine Erkenntnis, kein Spaß

Einzig bleibt die Frage nach dem Schreiben und dem Nicht-Schreiben, nach den Inspirationen dafür und dem Leid, das es bedeutet, sich auf etwas Reales beziehen zu müssen. Ein paar Volten später geht es an die Substanz: Ist es vielleicht sogar eine Chance, wenn das Leben die besseren Geschichten schreibt? Oder imaginieren das nur Filme? Als die erste Szene wiederholt wird, mit dem neuen Buch, wissen wir, was Delphine durchlebt hat, von ein paar bedeutungsschwangeren Ellipsen einmal abgesehen. Doch weder gibt es einen großen Bluff noch eine Erkenntnis, noch einen Spaß, sondern die maue Gewissheit, dass sich hier etwas zurechtgerückt hat, das von vornherein eine bloße Versuchsanordnung war. Ein Buch über Bücher, das zum Film über Filme wurde. Ja, Kritiker wissen von dieser Krux, abhängig von einer Vorlage zu sein und gleichzeitig die Chance zu haben, von ihr inspiriert zu werden. Nur bräuchten wir manchmal, und offenbar gilt das auch für Polanski und Assayas, eine Ghostwriterin. Dass sie uns einen anderen Film und eine andere Kritik diktiert.

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