Bas-fonds

Faszination Unterschicht: Isild le Besco steigt hinab in die Untiefen menschlicher Niedertracht.

Bas-fonds  Dregs  1

Als der französische Präsident Nicolas Sarkozy angesichts der Unruhen in den Banlieues von „Abschaum“ („racaille“) sprach, muss er unter anderem diese Dreier-WG gemeint haben: Die ruppige Mag (Valérie Nataf), ihre Schwester Marie-Stéph (Noémie le Carrer) und Mags Geliebte Barbara (Ginger Romàn) hausen in einer kahlen, verfallenen Bude, kommunizieren primär über vulgäres Gekeife und verbringen den größten Teil des Tages vor dem Fernseher. Dort laufen pixelige Pornos, auf dem Gerät steht ein großer schwarzer Dildo, vor ihm imitieren die jungen Frauen den für sie unerreichbaren Mädchentraum vom angehimmelten Popstar. Wenn wieder einmal der Strom ausfällt, weil die Rechnung nicht bezahlt wurde, machen die drei ein Lagerfeuer in der Wohnung und erhitzen sich damit Ravioli-Dosen, deren Inhalt sie eher fressen als essen. Verschmiertes Regelblut klebt auf dem Toilettensitz, niemand wischt es weg. Kurzum: Bas-fonds ist im tiefen Dreck, ganz unten im sozialen Gefüge angekommen.

Als „böse Menschen“ bezeichnet Marie-Stéph sich und ihre zwei Begleiterinnen – es ist ein Trio voller ungebändigter Aggressivität und blankem Hass: „Three little devils“, wie es in Harmony Korines inhaltlich und ästhetisch verwandtem Film Trash Humpers (2009) heißt. Ähnlich wie Korine oder auch Gaspar Noé zeigt sich le Besco fasziniert vom asozialen Verhalten und dem destruktiven Treiben, das in der tiefsten Unterschicht gärt. Anders als in Virginie Despentes’ und Coralie Trinh This Skandalfilm Baise-moi (2000) handelt es sich beim Wüten der jungen Frauen jedoch nicht um eine souveräne Loslösung von den Autoritäten und den moralischen Codes einer patriarchalischen Gesellschaft, sondern um bloße Niedertracht und Bosheit. Genau damit hat sich die Welle der New French Extremity, der Bas-fonds zweifellos zuzuordnen ist, immer wieder beschäftigt.

Die in Sadismus verwandelte Frustration der sozialen Pariahs bricht sich bei einem Raubüberfall Bahn. Anführerin Mag empfindet an der Zerstörung fremden Eigentums und der Demütigung anderer Menschen so viel Freude, dass sie im Adrenalinrausch fast aus Versehen einen Mann erschießt. Eine weitere Figur, die als Geisel gehalten und mit einem Gewehr bedroht wird, löst die aus dem Mord resultierenden Entwicklungen der zweiten Filmhälfte aus, die Bas-fonds konsequent und realistisch bis an ihr logisches Ende führt. Statt Outlaw-Romantik folgt der Gewalttat die Brechung der Rebellion, die erzwungene Anerkennung der staatlichen Übermacht durch physische Unterwerfung.

Bas-fonds  Dregs  2

Trotz dieses eher unspektakulären Realismus wartet der Film noch mit einer überraschenden Wendung auf – der Einführung einer religiösen Dimension, die le Besco zuvor mit scheinbar aus dem Kontext gerissenen Einstellungen angedeutet hatte, in denen zu Bildern von Himmel und Wasser Gebete und biblische Textstellen deklamiert wurden. Aus dem Kontext gerissen, im Raum isoliert werden im letzten Abschnitt des Films auch die Körper der Figuren – statt vor ihrem realen Umfeld, zumeist geschlossenen Räumen, stehen sie im schwarzen Nichts. Schwarz sind auch die zahlreichen, zeitlich ausgedehnten Abblenden, mit denen le Besco das illusionistische Continuity Editing ebenso gerne unterläuft wie mit abrupten Schnitten. Die Handkamera und die grau-karge mise-en-scène unterstützen die Rauheit dieses Stils, der sich jeglicher Verkünstelung und damit auch der Anpassung an Arthouse-Paradigmen verweigert.

Die dadurch entstehende Authentizität wird durch die Leistungen der drei zentralen Laien-Darstellerinnen noch bestärkt. Einzig Mags beständiges Brüllen wirkt dabei mitunter etwas aufgesetzt und übertrieben. Gerade Valérie Natafs beeindruckende Performance ist es jedoch, die den Film prägt – sprechen aus ihrem Gesicht zunächst rohe Wildheit und ungezügelte Boshaftigkeit, so verwandelt sich ihre Mimik am Ende in die einer Heiligen inmitten ihres Martyriums. Noémie le Carrer als Mags Schwester Marie-Stéph wiederum hasst ihr Gesicht, will es gar von ihrem Hund kaputt beißen lassen. Ginger Romàn spielt die Rolle von Barbara, einer Außenseiterin unter Außenseiterinnen – die Geliebte von Mag ist als einzige der drei Frauen schön und nicht arbeitslos. Sie ist es auch, die Mags Aggressionen letztlich von der Außenwelt ablenkt und gegen Mag selbst richtet. Damit mag die Hauptfigur für die Gesellschaft unschädlich gemacht worden sein – doch sie ist nur ein Einzelfall, das pathologische Potenzial des ökonomischen und sozialen Assimilationsdrucks bleibt bestehen. Die Abwesenheit von Symptomen ist nicht immer gleichbedeutend mit der Heilung einer Krankheit.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.