Barfuß auf Nacktschnecken

Die Vernunft und der kindliche Blick: Ludivine Sagnier gelingt die besondere Darstellung einer besonderen jungen Frau.

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Auch wenn Fabienne Berthaud in ihrem zweiten Spielfilm nach Frankie (2005) alles tut, um einer vereinfachenden Charakterisierung ihrer Hauptfigur entgegenzuwirken, versuchen wir es: Lily (Ludivine Sagnier) ist längst kein Teenager mehr, träumt aber noch immer den Traum der Kindheit und verweigert sich den langweiligen Verhaltensregeln des Erwachsenenreichs. Sie lebt im Moment, so frei wie es nur geht, sammelt Tierfelle und bastelt stetig an der eigenen Fantasiewelt. Sie sagt, was sie denkt, und tut, wozu sie Lust hat, und das ist für ihre Umwelt manchmal nur schwer zu ertragen. Kurzum: Lily ist ein klein wenig verrückt.

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Zu Beginn von Barfuß auf Nacktschnecken (Pieds nus sur les limaces) wird Lily mit dem plötzlichen Tod der Mutter konfrontiert, mit der sie auf einem Landhaus außerhalb von Paris gelebt hat. Dieser Schicksalsschlag ist nun nicht so sehr emotionales Problem für die abseits ihrer Traumwelt eher überrationale Lily als vielmehr der Auslöser dafür, dass sie selbst zum Problem wird. Denn das Mädchen auf dem Hof sich selbst zu überlassen scheint ausgeschlossen. So kommt ihre große Schwester Clara (Diane Kruger) aus Paris zu Lily aufs Land, erst nur an den Wochenenden, dann auf Dauer.

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Diese Clara – man mag es geahnt haben – ist das Gegenteil von Lily. Sie hat den Anwalt Pierre (Denis Ménochet) geheiratet, die beiden leben ein geregeltes Leben und wollen eine Familie gründen. Dass Clara nun zunächst in die Rolle der Ersatzmutter gedrängt wird, sorgt naturgemäß für Konflikte. Nicht nur wollen Pierre und dessen Eltern das Sorgenkind am liebsten loswerden, auch Lily selbst bemerkt, dass sie zu einer Last geworden ist. Doch je länger die beiden Schwestern zusammen sind, desto deutlicher tritt ein anderes Motiv in den Vordergrund und löst die scheinbar klare Opposition zwischen der aufgeräumten Clara und der verrückten Lily auf. Denn auch hinter Claras Fassade der Zufriedenheit versteckt sich eine innere Unruhe. Für ihr geregeltes Leben ist sie Kompromisse eingegangen – das durchschaut niemand so gut wie die naiv wirkende, aber scharf beobachtende Lily. Und so geht es immer weniger darum, wie Clara ihre kleine Schwester zur „Vernunft“ bringt, und immer mehr darum, wie Lily ihrer großen Schwester die Absurdität des „normalen“ Lebens zeigt.

Berthaud benutzt also das Porträt zweier Schwestern zur Verhandlung des Verhältnisses zwischen Normalität und Wahnsinn. Als Stimme der Norm tritt Claras Mann Pierre in Erscheinung, der andeutet, dass er Lily für verrückt hält  – Berthaud aber verbannt diese Figur in den Hintergrund und versucht, den Blick auf Lily in einen Blick durch Lily auf die Gesellschaft zu verwandeln. Warum beschweren sich die Nachbarn, wenn Lily das Grab ihrer Mutter auf ihre eigene Weise schmückt? Warum schimpft ihre Schwester, wenn sie ihren Körper den schüchternen Dorfjungs zur Verfügung stellt und es allen Spaß macht? Ist eine Gesellschaft, die sich über rigide und bei näherem Hinsehen absurde Prinzipien definiert, nicht schon viel verrückter, als Lily es je sein könnte?

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Dieses Motiv des vermeintlich Wahnsinnigen, der unsere Kultur als den eigentlichen Wahnsinn entlarvt, ist nun nichts Neues. Zwei Aspekte machen Barfuß auf Nacktschnecken allerdings sehr sehenswert: Zum einen die angenehm unvorhersehbare und doch stets plausible Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden Schwestern, die sowohl der starken Figurenzeichnung Berthauds wie auch den Leistungen ihrer Darstellerinnen zu verdanken ist. Während Diane Kruger zeigt, dass sie besser ist als ihr Ruf, geht Sagnier völlig in ihrer Rolle auf – ihre Darstellung macht Lily von der durch das Drehbuch vorgesehenen Funktion als Außen der Gesellschaft zu einer Figur, die uns in Erinnerung bleibt. Zum anderen die visuelle Umsetzung des Films, von der liebevollen Ausstattung der Künstlerin Valérie Delis bis zur tollen Handkamera-Arbeit, für die neben Kamerafrau Nathalie Durand auch Berthaud selbst verantwortlich zeichnet.

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So wie Lily und Clara eine Ebene zwischen der Regellosigkeit der einen und den festeren Vorstellungen der anderen finden müssen, versucht sich Berthaud an einem Kompromiss zwischen der formalen Freiheit bei der Inszenierung der einzelnen Szenen und dem narrativen Imperativ der Handlung. Dabei teilt die Regisseurin die Experimentierfreude ihrer Protagonistin, versucht sich immer wieder an ungewöhnlichen Blickwinkeln und findet einen filmischen Rhythmus, der zu keinem Zeitpunkt an ein Primat des Drehbuchs denken lässt. Diese Stilisierung des einzelnen Moments wirkt manchmal etwas bemüht, aber niemals beliebig, weil sich die Kamera der starken Geschichte und ihren Figuren bescheiden unterordnet, häufig nur einen Teil der Gesichter erfasst, sich immer wieder distanzieren und neu positionieren muss. Damit ist Barfuß auf Nacktschnecken nicht nur wegen der lichtdurchfluteten Landschaft Südfrankreichs der angepriesene „verspielte Sommerfilm“, sondern auch, weil der Film weniger an umfassender Gesellschaftsanalyse interessiert ist, als zum Genuss seiner aufregenden Bilder und zum Kennenlernen seiner starken Figuren einlädt –  Barthauds filmischer Blick ist nicht allmächtig, sondern in der Tat verspielt und offen.

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Kommentare


Heinz Wondratschek

Einige schöne Bilder. Das war`s denn auch schon. Man ist ja schon aus früheren Zeiten des französischen Film`s gewohnt, eine Intention (nur schwer) erkennen zu können aber hier mangelt es an allem: Lily, die abseits jeder Realität - Tag und Nacht im Nachthemd - irgendwo durch den Wald rennt, sich ihren Trieben hingibt und unter dem, schlecht gespielten,Deckmäntelchen psychischer Probleme Narrenfreiheit genießt. Für Menschen die den Tiefgang eines Milky - Way Riegels in Milch haben soll da wohl die "Message" lauten: "Carpe diem, egal was dabei rauskommt. So wird das ganze Brimborium dann auch noch als Rettungsaktione für ihr Schwesterherz dargestellt. Weiterhin ärgerlich: Darstellung plötzlich aus dem nichts auftauchender sehr beklemmender Situationen - Mordversuch der Schwester an Lily,Auftauchen von 3 Gelegenheitsarbeitern im Haus der Schwestern - die z. T. weder Vorgeschichte haben noch im weiteren bearbeitet werden.


Ernesto Lope de Aguirre

Das ist ein wunderbarer Film und sicher der schönste, den ich die letzten Jahre gesehen habe. Bester Moment ist der, in dem die drei Gelegenheitsarbeiter auftauchen - und wie spießig unser Kopfkino darauf reagiert: Natürlich werden die beiden Schwestern jetzt vergewaltigt und umgebracht, das ganz Haus ausgeraubt usw.. WIESO EIGENTLICH?? Weil es in jedem anderen Film so kommen würde?
Barfuß auf Nacktschnecken zeigt uns, wie viel Angst wir vor dem wahren Leben haben.


Alma

Ich kann meinem Vorgänger nur zustimmen. Auch für mich ein wunderbarer Film, voller Lebendigkeit. Das innere Kind, das wir alle verdruckst und halb tot oder geliebt und voller Leben in uns tragen , durfte sich in Lily ungebremst ausleben, all seine Kreativität und Liebesfähigkeit ungebremst ausdrücken. Am Ende kam das ordnende Element, das den kreativen Impuls kanalisiert, in Form der Herstellung von Hausschuhen und dem Verkauf hinzu. Ich bin selten so glücklich und gelöst aus dem Kino gegangen!






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