Barcelona

Das Leben und die Liebe der Expats: Barcelona ist bis heute der wohl unbekannteste Film in Whit Stillmans Werk – und eine wunderbare Komödie über Antiamerikanismus.

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Metropolitan (1990), The Last Days of Disco (1998) und Barcelona (1994): Das ist einer der schönsten Dreiakter des amerikanisches Kinos der 1990er Jahre. Zusammen ergeben sie weniger eine Trilogie als ein wunderbares Triptychon, das nicht so sehr dem Prinzip der Fortsetzung folgt (auch wenn man es durchaus als eine chronologische Erzählung auffassen kann), sondern vielmehr aus drei coming-of-age Geschichten besteht, die sich untereinander ergänzen und variieren. In Barcelona, angesiedelt „in der letzten Dekade des Kalten Krieges“ und damit zeitlich gesehen der abschließende Teil des Triptychons, sind die adretten Figuren Stillmans – nun als Expats in Barcelona – im Arbeitsleben angekommen. Doch Fragen des Liebes- wie Berufslebens sind nach wie vor ungeklärt. Der Untertitel, unter dem Metropolitan firmierte, gilt nach wie vor: „Doomed Bourgeois in Love“.

Antiamerikanische Ressentiments

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Ted (Taylor Nichols) arbeitet in der Filiale eines amerikanischen Unternehmens. Zwar ist er von seinem Beruf als salesman überzeugt und lebt ihn mit Leib und Seele, doch als sich Besuch aus der Firmenzentrale ankündigt, fürchtet er um seinen Job. Diese Sorgen stehen jedoch in keinem Verhältnis zu dem Chaos, das sein Cousin Fred (Chris Eigeman) anrichtet. Dieser wird als Vorhut der amerikanischen Marine in die katalanische Metropole geschickt und soll die Ankunft der Flotte vorbereiten. Geld für ein Hotel hat er aus unerfindlichen Gründen nicht, und so quartiert er sich bei Ted ein und plündert auch noch dessen Ersparnisse. Fred fehlt jedoch nicht nur Geld, er besitzt zudem nur seine Navy-Uniform, die die Spanier entweder als Kostüm interpretieren oder als Symbol des Imperialismus beschimpfen. Dies übrigens sehr zur Freds Überraschung, der den grassierenden Antiamerikanismus nicht verstehen kann und sich laut wundert, ob die Spanier es lieber hätten, wenn die Russen ihnen alle Croissants wegessen würden. Sein Glauben in die USA verteidigt er sprichwörtlich mit allem, was ihm zur Verfügung steht, so etwa eines Nachts, als er mit einem Kugelschreiber bewaffnet versucht, ein Graffiti umzuschreiben.

Rote Ameisen

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Ob nun Lady Susan in Love & Friendship (2016) oder Charlotte in The Last Days of Disco, Zyniker oder gnadenlose Realisten nötigen durch ihre Handlungen ihrem Umfeld eine Reaktion ab. So auch in Barcelona. Allerdings präsentiert sich diese Konstellation etwas vertrackter, da diese Rollenaufteilung kurzerhand auf ganz Europa und die USA ausgeweitet wird: Hier die abgebrühten, zu Verschwörungstheorien neigenden Europäer, dort die vielleicht naiven, aber doch liebenswürdigen Amerikaner. Ted erklärt sich den europäischen Antiamerikanismus etwa so: Da die Hamburger in Spanien so schlecht sind, die Amerikaner jedoch gerne Hamburger essen, müssen Amerikaner in den Augen der Spanier schrecklich unkultivierte Menschen sein. Dieser polemische Antiamerikanismus macht Barcelona überaus unterhaltsam. In einer der lustigsten Szenen des Films versucht Ted gegenüber kritischen Spaniern das amerikanische Verhalten zu rechtfertigen und wählt dabei die doch sehr unglückliche Metapher von roten und schwarzen Ameisen. Als Teds misstrauische Zuhörer die USA immer wieder des Imperialismus bezichtigen, nimmt Fred kurzerhand einen Stein und schmeißt ihn, ganz der gute Soldat, genervt auf die roten Ameisen. Ende der Diskussion.

Terror

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Whit Stillman wird zu Recht für seinen fantastischen Sprachwitz gelobt. Leicht übersieht man dabei, dass seine Inszenierung dem in nichts nachsteht. Barcelona etwa beginnt mit einem herrlichen Match Cut. Bei einer Bombenexplosion wird die amerikanische Bibliothek zerstört. Vom Staub der Explosion, der das Bild langsam ausfüllt, schneidet Stillman zu einer jungen Frau, die sich vor einem Spiegel schminkt und in einer Wolke aus Puder sitzt. Und dann in der nächsten Szene, als ob dieser Spiegel zerstört werden muss, wirft jemand einen Stein in das Schaufenster eines IBM-Computergeschäfts. Ein rasant-furioser Anfang, der auch gleich das Tempo des Films vorgibt, denn: Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Überhaupt merkt man dem Film an, dass er im Vergleich zu Metropolitan die Erzählung etwas aufbrechen möchte. Barcelona ist komplexer und arbeitet stellenweise fast schon assoziativ. Rückblenden in die gemeinsame Jugend der beiden Cousins oder Tagträume durchsetzen immer wieder den Erzählfluss und unterstreichen das Gefühl der Fremdheit, das durch den Sprung auf den alten Kontinent sowieso schon vorhanden ist.

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Gleichzeitig spielt der Anfang leichthändig auf Momente des europäischen Kinos an. Der Kontext des Kalten Krieges und die Terrorattacken – eine davon richtet sich am Ende gegen Fred – erinnern an die politischen Thriller eines Costa-Gavras oder Francesco Rosi. Die stilisierte Schönheit der Frau vor dem Spiegel, spanischer Post-Franco-Glamour, kann man durchaus als Referenz an die Filme Pedro Almodóvars verstehen. Diese Momente ziehen sich auch weiterhin durch den Film, in Stillmans Klassizismus werden sie jedoch nicht als ironische Augenzwinkerei abgetan, sondern es geht dem Film einmal mehr darum, amerikanisch-europäische Differenzen herauszuarbeiten. Schließlich zurück in der Heimat, blickt Ted auf das Erlebte nüchtern zurück. Sein versöhnliches Fazit: „You see, that's one of the great things about getting involved with someone from another country. You can't take it personally. What's really terrific is that when we act in ways which might objectively be considered asshole-ish or incredibly annoying... they don't get upset at all. They just assume it's some national characteristic.“

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