Barbara

Draußen weht der Wind, und drinnen ticken die Uhren.

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„Helfen Sie auch Arschlöchern?“, fragt die Ärztin Barbara (Nina Hoss) ihren Kollegen André (Ronald Zehrfeld). Sie, die raus will aus der DDR, die dafür strafversetzt wurde von der renommierten Charité in Berlin in die mecklenburgische Provinz, muss misstrauisch sein. André schreibt Berichte über Barbara, über ihr Verhalten, ihre Moral. Und der Ehemann (Rainer Bock) jener Patientin, die André gerade behandelt hat, veranstaltet regelmäßige Razzien in Barbaras Wohnung. Das Stasi-Arschloch. „Wenn Menschen krank sind, helfe ich“, lautet die knappe Antwort. Damit ist alles gesagt, oder nichts.

In der Arbeit des Arztes überlagern sich die unterschiedlichsten Verpflichtungszusammenhänge. Der hippokratische Eid und die Vaterlandstreue kommen da schnell in Konflikt. Ein Schwur, dem Wohle der Kranken gewidmet, ein Zwang, dem Wohle aller verschrieben. Aber nichts ist Unterschieden gegenüber gleichgültiger als die Krankheit. Und nichts ist persönlicher. Das Stasi-Arschloch, einmal thront es mitleidlos in Barbaras Wohnzimmersessel, während seine Agenten ihre Wohnung auf den Kopf stellen. Das andere Mal sitzt ein Ehemann weinend im Zwielicht. Wem hat André geholfen?

Im Krankenhaus mischen sich Staatsräson und Biopolitik

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Dies ist eine zentrale Frage in Christian Petzolds Barbara: Wem wird geholfen, dem Genossen oder der Privatperson? Doch Hilfe ist nicht gleich Heilen. Auch Barbara, die potenzielle Dissidentin mit dem Westfreund, wem hilft sie, wenn sie eine aus dem Arbeitslager ausgebrochene junge Frau (Jasna Fritzi Bauer) vor dem Tod bewahrt? Die Polizei schleift die Genesene aus der Klinik direkt zurück in die Gefangenschaft.

Petzold wirft in Barbara einige bedenkenswerte moralische Fragen auf, oder besser: Er lotet die Möglichkeiten ihrer Beantwortung aus. Mit dem Mikrokosmos des Krankenhauses hat er ein Motivfeld gefunden, in dem sich Staatsräson und Biopolitik mischen. Und in der Figur des Arztes brechen sich diese Linien genau im Punkt der persönlichen Entscheidung. Oder der Illusion einer solchen. Der Arzt in der Diktatur: Im Kampf um das Wohlergehen der Patienten ist er mal Dissident, mal Folterknecht.

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Doch Barbara ist keine reine Diskursmaschine, und ebenso wenig will der Film mit dem „Unrechtsstaat“ DDR abrechnen. Keine der hier aufgeworfenen Fragen verliert an Berechtigung, wenn man sie auf ein demokratisches System überträgt. Vielleicht treten sie in dem Gefüge aus Bestrafung, Bespitzelung und schlichtem Alltag, so wie Petzold es entwirft, nur klarer zutage. Petzold begegnet der DDR mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit, ohne Verzerrungen, ohne Beschönigungen.

Die DDR zwischen Wildnis und Gleichtakt

Was den ersten Epochenfilm des Regisseurs jedoch noch viel stärker auszeichnet, ist seine klare Bekenntnis zu menschlichen Einzelschicksalen, zum Ringen des Individuums mit den Verpflichtungen und den Gefühlen. Und Letztere sind in jedem politischen System wahrscheinlich die gleichen.

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Petzold ist ein ausgesprochen versierter Storyteller, der soziale und individuelle Konflikte gekonnt ineinander verschränkt, den Politthriller mit einer gesamtdeutschen Dreiecksromanze übermalt. In der Wahl seiner Einstellungen ist er gewohnt präzise, spielt objektive und subjektive Perspektiven gegeneinander aus, greift zu klassischen Dialogauflösungen, wenn es der Story dienlich ist, und entwickelt dabei doch ungemein evokative, berührende Handlungsräume. Wunderbar, wie er beispielsweise den Außenraum der Natur und das mausgraue Privatgemach Barbaras auf der Soundebene voneinander abgrenzt: Draußen weht ununterbrochen der Wind, und drinnen ticken immer die Uhren. Wildnis und Gleichtakt – in dieser Spannung zeichnet sich ein spezifisches Bild der ehemaligen DDR und ein allgemeines Bild des Individuums in der Gesellschaft ab.

Und dann gibt es, sehr selten und dadurch umso effektiver, einzelne expressive Momente, die vor allem über starke Lichtsetzung funktionieren. Ein ganz in rot getauchtes Krankenzimmer, eine nächtliche Fahrradfahrt in strahlend blauem Licht: Petzold erzwingt Atmosphären nicht, aber er ist mitnichten ein gefühlskalter Funktionalist.

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Die Ökonomie des Erzählens in diesem fein austarierten Film funktioniert essenziell über eine Dynamik des Zurückhaltens und des Aufdeckens von Informationen. Und genau um dieses Verhältnis kreisen auch alle innerfilmischen Situationen, sei es in dem Ringen um Vertrauen, das sich zwischen Barbara und André entspinnt, oder im permanenten Misstrauen zwischen ihr und den sichtbaren und unsichtbaren Agenten des Staates. Kein Bild ist hier unschuldig, weil jeder Blick und jede Handlung schon gefiltert sind durch die oft widerstreitenden Intentionen der Figuren, der Filmerzählung oder der Macht. Aber in Barbara ist die wichtige Frage nicht die, wie man zurückkehren kann zu einer unmöglichen Unschuld, sondern wie man in einer zwangsläufig immer durch Unaufrichtigkeit kontaminierten Welt trotzdem zueinander, und zu sich selbst finden kann. 

Trailer zu „Barbara“


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Kommentare


Axel Hoeber

Hallo,
Auch wenn Torgau nicht an der Ostsee liegt und auch eine Flucht mit dem Schlauchboot in Richtung Westen wenig Aussicht auf Erfolg hatte, ist es doch ein gelungener Film...
In Kirchmöser, ganz in der Nähe wo der Film gedreht wurde, habe ich im August 1986 auf der Post das "Neue Leben" erwischt...






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