Barbara – Kritik

Nicht nur bei Arnaud Desplechin, auch in seinem eigenen Film spielt Mathieu Amalric einen Regisseur. Das hat natürlich alles Gründe – sehr gute sogar. Das Musikporträt Barbara eröffnet in Cannes die Sektion Un Certain Regard.

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Dass man, wenn man einen Film über das Leben historischer Figuren dreht, zugleich die Bedingungen dieses Films klärt, nimmt im gegenwärtigen biografischen Kino immer schärfere Konturen an. Erst kürzlich war etwa Pablo Larraíns Jackie einer dieser Filme, die sich in einen ständigen und immer neu zu verhandelnden Dialog mit dem originalen Material von und über Jackie Kennedy gesetzt haben. Biografische Arbeiten sind hoch synthetische Prozesse, und mal werden genau diese sichtbar, mal verbergen sie sich. So war das bei Larraín – und so ist es nun auch (wenngleich ganz anders) bei Mathieu Amalric, dessen Film Barbara von der gleichnamigen französischen Sängerin handelt, die in Deutschland wohl vor allem für ihren Chanson „Göttingen“ bekannt sein dürfte. Barbara eröffnet in diesem Jahr die Cannes-Sektion Un Certain Regard – und die Prämisse erinnert zurück an Arnaud Desplechins Ismaels Ghosts, der wiederum den Wettbewerb eröffnete: Erneut spielt Matthieu Amalric einen Filmemacher. Dieses mal allerdings sehr viel weniger exzentrisch als noch bei Desplechin, mit sehr viel mehr Selbstbeherrschung und vor allem mit der Bereitschaft zur Selbstaufgabe.  

Positionswechsel

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Dass aber Barbara seine eigenen Bedingungen nur deshalb klären würde, weil der Film im Film gewissermaßen automatisch jenen Abstand zur historischen Wirklichkeit einbauen und das biografische Arbeiten damit als sorgsame Praxis validieren würde, wäre zu einfach. Amalric geht es nicht darum, erprobte und tradierte Meta-Rezepte anzuwenden, um sich selbst in eine sichere Position zu bringen, es geht ihm noch nicht einmal ums Abstandhalten. Es geht ihm, ganz im Gegenteil, darum, gerade keine Position beziehen zu wollen – und vielleicht auch zu können. Es ist erstaunlich, dass in diesem Film, in dem sich Amalric natürlich auch ein bisschen selbst spielt, nicht die geringste Spur eines Narzissmus liegt. Einmal – es wird gerade eine Bühnenszene gedreht, Brigitte (alias Jeanne Balibar), die für die Rolle der Barbara gecastet wurde, sitzt mit befedertem Kostüm am Flügel, der Scheinwerfer-Spot wird auf ihr wild geschminktes Gesicht gerichtet, sie spielt und singt, die Kameras laufen, Yves (alias Amalric) prüft die Einstellung über einen Monitor – springt der Regisseur auf, ruft seinem Kameramann zu, er solle nun ihn filmen, hüpft hinunter in den Zuschauerraum, verjagt einen der dort sitzenden Statisten und setzt sich selbst in die Stuhlreihe. Es ist die vielleicht wichtigste Szene des Films, denn es ist eben nicht so – und darin besteht auch die Bedingungsprobe von Barbara – dass sich hier ein Regisseur als Regisseur selbst inszeniert, sondern dass sich ein Regisseur als Zuschauer inszeniert, dass ihm gleichsam gar nichts anderes übrig bleibt, als sich als Zuschauer zu inszenieren.

Aus der Tiefe kommt ein Geist

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Im Zentrum steht Barbara, nur sie, nichts sonst; im Zentrum steht ihre Musik – alles andere muss sich anpassen. Amalric und/oder Yves sind nicht die Chronisten eines fremden Werks, sie sind schlicht die von diesem Werk Affizierten, das heißt, sie sind auf keine Rolle festzulegen, auf keiner Position sicher, sie sind Ausgelieferte. Wenn auch zwischen Brigitte und Barbara die Grenzlinien immer diffuser werden, wenn sich Brigitte vor einer Leinwand stehend die gestische Feinarbeit der projizierten Barbara antrainiert, wenn dadurch die Bilder ineinander geschoben werden, einander überspielen, überlagern und verzerren, dann wird klar, dass die Anverwandlung an und letztlich sogar die Verwandlung in die Sängerin kein (pseudo-)psychologisches Geschehen bildet, dass hier nicht die gängig genannten Kategorien von Person und Rolle und die Graubereiche dazwischen auf dem Spiel stehen, sondern dass sich tatsächlich aus der tiefsten Schicht dieses Films der Geist Barbaras freisetzt – irgendwie ganz von alleine, ganz ohne Kategorien, in einer Mischung aus ihrer Musik und dem fantastischen Spiel von Balibar. Barbara ist eine biografische Arbeit, die ihre Medienbedingungen Stück für Stück abwirft. Man könnte auch sagen: Aus dem Biografischen wird sukzessive das Grafische abgetragen.

Selbstaufgabe

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Der Geist ist Affekt und nicht Substanz. Der Geist lässt sich nicht einfangen, im Grunde lässt er sich noch nicht einmal sehen, er lässt sich deshalb auch nicht wirklich filmen. Der Regisseur wird obsolet. Er wird in seinem eigenen Film zur Randfigur. Am Schluss steht Yves vor verschlossener Türe. Brigitte ist längst Barbara, oder wenigstens niemand sonst. Brigitte/Barbara steht im Garten. eine Sammlung seltsamer Instrumente um sie herum. Yves kommt nicht rein. Sein eigener Film hat ihn ausgesperrt. Dieser läuft weiter, für ihn nicht sichtbar. Genau deshalb ist Barbara kein narzisstischer Film. Die Bedingung, die dieser Film stellt, ist die Bereitschaft des Regisseurs, sich abschaffen zu lassen, den Geist freizugeben, den er eigentlich mit seinem Film sucht, sich selbst auf die Bänke zu verweisen, nur mehr auf die Bühne starren zu können, mit dem typischen Amalric'schen Augenpaar, das eigentlich nach Innen zu sehen scheint. Am Schluss dann – ein kurzer Archivmoment – sehen wir die echte Barbara. Aber eigentlich sahen wir in diesem Film nie jemand anderen.

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