Banksy - Exit Through the Gift Shop

Der britische Graffiti-Artist Banksy hat einen Film gemacht. Was als kurzweilige Streetart-Doku beginnt, entwickelt sich zu einem kulturkritischen Essay mit pessimistischer Note.

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Schon als Exit Through the Gift Shop im Februar auf der Berlinale gezeigt wurde, konnte man in jeder Inhaltsangabe den Clou dieses eigenwilligen Dokumentarfilms nachlesen. Dass dieser nämlich ursprünglich als Reportage über den berüchtigten Streetart-Künstler Banksy gedacht war, sich dann aber in ein Porträt des Mannes verwandelte, der die Reportage geplant hatte – des Franzosen Thierry Guetta. Dieser hatte zwar etliche Stunden Videomaterial mit waghalsigen Graffiti-Aktionen hergestellt, war nach Banksys Meinung aber nicht in der Lage, die gesammelten Aufnahmen zu einem Film zusammenzustellen. Kurzerhand stellte der Künstler das Projekt auf den Kopf, schnappte sich Thierrys Kamera und ermunterte den Franzosen, sich selbst künstlerisch zu betätigen. Was wie ein bloßer Gag mit kalkuliertem Kultpotenzial klingt, hat weitreichende Konsequenzen – wie Banksy später selbst bemerkt:

„Ich wollte einen Film machen, der für Streetart das bewirkt, was Karate Kid (The Karate Kid, 1984) für den Kampfsport bewirkt hat. Aber wie sich herausstellt, haben wir einen Film gemacht, der für Streetart so viel getan hat wie Der weiße Hai (Jaws, 1976) für den Wassersport.“

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Das klingt erst einmal ein wenig wie Koketterie, denn natürlich ist der Film auch eine Hommage an die Streetart-Bewegung, ein Denkmal für die engagierten Menschen, die eine Mauer nicht als Mauer akzeptieren, sondern als Aufforderung verstehen, sie kreativ für Kunst und politischen Protest zu nutzen. Doch Banksys scheinbares Understatement drückt aus, dass der Londoner Künstler mit seinem Film tatsächlich mehr will als nur dieses Denkmal. Seinen eigentlichen Gehalt offenbart der Film im zweiten Teil, nachdem Thierry den Rat seines Vorbilds angenommen hat und unter dem Pseudonym „Mr. Brainwash“ selbst zum Künstler geworden ist.

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Während Banksy bereits mit einer zunehmenden Kommerzialisierung seiner Werke zu kämpfen hat, führt Thierrys Kunst den Streetart-Kult endgültig ad absurdum. Binnen kürzester Zeit produziert der Franzose eine Vielzahl von Objekten und stellt mithilfe einer Marketing-Kampagne eine riesige Ausstellung in Los Angeles auf die Beine, die in den Medien gehypt wird und am Ende über eine Million Dollar Gewinn abwirft. Mit seiner Ermunterung zum künstlerischem Engagement hat Banksy ein Monster namens „Mr. Brainwash“ geschaffen, das die Szene nicht nur kommerzialisiert, sondern ihr ganzes Verständnis von Kunst und Politik in Frage stellt.

Denn wenn Banksy ein Kind mit Luftballons an die Mauer im Westjordanland malt oder eine als Guantánamo-Häftling verkleidete Puppe neben einer Attraktion im Disneyland platziert, dann ist der Standort des Objekts ein Teil des Kunstwerks. In einer Ausstellung dagegen sind Objekte zur Betrachtung arrangiert, Kunstwerke werden zu Exponaten, von ihrer Umgebung gelöst, schließlich zu Waren mit oft spekulativen Preisen. Zwar erzeugt auch Mr. Brainwash kritische Werke mit politischen Anspielungen, weil diese aber direkt für den Ausstellungsbetrieb hergestellt wurden, tritt an die Stelle von persönlichem Stil und politischer Aussage die kontextlose Beliebigkeit von Kunstprodukten, die der zahlende Besucher konsumieren kann. Der Unterschied zwischen Banksys Synthese aus Politik und Kunst und Thierrys finanziellem Erfolg mit politischer Kunst ist ein überaus anschauliches Beispiel für das Phänomen, das Postmoderne genannt wird. Wenn Kunst alles darf, wenn sie auch noch die ihr immanenten Maßstäbe abschafft, dann kann nur noch der zählbare Erfolg den leeren Platz einnehmen und zum Qualitätskriterium werden – und Mr. Brainwash zum neuen Star der Streetart-Szene.

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Nun sind Entpolitisierung und Kommerzialisierung von Kunst mitnichten ein neues Thema. Aber Banksy handelt es am Beispiel einer Bewegung ab, die sich – aufgrund ihres illegalen Status und der Eroberung des öffentlichen Raumes – immer ein Höchstmaß an Autonomie bewahrt hat und schon vom Selbstverständnis her antikommerziell ist. An der Figur von Thierry Guetta alias Mr. Brainwash und dessen Erfolg mit spektakulären, aber beliebigen Werken zeigt Banksy, dass selbst diese Bewegung nicht immun gegen die Mechanismen der Marktwirtschaft ist. Die große Qualität des Films besteht nicht darin, dass er eine Lösung für dieses Problem parat hätte, sondern gerade darin, dass er die Frage nach Wesen und Aufgabe von Kunst im 21. Jahrhundert neu stellt.

Die letze große Ironie des Films tritt zutage, wenn auch Thierrys vorerst nur für den Eigengebrauch hergestellten Videoschnipsel verwertbar geworden sind: als Exit through the Gift Shop. Banksys Film ist zu einem Produkt geworden, das in den Kinos dieser Welt ausgestellt wird, und damit zu einem Resultat der Entwicklung, die er zeigt. Scheinbar autonome Kunst muss schon dadurch an Autonomie verlieren, dass sie nur über bestimmte Mechanismen der Vermittlung öffentlich werden kann. Und vielleicht auch deshalb, weil es wirkliche Autonomie im Zeitalter des „Copy-and-Paste“ nicht mehr geben kann.

In diesem Sinne ist Exit through the Gift Shop ein tief pessimistischer Film. „I used to encourage everyone I knew to make art; I don’t do that so much anymore.“ Die ironische Aussage Banksys gegen Ende des Films wird im Kino für einige Lacher sorgen. In Wahrheit hat sie einen äußerst bitteren Gehalt.

Trailer zu „Banksy - Exit Through the Gift Shop“


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Kommentare


Husonaut

Ich werde die Vermutung nicht los, dass alles ein geplanter Streich ist oder es wurde extrem behutsam beim Videomaterial gearbeitet, welches aber bei der Quantität der Tapes nicht wirklich viel Sinn ergibt. Thierry spricht von Make-Up, dann das Interview mit der sichtlich verblödeten reichen Frau, aber vor allem der Niederriss der Mauer von Thierry. Für mich ist das ein weitere meisterliche Inszenierung von Banksy

In diesem Sinne

Banksy is sell out ;)






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