Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus

My French Film Festival: Den Titel blendet sie in Blau und Pink ein, Homosexuelle kommen quasi nicht vor und die Kamera läuft im male-gaze-Modus: Eva Husson will einen Film über die „moderne Liebe“ gedreht haben.

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Im Coming-of-Age-Genre ist derzeit kein Vorbeikommen an Teenies, die sich pausenlos krampfhaft an ihr Handy klammern. In Bang Gang (im Original ist der Untertitel deutlich weniger reißerisch: une histoire d'amour moderne) passiert das selbst noch beim Sex: Der Akt muss nicht nur erlebt, sondern auch geteilt werden. Social Fucking. Als ein entsprechendes Video mit der 16-jährigen George (Marilyn Lima) auf YouTube landet, wird deutlich, wie die 39-jährige Regisseurin Eva Husson sich das Internet vorstellt: Am Tag nach der Veröffentlichung hat ein Mitschüler von George bereits herausgefunden, wer den Clip hochgeladen hat. Mit körperlichem Nachdruck fordert er den Schuldigen auf, das Video zu löschen: „Heute Abend, wenn du zu Hause bist.“. Nicht etwa sofort, per Smartphone... Und als der Täter der Aufforderung brav folgt, sind alle erleichtert, dass das Video endgültig aus dem Netz verschwunden ist – ein Glück, dass es kein YouPorn, Pornhub, Redtube, X-Hamster, EPorner, Nudevista, keine Filesharing-Seiten und Torrents gibt.

Die Welt der Jugend als Wille und Vorstellung

Bang Gang basiert auf „realen Ereignissen“ – das gibt der Regisseurin eine carte blanche zum wilden Fantasieren. Nun wird es mit Sicherheit Jugendliche geben, die sich genau so verhalten, wie Husson es zeigt: wahlloses Kopulieren vor zuschauenden und mitfilmenden Klassenkameraden unter erschreckend abgeklärter Ausschaltung jeglicher Gefühle auf nachmittaglichen Gang-Bang-Parties – mit freundlicher Unterstützung von Kokain. Mit der Bezeichnung „Geschichte der modernen Liebe“ beansprucht Husson für solche Einzelfälle aber Allgemeingültigkeit. Das mag mehr darüber aussagen, wie sich Enddreißiger mit opulenter Imaginationskraft heutige Teenager vorstellen, als darüber, wie junge Menschen tatsächlich miteinander und mit der eigenen Sexualität umgehen.

Männlicher Blick, mütterliche Moral

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Was das Ganze noch schlimmer macht: Die Art und Weise, wie die Regisseurin ihre Vorstellungen in Bilder umsetzt, ist zutiefst vom male gaze geprägt – von dem selbstverständlich auch viele Frauen nicht frei sind. Es gelingt Husson nicht, sich von dieser kulturellen Fremdbestimmung zu lösen, und so fungiert Bang Gang immer wieder als Erfüllung männlicher Fantasien: Miteinander knutschende Mädchen gibt es mehrfach zu sehen – sie folgen dabei aber nicht etwa homosexuellen Neigungen, sondern ziehen lediglich die erregte Aufmerksamkeit der sie umringenden Jungs (und der männlichen Kinozuschauer) auf sich. Miteinander rummachende Jungs tauchen nur in einer einzigen Szene auf – und auch dort nur kurz und am Rande. Gruppensex gibt es nur in der Variante Mann-Frau-Frau-Frau, nie aber „bedienen“ mehrere Männer die Bedürfnisse einer Frau. Dieser heteronormative männliche Blick wird auch nie von fülligen oder auf andere Weise Schönheitsideale unterlaufenden Frauenkörpern irritiert.

Vor allem aber schafft es Husson nicht, ihre Figuren zu zeigen, ohne über sie zu urteilen. Gegen Ende fährt ihr mehrfach der Zeigefinger hoch. Etwa wenn ein Vater verbatim die Moral von der Geschicht’ ausführt: „Das ist doch keine Art und Weise, einander zu begegnen. Seid ihr denn alle füreinander austauschbar?“ Das könnte man noch als bloße Darstellung des elterlichen Unverständnisses lesen. Dass dies aber auch Hussons Haltung zu sein scheint, legte eine recht hölzerne Wendung nahe: Als Strafe für das promiske Verhalten der Jugendlichen brechen Tripper und Syphilis über sie herein – und der Film wechselt von der Erotik zum STD-und-Abtreibungs-Drama. Als Heilung der pubertären Hemmungslosigkeit präsentiert Husson ein geradezu revolutionäres Konzept: Boy meets Girl. Da verlieben sich doch im Finale tatsächlich zwei Menschen ineinander – und siehe da: Sex mit Liebe ist besser als ohne. Traditionelle romantische Vorstellungen als Twist, das hat eine feine ironische Note. Nur bleibt unklar, ob Husson das auch merkt oder vollkommen ernst meint.

Träumerische Bilderwelten

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Das klingt nun in der Summe ziemlich grauenhaft: Gender- und sexualpolitisch ist der Film arg konservativ, er stilisiert ausschweifende Ausnahmen durch viel schlüpfrige Fantasie zur gesellschaftlichen Norm hoch, übernimmt unhinterfragt eine männlich-heterosexuelle Perspektive und verbindet sie mit maternalistischer Didaktik, die den Jugendlichen erklärt, was gut für sie ist.

Dennoch darf man gespannt sein auf die zukünftigen Werke der Regie-Debütantin Husson, denn auch wenn Bang Gang scheitert, lässt er doch das inszenatorische Talent der Regisseurin durchscheinen. Vor der Wende zum Tragischen ist der Film beständig von einer Aura des Traumhaften umgeben. Wiederholt dreht Husson den Originalton ab, legt (etwas viel) Musik drüber und distanziert das Geschehen so von der unmittelbaren Realität. Sanft gleitet George auf ihrem Skateboard durch die Kleinstadt, und weil das Board oft außerhalb des Bildkaders bleibt, scheint sie zu schweben. In einer asexuellen Nische des Films treffen sich einige Jugendliche nicht zum Gang Bang, sondern zum wild-enthemmten Tanzen, das eher wie eine Art Therapie denn wie ein Vergnügen wirkt. Diese Szenen erinnern an den entrückten Waldtanz in Bertrand Bonellos grandiosem De la guerre (2008). Während der Credits kehrt das Träumerische dann noch einmal zurück: Die Schüler rennen nachts über eine Landstraße und werden dabei in rotes Kunstlicht getaucht – das passt in kein realistisches Erzählkonzept, sieht aber in seiner musikclipartigen Experimentierfreudigkeit toll aus.

Husson gelingen zudem einige schön abrupte Schnitte, die gerade durch ihre brachialen Unterbrechungen große Wirkung entfalten: Ein Mädchen kommt freudig gelöst von einer Party wieder. Cut. Ihr Vater ohrfeigt sie schallend. Ein Junge wäscht seinen gelähmten Vater liebevoll und geduldig, der Vater sagt nur ein emotionsgeladenes „Danke“. Cut. Kein Verharren, keine Sentimentalität, keine peinliche Berührtheit. Vielleicht setzt Husson solche Mittel ja das nächste Mal in einem Milieu ein, das ihr näher ist als die Welt der Jugend.

Bang Gang kann man sich hier, auf der Website von My French Film Festival ansehen: www.myfrenchfilmfestival.com/en/movie

Der Text ist zum ersten Mal am 28.6.2016 erschienen.

Trailer zu „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“


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