Bamako – Kritik

Abderrahmane Sissako hat einen Film über die Auswirkungen der Globalisierung auf sein Heimatland Mali gedreht. Ohne Bilder hungernder Kinder oder Aidsopfer, dafür mit einem schießwütigen Danny Glover in Timbuktu.

Bamako

In einem Dorf in Mali findet ein Prozess statt. Zu sanfter Klaviermusik strömen einige Dutzend Menschen in den Hof eines Hauses und nehmen als Verteidiger, Ankläger, Richter oder Publikum auf Holzstühlen Platz. Nur der Angeklagte fehlt. In Abderrahmane Sissakos Bamako prozessiert die malinesische Bevölkerung gegen die Weltbank und andere Institutionen der globalisierten Weltwirtschaft.

Beide Seiten kommen zu Wort, doch die Tendenz ist klar: Bamako ist zu allererst ein äußerst wütender Film, der die von amerikanisch und europäisch geprägten Institutionen praktizierte neoliberale Weltwirtschaftspolitik und ihre Schäden in Afrika anklagt. Die Angriffe finden auf allen Ebenen statt. Attacken auf die Sprachregelung vom „armen Afrika“ angesichts der Tatsache, dass der Kontinent immense Reichtümer in Form von Bodenschätzen besitzt, finden sich ebenso wie die Denunzierung der Mythen der Globalisierung, die zwar für Waren aller Art, nicht jedoch für an den Außengrenzen der EU internierte Afrikaner die Grenzen öffnet.

Bamako

Wäre Bamako ein reines politisches Manifest, könnte man die Frage stellen, ob der Regisseur im richtigen Medium arbeitet. Doch Sissako benutzt das Spielfilmformat dazu, die Darstellbarkeit sozialer und ökonomischer Zusammenhänge selbst zu thematisieren. Sowohl die Ursachen als auch die konkreten Folgen der Probleme Malis und Afrikas bleiben auf der Bildebene abwesend. Sissako verzichtet auf Aufnahmen hungernder Kinder oder die Inszenierung von Bürgerkriegsszenarien. Das Misstrauen, das Bamako in die Fähigkeit des Mediums Kino hat, geopolitische Diskurse in Form einer konventionellen Spielfilmhandlung darzustellen, wird verständlicher, wenn man sich einige der Filme der letzten Jahre vor Augen führt, die genau dies versuchen. Wenn in Alejandro González Iñárritus Babel (2006) beispielsweise Cate Blanchett in Afrika von einem einheimischen Jungen durch eine japanische Schusswaffe verletzt wird, ist dies alles, jedoch keine angemessene Repräsentation der Machtverhältnisse der Globalisierung. Bamako nähert sich seinem Thema mit der angemessenen Vorsicht, über die mit juristischer Rhetorik durchsetzten Appelle der Prozessbeteiligten oder über afrikanische „oral history“ in den Wortbeiträgen einiger Dorfbewohner. Vor allem jedoch sind es die zahlreichen, mit dem Prozess höchstens lose verbundenen Nebenhandlungen und Alltagsbeobachtungen, die die Politdiskurse in Bamako mit einer Dringlichkeit und Lebendigkeit versehen, wie sie nur im audiovisuellen Medium Film erreicht werden kann.

Bamako

Ein absurdes Setting: Kinder spielen am Rande der Veranstaltung, während die Prozessbeteiligten mithilfe von durch Isolierband notdürftig zusammengehaltenen Mikrophonen über das Schicksal eines Kontinents streiten. Bereits innerhalb der eigentlichen Gerichtsverhandlung brechen die Grenzen zwischen dem afrikanischen Alltagsleben und der intellektuellen Debatte immer wieder zusammen. Doch die Argumente für oder gegen die Aktivitäten der Weltbank in Mali werden zusätzlich mithilfe von Lautsprechern in die Straßen des Dorfes übertragen und werden Teil des ländlichen Lebens. Die Passanten schalten die Übertragung allerdings auch gerne aus, wenn sie genug von den sich wiederholenden Argumenten haben. Und Sissakos Kamera beobachtet die Dorfbewohner nicht nur vor den Lautsprechern, sondern folgt ihnen in die Wohnhäuser oder in Kirchen.

Und dies ist noch lange nicht alles. Zusätzlich zu der politischen Lektion und den quasidokumentarischen Aufnahmen des Dorflebens findet sich unter anderem noch ein wunderschöner afrikanischer Popsong zu Beginn und Ende des Films, eine Italowestern-Parodie namens „Death in Timbuktu“ mit Danny Glover in der Hauptrolle, in welchem eine Horde Cowboys eine andere afrikanische Siedlung überfällt, sowie ein mysteriöser Mordfall in der Familie der Sängerin Mele (Aissa Maiga). Die politisch aufgeladenen Debatten im Dorfhof werden mit zahlreichen weiteren Diskursen angereichert und kontrastiert, ohne dass Sissako explizite Verbindungen zwischen den einzelnen Ebenen des Films konstruiert.

Bamako

Dennoch droht Sissakos Film nie, auseinanderzufallen, was auch dem Stilkonzept des Regisseurs geschuldet ist. Ruhige, sorgfältig ausgewählte und formal makellose Einstellungen bestimmen Bamako von der ersten bis zur letzten Minute. Die Wut der Ankläger greift nie auf die Filmsprache über, die dieselbe unaufgeregte Melancholie verströmt wie in früheren Werken Sissakos, beispielweise seinem in Cannes ausgezeichneten internationalen Durchbruchsfilm Reise ins Glück (Heremakono, 2002).

Allzu viel Hoffnung kann Bamako in Afrika niemandem machen, schon alleine, weil dort nicht allzu viele Menschen die Möglichkeit haben werden, den Film zu sehen. Vielleicht ist auch genau dies einer der Gründe für die wenig euphorische Stimmung des Werkes. Sissakos Film wird innerhalb der heutigen Filmlandschaft außerhalb der Filmfestivals und wenigen, handverlesenen Programmkinos mit hoher Wahrscheinlichkeit unsichtbar bleiben. Was natürlich nichts an der Qualität von Bamako ändert.

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