Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III

Kein Punkt, sondern viele Fragezeichen. 1980 drehte Kidlat Tahikik einen unvollendeten Film über Fernando Magellan und seinen Sklaven. 35 Jahre später zerstört er mit schelmischem Grinsen alle Strukturen.

Balikbayan 02

In Perfumed Nightmare (Mababangong bangungot, 1977) erzählt Kidlat Tahimik die fantastische Geschichte eines Träumers, den es von der Provinz in die große weite Welt hinauszieht. Seine Reise führt ihn von einem philippinischen Dorf bis nach Bayern und Paris – und letztlich zur Erkenntnis, dass es daheim doch am schönsten ist. Das ist natürlich eine stark vereinfachte Nacherzählung dieses charmant durchgeknalltem Debütfilms, zeigt aber, wie sich der Regisseur schon damals dem Spannungsverhältnis zwischen Heimatverbundenheit und unstillbarem Fernweh widmete. Tahimiks Haltung lässt sich dabei nie ganz bestimmen. Während er einerseits ein Bewusstsein für die eigene Tradition einfordert (was in einem Land mit einer fast 400-jährigen Kolonialgeschichte gar nicht so einfach ist), treibt es ihn andererseits immer wieder auf fremdes Terrain. Da passt es ganz gut, dass er 1980 einen Film über den portugiesischen Seefahrer Ferdinand Magellan gedreht hat, der über drei Jahrzehnte unvollendet blieb. Mehr noch als Magellan – der kurz nach seiner Ankunft, die nicht zuletzt die erste Kolonialisierung der Philippinen einläutete, verstarb – interessiert ihn dabei jedoch sein philippinischer Sklave Enrique Melaka, der bei dieser Reise zum ersten Mal einen Fuß in seine Heimat setzte.

Ein schelmisches Grinsen

In Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III versucht Tahimik nun, das 16mm-Material seines 33-minütigen Stummfilms von damals zu vervollständigen. Passend dazu wird gleich in einer der ersten Einstellungen eine Schatztruhe mit alten, schlammverschmierten Filmdosen geborgen. Für einen unantastbaren Schatz hält der Regisseur seinen farbenprächtigen Low-Budget-Abenteuerfilm aber mitnichten. Stattdessen zerstückelt er ihn und bettet ihn in einen Wust aus verwaschenen, digitalen Bildern ein, die mit dem alten Material einen spannenden Dialog eingehen, es manchmal kommentieren und umkreisen, sich teilweise aber auch gar nicht dafür interessieren. Auf eine herkömmliche Dramaturgie pfeift Balikbayan #1 dabei ebenso wie auf die geschlossene Form eines Kunstwerks. Dafür eröffnet sich allerdings ein anarchischer, schillernder Bilderreigen, der reich an Bezügen und Assoziationen ist und niemals zu einem Ende kommen wird. Wenn man der Einblendung im Vorspann („Work in Progress“) glauben kann, ist auch die aktuelle Fassung des Films nicht die endgültige. Mit 72 Jahren ist Kidlat Tahimik damit auf dem Gipfel seiner Experimentierfreudigkeit angekommen.

Vor allem ist der Regisseur mittlerweile aber ganz in seiner selbst geschaffenen Mythologie aufgegangen. Mit zotteligen Haaren, langem grauen Bart und buntem Lendenschurz inszeniert er sich zum Schamanen seines eigenwilligen Kinos. Wie sehr er dabei das Filmemachen und wie wenig er sich selbst ernst nimmt, konnte man auch bei der Performance beobachten, die Tahimik im Anschluss an den Film darbot. Neben einigen Gesangs- und Tanzeinlagen verlieh er sich dort zum krönenden Abschluss selbst ein Diplom im „blockbuster filmmaking“. Da stellt sich natürlich unweigerlich die Frage, ob das alles nur postkolonialer Schabernack ist. Doch hinter Tahimiks schelmischem Grinsen verbirgt sich oft mehr, als man vermuten würde. Wenn er seinen Sohn durch die Bars und Galerien der Gegenwart schickt, zelebriert er damit die Kunst als Autobiografie ihres Schöpfers. In anderen Momenten ist der Film aber auch explizit politisch. Während einer Demonstration gegen das philippinische Bergbaugesetz versucht der Regisseur etwa, einige grimmig dreinblickende Polizisten mit einer tänzerischen Darbietung davon zu überzeugen, dass es hier auch um ihre Belange geht.

The End?

Balikbayan 01

Tahimik ist zweifellos ein unermüdlicher Aktivist. Ein Künstler, dem die spontane Intervention wichtiger ist als ein clever ausgefeiltes Ergebnis. In Balikbayan #1 finden sich immer wieder Augenblicke, die aus einer Performance zu stammen scheinen. Da gibt es etwa eine Szene, in der Tahimik nacheinander Kopf an Kopf mit einem Spanier, Italiener, Russen und einer Amerikanerin auf einer alten Landkarte liegt und sich in der jeweiligen Landessprache die Worte „Ich bin ein freier Mann“ beibringen lässt. Mit spielerischen Momenten wie diesen bricht Tahimik immer wieder die Monumentalität des Originalmaterials auf. Unter dem Aspekt der Neuerfindung macht plötzlich auch das esoterische Seelenwanderungs-Gelaber von Tahimiks deutscher Ehefrau Katrin Sinn. Mit einer Freundin spricht sie einmal über Reinkarnation und klärt darüber auf, dass man als Gegenteil von dem geboren wird, was man im vorherigen Leben war. Auch Enrique beginnt sein Leben am Ende der Reise noch einmal von vorne. Nachdem Magellan tot ist, wird er vom gefangenen zum freien Mann.

Diese Verwandlung führt letztlich auch dazu, dass sich Balikbayan #1 endgültig von allen Strukturen löst. Etwa nach der Hälfte des Films erscheint auf der Leinwand der Schriftzug „The End“, der aber gleich darauf von einigen Fragezeichen ergänzt wird. Die restliche Stunde, die darauf folgt und als Director’s Cut angekündigt ist, verliert sich schließlich in einem psychedelischen Rausch, der wirkt, als würde sich der sterbende Magellan einer letzten, erregten Vision hingeben. Zu polternden Soundmontagen flackern die Bilder in leuchtenden Farben, reißen uns den Boden unter den Füßen weg und schütteln uns in einen Zustand heidnischer Transzendenz. Um das nicht als Abschied vom Leben misszuverstehen, muss man nur daran denken, was Tahimiks Frau gesagt hat: Jedes Ende ist nur ein neuer Anfang.

Trailer zu „Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III“


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