Baikonur

Von der Überwindung des Märchens: Ein junger Kasache wird in die Realität geworfen und muss einsehen, dass das Leben kein Weltraumbahnhof ist.

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Dass weniger manchmal mehr sein kann, bewies der deutsche Regisseur Veit Helmer mit Tuvalu (1999), einer wundervollen Hommage an den Stummfilm, in der nicht ein Wort gesprochen wird. Statt auf Dialoge konzentrierte sich Tuvalu auf körperbetontes Schauspiel, kräftige Einfärbung des Zelluloids und die unabhängige Ausdruckskraft der Bilder. In Helmers neuem, zwischen Komödie und Drama schwankendem Werk Baikonur wird umso ausführlicher gesprochen – und zwar auf Englisch, Französisch, Russisch und Kasachisch. Das ist mutig, dürfte es doch wohl so ziemlich jeden Zuschauer zwingen, zumindest teilweise die Untertitel zu lesen. Allerdings fällt auf, dass – gerade weil die Tonspur an Bedeutung gewinnt – die visuelle Ebene hier merklich weniger Aufmerksamkeit erfährt als in Tuvalu. Vor allem aus den golden glänzenden, weiten Steppenlandschaften Zentralasiens hätte man optisch mehr machen können.

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Dort, in Kasachstan, lebt der verwaiste Jugendliche Iskander (Alexander Asochakov), der wegen seiner Faszination für die Raumfahrt von allen nur „Gagarin“ genannt wird. Sein Dorf besteht aus einigen wenigen Jurten, die mit Raumschiffabfall erweitert worden sind, da ganz in der Nähe – in der Stadt Baikonur – ein Weltraumbahnhof liegt, von dem aus sowjetische Kosmonauten ins All katapultiert wurden. Dieses Leben zwischen Tradition und Hochtechnologie sorgt für einige amüsante Kontraste: So berechnet Gagarin mittels einer Funkstation der Marke Eigenbau, wo der Weltraumschrott herunterfallen wird, daraufhin schwingen sich die Dorfbewohner auf ihre Pferde, Esel und Kamele, um das Material einzusammeln und gegen Fleischkonserven oder Bargeld einzutauschen. Und nachdem der Film in den mit Monitoren und Maschinen vollgestopften Kontrollraum des Kosmodroms geschaut hat, zeigt er einen orthodoxen Priester, der Rakete und Besatzung mit Weihwasser besprüht – warum auf die Technik vertrauen, wenn es höhere Schutzmächte gibt?

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Noch mehr als für die Tubennahrung der Kosmonauten oder den gelegentlichen Schrottregen im eigenen Dorf interessiert sich Gagarin indes für die französische Weltraumtouristin Julie (Marie de Villepin), die bei ihrer Rückkehr aus dem All in der Steppe landet und von der Raumfahrtbehörde nicht lokalisiert werden kann. „Was vom Himmel fällt, darf man behalten“, sagt ein altes Sprichwort, das Gagarin befolgt, indem er das „Geschenk Gottes“ in seiner Jurte aufbahrt. Nicht nur das traditionelle kasachische Gewand, in das er sie kleidet, scheint der Märchenwelt zu entstammen, sondern auch die Methode, mit der Gagarin die schöne Fremde aus ihrem tiefen Schlaf zu wecken versucht. Dank Veit Helmers magischem Realismus erwacht Julie tatsächlich und findet sich in einer surreal wirkenden Umgebung wieder, in der Schornsteine, Schuppen und Brunnen aus Raumschiffteilen bestehen. In einem der zahlreichen komödiantischen Einfälle des Films versuchen die Männer des Dorfes, Gagarins lebendigen Schatz zu kaufen, immerhin ist „nichts schwieriger, als eine gute Melone oder eine ordentliche Frau zu finden“.

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Schließlich zeigt sich Baikonur aber trotz seiner von Glaubwürdigkeitsbedenken befreiten Märchen-Elemente als im 21. Jahrhundert verankert – samt Globalisierung und Vermischung der Kulturen. Aus Gagarin muss Iskander werden, aus dem Märchen eine realistische Geschichte, denn der Protagonist wird immer der arme ungebildete Junge aus dem kasachischen Nirgendwo bleiben und die emanzipierte Millionärin Julie immer einer anderen, für ihn unerreichbaren Welt zugehören. Diese Selbsterkenntnis inszeniert Helmer als eine Coming-of-age-Geschichte, in der es Iskander zwar kurzzeitig gelingt, in seine Traumwelt der Raumfahrt einzutauchen, er aber letztlich dennoch seine Rolle in der Welt akzeptieren muss. Diese unvermeidliche Ergebung in das ökonomisch und kulturell determinierte Schicksal lockert Baikonur immer wieder mit viel Humor auf. So steigt Iskander rasch von der Putzkraft zum Testastronauten auf, der in Unterwasserübungen die Schwerelosigkeit erfährt und am Haken hängend in seinem Raumanzug herumstrampelt, aber – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – doch nicht von der Stelle kommt. In einer anderen Sequenz blickt die Kamera mit Nahaufnahmen in Iskanders Gesicht, während eine Simulations-Kapsel ihn immer schneller durch den Raum schleudert. Um diese kinetische Erfahrung auch dem Zuschauer nahezubringen, lässt Kameramann Nikolai Kanow eine außerhalb der Kapsel befestigte Kamera auf einer sich drehenden Maschine rotieren, sodass desorientierende Doppelbewegungen im Bild entstehen. Solche sich physisch auf den Zuschauer auswirkenden visuellen Effekte kennt man beispielsweise aus Alfred Hitchcocks VertigoAus dem Reich der Toten (Vertigo, 1958) oder Gaspar Noés Irreversibel (Irréversible, 2002).

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Baikonur ist zu jeder Zeit unterhaltsam, wenn auch inhaltlich und stilistisch erstaunlich konventionell für Veit Helmers Verhältnisse. Problematisch ist jedoch weder diese Unauffälligkeit noch das kitschige Ende, in dem die Wissenschaft der Astronomie durch die Esoterik der Astrologie ersetzt wird. Stattdessen erweisen sich der soziale Determinismus des Films und die naive Idealisierung des einfachen, traditionellen Lebens als Stolperfallen. Diese wohlwollende, aber letztlich paternalistische Inszenierung von der Zeit vergessener, „primitiver“ Kulturen kommt dem Exotismus manchmal gefährlich nah, wenn sie kulturelle Eigenheiten als Kuriositäten ausstellt.

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