Badlands

Ausgrabungen in einem fremden Land.

Badlands 14

Er sieht wirklich aus wie James Dean. Aber das ist auch schon alles, worin man Kits 15-jähriger Geliebter uneingeschränkt zustimmen mag. Was Holly (Sissy Spacek) im Voice-over sonst noch zu sagen hat über ihren zehn Jahre älteren Freund (Martin Sheen), über sich und über ihre Reise von South Dakota nach Montana, lässt einem oft den Mund offen stehen angesichts dessen, was man selbst auf der Leinwand sieht. Holly spricht von einer Beziehung auf Augenhöhe mit ein paar Makeln („we had our bad moments, like any couple“), wir sehen einen Teenager und einen Massenmörder auf dem Weg in den Abgrund. Küchenpsychologisch gesprochen, hat Hollys Selbstwahrnehmung einen gehörigen blinden Fleck. Doch in dem filmischen Raum, den Terrence Malick in seinem Debüt Badlands um ihre Stimme baut, finden wir wenig Anhaltspunkte oder gar Anweisungen, wie wir uns zu ihr positionieren, von wo aus wir ihr widersprechen könnten.

Badlands 01

Anders als die vertonten Gedanken oder zueinander sprechenden Stimmen in Der schmale Grat (The Thin Red Line, 1998) oder The Tree of Life (2011) wendet sich Hollys singuläre Stimme berichtend an ein Außen. Doch auch sie steht in oder neben, nicht über dem Erzählten. Es ließen sich theoretische Gründe nennen, warum Voice-over-Stimmen nie ganz übergeordnete Erzählinstanzen werden können, sondern stets Figurenrede bleiben. In Malicks Filmen muss man ihnen nur kurz lauschen, um zu bemerken, dass man es mit Zeugnissen eigenwilliger Weltwahrnehmung zu tun hat, die im Inhalt, im Ausdruck, im Klang zu den Bildern in einem unruhigen Verhältnis stehen, mit ihnen perspektivisch verkeilt sind, vibrierend zwischen Kontrast und Verschmelzung. Nie Rezeptionsanleitung, sondern immer schon selbst Reflexionsgegenstand. Und von einer Poesie, die dem amerikanischen Kino ein paar seiner schönsten Sätze schenkte.

Badlands 17

„It was better to spend a week with one who loved me for what I was than years of loneliness“ ist so ein Satz, dessen Schönheit sich erst in Hollys schläfrig-weicher, melodiöser Stimme voll entfaltet. Und er ist zugleich Zustandsbeschreibung wie Zukunftsprognose. Von dem Moment an, als Kit in ihren Vorgarten spaziert, steht für Holly ihre bedingungslose Liebe außer Frage. Ein kleiner Schreck, ein Anflug von Zorn in ihren runden Augen, als er in ihrem Haus ihren Vater (Warren Oates) erschießt, der ihr Verhältnis mit dem Müllmann nicht dulden will, doch schnell versichert Kit ihr und sie uns, dass das schon so in Ordnung geht. Und so wiederholt sich das bei jedem Mord. Die drei Ranger, die ihr Baumhausversteck finden, der Freund, der ihnen Unterschlupf gewährt, aber dann eine falsche Bewegung macht, das junge Paar, das zur falschen Zeit eben dort auftaucht: Stets berichtet Holly als loyale Geliebte über Kits absurde Rechtfertigungen seiner Taten – wirbt durchaus um Nachsicht für seine lockere Hand am Colt, doch ohne den Gedanken, irgendwer könnte sein grundsätzliches Einverständnis mit diesem Handeln verweigern.

Badlands 11

Und in der Tat sieht man in Badlands, anders als man bei einem Outlaw-Paar à la Bonnie & Clyde erwarten dürfte, keine scharf konturierte Gegenseite. Das ganze Land sei den beiden auf den Fersen, hört man – da, wo sie hinkommen, haben sich die Leute meist versteckt oder wehren sich nicht. Der an sich klassische Spannungsbogen des Plots wird vor dem Finale dramaturgisch kaum ausgereizt, stattdessen spannt der Film über Hollys und Kits Fluchtweg einen weiten Ausstellungsraum auf, der ein Land im Dämmerzustand zeigt. Ein Land, das – obwohl der Film wie der ihn inspirierende Fall in den späten 1950ern spielt – wie aus der Zeit gefallen scheint; ein Prachtbildband mit Americana, Zivilisationspuren in einer weiten Natur, Telefonmasten entlang Wüstenstraßen, Güterzügen am Horizont, funkelnden Großstadtlichtern in der Ferne. Ein Land, in dem Holly und Kit die meiste Zeit allein sind. Wenige Filmminuten gönnt Malick ihnen, um sich in ihrem Baumhausversteck ein paar Schritte abseits der Zivilisation ein fragiles Paradies einzurichten. Doch auch dort betrachtet Holly Schwarzweißfotos ihrer Vorfahren, durchdrungen von frühreifem Bewusstsein eigener Vergänglichkeit.

Badlands 03

Kit, der Name verrät es, ist die einzige Figur in Badlands, die die Müdigkeit noch nicht erfasst hat, in deren Augen es noch lebendig funkelt. „You’re a real individual, kit“, sagt einer der Polizisten, die ihn am Ende fangen, fast bewundernd. Selbst seine Opfer und Geiseln hegen kaum Groll gegen ihn, sein mit Bauchschuss im Sterben liegender Freund Cato fügt sich leise trauernd in sein Schicksal, das junge Paar geht wie auf einem Nachmittagsspaziergang in den Verschlag, in dem es sterben wird. Es gibt wenig Anzeichen dafür, dass irgendwer in Badlands zu Mord und Gewalt eine moralischere Haltung hat als Kit (hat Hollys Vater nicht auch ihren Hund getötet, um sie zu bestrafen?). Die anderen sind nur phlegmatischer.

Badlands 07

Es heißt, Quentin Tarantino wurde von Hollys Erzählstimme zu seinem Drehbuch für True Romance und Natural Born Killers inspiriert. Dabei könnte der Autorenstandpunkt unterschiedlicher nicht sein. Wo Tarantino sich um ein schießwütiges Pärchen auf der Flucht ein filmisches Zuhause einrichtet, das er dem Zuschauer stolz präsentiert, da betritt Malick diese Welt wie ein aus der Ferne kommender Besucher, ein Fremdenführer, der über das, was er zeigt, nicht minder verwundert ist als sein Publikum. Der auch bei Nahbetrachtungen sein Fremdheitsgefühl nicht verliert, selbst bei einer Meditation über Tod und Gewalt einen philosophischen Gleichmut wahrt, wie er vor allem in den leise heiteren Xylophonklängen von Carl Orffs leitmotivisch verwendetem Stück Gassenhauer zum Ausdruck kommt. Spät im Film vergräbt Kit ein paar Sachen von sich und Holly in der Wüste und fragt sich, was jemand, der sie in 1000 Jahren ausgräbt, wohl über sie denken würde. Ein wenig fühlt man sich als Zuschauer von Badlands, als wäre man dieser Finder.

Trailer zu „Badlands“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.