Bad o meh – Wind und Nebel

Mohammad Ali Talebis poetische Miniatur erzählt so leise wie eindringlich von der Kriegstraumatisierung eines kleinen Jungen und seiner Heilung.

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Wahrscheinlich kann man nirgendwo universaler vom Krieg erzählen als im Kinderfilm. Dass politische und historische Hintergründe im Angesicht des Grauens – wenn eine Waffe sich auf dich richtet, eine Granate in dein Haus fliegt, du Angehörige verlierst – ihre Bedeutung verlieren, gilt für jedes Opfer. Wenn es sich dabei um ein Kind handelt, akzeptieren wir als Zuschauer diese Tatsache am bereitwilligsten. Ein Gegenschuss von einem verängstigten Jungengesicht auf ein vorbeifahrendes Armeefahrzeug wird so zum Angstbild, das sich unmittelbar auf uns überträgt. Weil Bad o MehWind und Nebel die kindliche Perspektive auf ästhetischer und inhaltlicher Ebene überzeugend hält, ist die Darstellung des Krieges als hereinbrechendes Unheil nur konsequent und läuft nicht Gefahr, Krieg als etwas per se Unerklärliches darzustellen. Der Iran-Irak-Krieg ist dem Film als historischer Gegenstand nur zwei, drei Nebensätze wert. Stattdessen erzählt Talebi eine kleine, fast archetypische Erzählung über ein Trauma und seine Heilung und verlässt sich dabei auf eine einfache, klare Symbolsprache.

Die Stimmung des Films ist etabliert, noch bevor ein Wort gesprochen ist und wir irgendetwas über den Inhalt wissen. In den ersten Einstellungen folgt die Kamera einem Auto einen verschlungenen, regennassen Bergweg hinauf, die Waldlandschaft ist vom titelgebenden Nebel bedeckt. Nach der Ankunft im Dorf sitzt die dreiköpfige Familie – Vater, Tochter, Sohn; die Mutter fehlt – im Haus des Großvaters schweigend beim Essen. Die Bilder aus dem abgeschiedenen Ort in den Bergen, stets in eine Natur-Geräuschkulisse gehüllt, tragen widersprüchliche Emotionen: Geborgenheit, Vertrautheit und Nähe zum einen, Verlorenheit, Fremdheit und Ferne zum anderen. Was der Situation der Kinder entspricht: Ihr Vater muss sie in ihrem früheren Heimatdorf beim Großvater zurücklassen und zu seinem Arbeitsplatz auf Ölfeldern im Südiran zurückkehren, wo die letzten Jahre ihr Zuhause war.

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Der kleine Sahand (Payam Eris) spricht kein Wort, sein Gesichtsausdruck ist verängstigt und fragend. Am ersten Schultag wird er von seinen Klassenkameraden böse gepiesackt. Als der Lehrer ein Machtwort spricht, vermittelt uns der Film Sahands innere Abkapselung auch auf akustischer Ebene. Die Stimme des Lehrers erklingt wie durch Watte und wird von verzerrten Geräuschen überlagert; die nächste Einstellung zeigt Sahands Hosenbein, aus dem Urin rinnt. Der Lehrer erklärt ihn zu einem Fall für die Sonderschule und schickt ihn und seine Schwester Shooka (Masume Shakori) nach Hause. Das erste Drittel des Films – Bad o Meh ist in drei etwa gleich lange Teile gegliedert – zeigt uns also zunächst Sahands Traumatisierung und lässt die Gründe nur in Andeutungen anklingen. Schließlich findet Sahand, als er mit seinem Großvater zum Angeln geht, eine angeschossene Wildgans, die einen starken Eindruck auf ihn macht.

Wind und Nebel 2

Es folgt eine lange Rückblende, die Sahands Zustand erklärt. In einem schroffen Kontrast wechselt mit dem Schauplatz auch die Optik des Films, die dunklen, melancholischen Grün- und Blautöne der Berglandschaft weichen dem Braun und Orange des Raffineriegeländes, auf dem Sahand und Shooka mit anderen Kindern Drachen steigen lassen; Wind und Nebel werden, wortwörtlich, durch Feuer ersetzt: In einer erneut eindringlichen Subjektive schreiten wir mit Sahand, der seinen verlorenen Schuh holen will, bedrohlich nah an eine Feuerwand heran. Gerade der Gegensatz der beiden Handlungsorte macht deutlich, wie stark Wind und Nebel als Landschaftsfilm ist. Talebis Schauplätze wirken unmittelbar symbolisch und sind zugleich stets konkreter Lebensraum zu bestimmter Zeit. Es ist diese in jedem Bild wirkende Gleichzeitigkeit, die seinen Landschaftsaufnahmen ihre intensive, ruhige Schönheit gibt.

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Der Flashback erzählt vom Tag des Kriegsausbruchs, an dem Sahand Zeuge vom Tod seiner Mutter wurde. Im letzten Drittel schließlich stellt Bad o Meh die Assoziation zwischen der verletzten Wildgans und der Mutter, die an ihrem Todestag ein weißes Kleid trug, in einer Überblendung direkt her. Sahands Gedanken kreisen unablässig um das Tier, zugleich sind seine Zeichnungen von dem Vogel erste Versuche, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Gerade als sich eine Versöhnung mit den Kindern im Dorf anbahnt, verschwindet er eines Nachts spurlos. Die Suche der Dorfgemeinschaft nach ihm, die nebenher auch von Freundschaft und Solidarität erzählt, mündet in einer hoffnungsvollen, anrührenden Schlussszene.

Die weiße Gans, der verlorene Schuh: schlichte, vertraut wirkende Zeichen, und auch die Erzählung vom Verlust und symbolischen Wiederfinden der Mutter wirkt altbekannt. Doch gerade ein Kinderfilm macht augenfällig, dass es keinen unsinnigeren Vorwurf gibt als den, eine Geschichte sei schon tausendmal erzählt worden: Jeder bekommt jede Geschichte irgendwann zum ersten Mal erzählt, und jeder gute Erzähler – jedes gute Buch, jeder gute Film – hat diese Hörer, Leser, Zuschauer stets im Blick. Die wichtige Geschichte, die Talebi zu erzählen hat, ist bei seinem Film in guten Händen.

Trailer zu „Bad o meh – Wind und Nebel“


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