Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Polizist mit „good-luck crack pipe“. Nicolas Cage brilliert in Werner Herzogs Bad Lieutenant-Variation.

Bad Lieutenant

zoomicon

Die Kamera nähert sich einem Yuppie-Pärchen. Schnell merkt man, dass die Einstellung eine Subjektive ist, gefilmt aus der Perspektive des Polizisten Terence McDonagh (Nicolas Cage). Der filzt die beiden auf Drogen und als er fündig wird, genügt es ihm nicht, seinen Fund vor Ort zu konsumieren, gleichzeitig vollzieht er noch einen Quickie mit der Sünderin, vor den Augen ihres Freundes, auf der Motorhaube von dessen Wagen.

Und das ist erst der Anfang ... Terence McDonagh ist „another kind of cop“ und zwar in einem Ausmaß, dass selbst Vic Mackey aus der Polizeiserie The Shield, auf den die Beschreibung gemünzt ist, gegen ihn alt aussieht. Terence McDonagh ist ein Polizist mit einer „good-luck crack pipe“. Genial verkörpert wird er von Nicolas Cage, für dessen Performance alleine man diesen Film lieben muss. Cage war in den letzten Jahren abonniert auf sonderbare, manchmal überraschend gelungene, oft reichlich trashige Filme: Ghost Rider (2007), Next (2007), Bangkok Dangerous (2008), Knowing (2009). Cages Spiel eignet in diesen Filmen stets ein ironisches, ein wenig distanzierendes Moment, vergleichbar mit dem Auftreten Robert Mitchums in dessen späteren Werken: So ganz ernst scheint Cage, der nie zu den subtilsten Schauspielern dieses Planeten gehört hat, die Plots, in die er seit einigen Jahren gerät, nicht nehmen zu können. Sein neuer Film ist ebenfalls sonderbar, gelegentlich auch ein wenig trashig. Und Cage ist außer Rand und Band. Sein exaltiertes, theatrales Spiel ist in diesem Fall aber fern jeder Ironie, es definiert sich nicht mehr über ein Verhältnis zur fiktionionalen Welt, sondern erhält eine Eigendynamik. Vielleicht hat Herzog die Essenz eines der eigenwilligsten Stars der Gegenwart entdeckt, der weder ein Character Actor ist, noch einfach immer nur sich selbst spielt: Nicolas Cage als wandelnder Special Effect.

Bad Lieutenant

zoomicon

Zwischen Abel Ferrara und Werner Herzog, zwei klassischen Verrückten des Kinos, hat es anlässlich des Films einen heftigen verbalen Schlagabtausch gegeben. Während Herzog behauptete, weder Ferrara noch dessen Filme zu kennen, wollte Ferrara Herzog – dem er noch in Dangerous Game (1993) huldigte –, Hauptdarsteller Cage und die Filmproduzenten in der Hölle brennen sehen, als er von dem Projekt erfuhr. Inzwischen haben sich die Fronten beruhigt. Vielleicht auch, weil Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen (Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans) weder ein Remake des Ferrara-Films aus dem Jahr 1992, noch eine Fortsetzung ist. (Man tut allerdings gut daran, auch weiterhin nicht alles für bare Münze zu nehmen, was Herzog über den Film erzählt. Siehe beispielsweise dieses Interview.)

Bad Lieutenant

zoomicon

Herzog entlehnt lediglich die Idee für die Titelrolle aus dem Original, besetzt sie mit einem völlig anderen Schauspielertyp, verlegt den Schauplatz vom düsteren New York ins sonnige New Orleans und erzählt eine auf den ersten Blick recht konventionelle Geschichte um die brutale Ermordung einer afroamerikanischen Familie. Zwar geht es auch weiterhin um einen Polizisten, der einerseits ein episches Drogenproblem und andererseits einen sehr spezifischen moralischen Kodex besitzt, aber der Film fühlt sich grundlegend anders an als Ferraras radikal-existenzialistische Höllenfahrt. Herzogs Film ist ein über weite Strecken fein geschliffener, geschmeidig und schnell erzählter Hollywoodfilm fast mitten aus dem Mainstream.

Tatsächlich wirkt das Ergebnis so, als hätte Werner Herzog nur darauf gewartet, einmal einen echten Hollywood-Mainstreamfilm drehen zu können – noch der Vietnam-Film Rescue Dawn (2006) war, Christian Bale hin oder her, in erster Linie eine Variation der Dschungel-Eskapaden des Regisseurs mit Klaus Kinski aus den 70er und 80er Jahren. Wie eine bloß routinierte Auftragsarbeit sieht Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen dabei in keiner Minute aus. Mit viel Verve geht Herzog an die Arbeit, der Film eilt flüssig von Schauplatz zu Schauplatz, Nic Cage von Drogenrausch zu Drogenrausch und von Grimasse zu Grimasse, begleitet wird beides von energetischer Musik.

Bad Lieutenant

zoomicon

Nicht, dass es keine Widerhaken, keine Herzogschen Sonderbarkeiten geben würde. Schon der Trailer bereitet auf einige echte oddities vor, die den Film insgesamt allerdings weit weniger prägen, als man das annehmen könnte. Insbesondere sind da die jetzt schon legendären Leguansequenzen. Das Amphibische dezentriert das menschliche – im Sonderfall Nic Cage allerdings manchmal schon fast transhumanistische – Drama, aber immer nur punktuell. Nie geht es Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen in diesen Momenten darum, den Erzählfluss zu unterbrechen oder gar zu unterminieren. Der Autorenfilmer Herzog ist kein subversiver Agent im Kommerzkino (wie Brian De Palma bisweilen), er arbeitet mit dem Genre, erweitert und entgrenzt es, ohne eine Differenz zu seiner Autorenposition einziehen zu müssen.

Filmkritik von Lukas Foerster

Veröffentlicht am 17.11.2009

Kommentare zu Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Uwe 23.10.2010 23:13

Harter Stoff- es ist schwierig, Cage hier irgendwas sympathisches abzugewinnen, so gut spielt er diese feige Ratte.Selbst zum Schluß,als sich für ihn ein erträgliches Ende abzeichnet, ist er nur ein armseliger Wicht.Daß er eine so tolle Frau (Mendes) abbekommt, wäre im echten Leben total unglaubwürdig, oder?
Woran liegt es eigentlich, daß es soviele Filme mit korrupten Cops gibt? Ist Hollywoods Spiegelbild der Polizei in den Staaten vielleicht gar nicht so verzerrt? Das hat etwas Beklemmendes an sich. Den Film muß man nicht gesehen haben, und ich wünsche Cage mal wieder eine positive Rolle!

Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.

Kommentar schreiben

*
*
*


*

Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.

DVD von Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

 

Blog: Berlinale im Dialog

Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog

 
 

Film-Angaben

Titel: Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Originaltitel: The Bad Lieutenant - Port Of Call: New Orleans

USA 2009

Laufzeit: 121 Minuten

 

Regie: Werner Herzog

Drehbuch: William M. Finkelstein

Produktion: Stephen Belafonte, Nicolas Cage, Randall Emmett, Alan Polsky, Gabe Polsky, Edward R. Pressman, John Thompson

Bildgestaltung: Peter Zeitlinger

Montage: Joe Bini

Musik: Mark Isham

Darsteller: Nicolas Cage, Eva Mendes, Val Kilmer, Denzel Whitaker, Fairuza Balk

 

Kinostart: 25.02.2010

 

DVD-Angaben

Titel: Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Vertrieb: WVG Medien

Bild: 1,85:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Altersfreigabe: ab 16 Jahren

Spieldauer: 117 Minuten

 

Extras: Kein Bonusmaterial

 

Verleih ab: k.A.

Verkauf ab: 27.08.2010

 

Weitere Filme

... von Werner Herzog

Die Höhle der vergessenen Träume
Frankreich, Kanada, USA, Großbritannien, Deutschland 2010

My Son, My Son, What Have Ye Done
USA, Deutschland 2009
Mit Willem Dafoe, Chloë Sevigny

Rescue Dawn
USA 2006
Mit Christian Bale, Steve Zahn

... mit Nicolas Cage

Duell der Magier
USA 2010
Von Jon Turteltaub

Kick-Ass
USA 2010
Von Matthew Vaughn

Knowing
USA 2009
Von Alex Proyas

... mit Eva Mendes

Last Night
Frankreich 2010
Von Massy Tadjedin

Die etwas anderen Cops
USA 2010
Von Adam McKay

 

Copyright Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Fotos: © Splendid

 

Neue Kritiken

alle neuen Kritiken

 

Neueste Kommentare