Bad Boy Kummer – Kritik

Ihm verdanken wir das Schlagwort Borderline-Journalismus: Jahrelang fälschte Tom Kummer Star-Interviews und wurde selbst zur Berühmtheit. Zehn Jahre nach seinem Absturz porträtiert ein Dokumentarfilm den begabten Betrüger.

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Manche Versuchungen sind einfach zu groß. So mag es Konrad Kujau gegangen sein, als er die Tagebücher Hitlers niederschrieb. Und Tom Kummer, als er sich all die mal intimen, mal philosophischen Interviews mit Stars wie Pamela Anderson, Brad Pitt oder Quentin Tarantino ausdachte. Da sprach Sharon Stone über lesbische Fantasien, und Mike Tyson parlierte über Einstein, Hemingway und die Bedeutung von Bildung für seine persönliche Entwicklung: „Wissen schafft Stabilität und macht das Leben lebenswert.“ Zum erfolgreichen Betrug gehören immer zwei Seiten: Ob es die Zeitschrift „stern“ ist, die die angeblichen Intim-Ergüsse des „Führers“ gierig aufkaufte, oder renommierte Blätter wie das „SZ-Magazin“ und „Die Zeit“, die Tom Kummers schier unglaubliches Interviewtalent nicht in Frage stellten. Oder, wie jüngst geschehen, eine Universität, die eine plagiierte Dissertation durchwinkt, um vom guten Namen des Doktoranden zu profitieren. Allerdings sind Tom Kummers Fälschungen um einiges unterhaltsamer als wissenschaftlicher Textklau. Und ihre muntere Geschichtsverdrehung geschieht dort, wo es die Scheinwelt von Hollywood, der Klatsch des Boulevard und die PR ohnehin miteinander treiben.

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Mit Bad Boy Kummer versucht der Regisseur und Journalist Miklós Gimes, dem Charakter des einstigen Schweizer Starjournalisten auf die Spur zu kommen und den Mann, der sein Tun nie als Fehler eingestanden hat, zu „knacken“. Gimes zeigt Kummers Leben in Los Angeles, seine glücklich wirkende Familie mit Ehefrau Nina und zwei kleinen Söhnen, seine Arbeit als Paddle-Tennis-Trainer – ein Tennis, bei dem etwas Luft aus den Bällen gelassen wird, damit sie nicht so weit springen. Seit sieben Jahren schlägt Tom Kummer täglich etwa 6.000 gelbe Bälle. „Ich will Paddle-Tennis-Profi sein, sonst nichts“, sagt er heute.

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Gimes trifft ehemalige Weggefährten und Kollegen von Kummer, die das Filmprojekt nicht immer gutheißen. Sein Betrug habe einzelne Redakteure und die Branche insgesamt beschädigt, heißt es mehrmals. Die damaligen Chefs des „SZ-Magazins“, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, hat der Skandal um die gefälschten Interviews im Jahr 2000 die Jobs gekostet. Für Bad Boy Kummer standen sie nicht zur Verfügung. Und Andreas Lebert, ebenfalls Ex-Chefredakteur des Magazins, erklärt vor der Kamera: „Ich möchte als Journalist mit dem Kummer definitiv nichts zu tun haben.“ Verklagt worden ist der Fälscher allerdings nie. Auch er selbst zieht sich auf die Unschuldsposition zurück: Jeder, der die Branche kennt, hätte wissen müssen, dass Medienprofis wie Brad Pitt nicht öffentlich über innere Leere reden, dass sich Baywatch-Nixe Pamela Anderson nicht stundenlang Zeit für einen einzelnen Reporter nimmt.

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Mit Pamela Anderson und den sogenannten Presse-Junkets fing es nämlich an. Ein Junket ist die vollkommen übliche Massenabfertigung von Journalisten im Minutentakt. Der Star sitzt dabei im Hotelzimmer und empfängt jeweils eine von der PR-Agentur zusammengestellte Gruppe von Schreiberlingen für vielleicht 10 bis 30 Minuten. Wenn es gut geht, darf jede und jeder eine Frage stellen. Daraus wird dann später mit Schweiß und Geschick ein Interview gebaut. Tom Kummer saß also 1996 für 15 Minuten mit Pamela Anderson und acht weiteren Reportern in einem Raum und fühlte sich wie das dumme Schaf in der Herde: „Einfach schrecklich. Zum Kotzen.“ Anstatt aber seinen Auftrag abzusagen, begab er sich zu Hause an den Schreibtisch – und erfand. Das war die Einstiegsdroge. Danach wollten alle immer mehr vom Stoff. In den folgenden vier Jahren entstanden rund 60 gefälschte Interviews, Porträts und Reportagen. Dabei hat Tom Kummer mitten im Boulevard einen gefakten Mehrwert erzeugt: für die Leser – aber auch für die Stars, die nie so viel Komik, Lebendigkeit und manchmal sogar Tiefe ausstrahlen wie in seinen Texten. „Was ist der Unterschied zwischen meinem Trash und deinem Trash?“, vergleicht Celebrity-Reporterin Frances Schoenberger auf der Terrasse ihrer Villa in L.A.: „Ich habe wenigstens die Leute nicht erfunden. Ich habe sie versucht rüberzubringen, wie langweilig sie sind!“ Tom Kummers Treiben ist, im Grunde genommen, eine logische Folge des Systems.

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Neben der Fiktionalisierung von Realität und der großen Künstlichkeit einer Welt, für die die Stadt L.A. wie keine andere steht, geht es in Bad Boy Kummer jedoch vor allem um den möglichen inneren Antrieb dieses erst so geliebten und dann öffentlich geschmähten Hochstaplers. Richtig auf die Spur kommt man ihn dabei nicht, obwohl Miklós Gimes auch auf Mengen an Videomaterial zurückgreifen konnte, denn Tom Kummer hat sich 20 Jahre lang gefilmt. Am Ende sieht er sich auf einem dieser Bänder selbst beim Lügen zu: „Was erzähl’ ich da?“ Und dann folgt sein schönstes Borderline-Lächeln.

Trailer zu „Bad Boy Kummer“


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