Abrir puertas y ventanas - Offene Türen, offene Fenster – Kritik

Mit Freude am Detail erzählt Milagros Mumenthaler in ihrem Spielfilmdebüt von drei ungleichen Schwestern.

Back to Stay 01

Wir sehen sie gemeinsam zu dritt beim Sonnenbaden im Garten oder beim Musikhören nebeneinander auf dem Sofa. Positioniert wie für ein Familienporträt erscheinen diese kurzweiligen Augenblicke wie Erinnerungen an harmonische Zeiten. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, in der einzelne Blitze am Horizont das sich nähernde Gewitter ankündigen. Sticheleien, verbale Auseinandersetzungen um alltägliche Pflichten und kleine Lügen lassen die Spannung zwischen ihnen aufleuchten. Hin und hergerissen zwischen familiären Zusammengehörigkeitsgefühl und gleichzeitigem Unabhängigkeitsdrang, ist ihr Verhältnis auch von Geheimniskrämerei geprägt.
Nach dem Tod ihrer Großmutter Alicia bleiben die drei Schwestern Marina (María Canale), Sofía (Martina Juncadella) und Violetta (Ailín Salas) allein in dem Haus am Rande von Buenos Aires zurück. Jede verarbeitet in Offene Türen, offene Fenster den Verlust auf ihre Weise. Verantwortungsvoll und doch überfordert übernimmt Marina, die älteste und bodenständigste, alle mütterlichen Verpflichtungen der Verstorbenen, denn von Veränderungen hält sie wenig. Sie kümmert sich weiter um ihr Studium, während Sofía die Uni geschmissen hat und durch ihr provokantes Verhalten versucht, in kleinen Rebellionen die Vergangenheit abzustreifen. Trotzig lässt sie alle Launen an den Schwestern aus, lügt und intigriert. Violetta, die Jüngste, verhält sich unscheinbar, wirkt bisweilen unbeteiligt. Ohne auf äußere Reize einzugehen, schlägt sie ihren Alltag allein im Haus tot, bis sie eines Tages verschwindet.
Die Konstellation von Geschwistern, deren Verschiedenheit sich im Angesicht einer familiären Tragödie zeigt, erinnert an Burn the Bridges (Quemar las naves, 2007), ein anderes lateinamerikanisches Debüt aus Mexiko. Anstelle von Bruder und Schwester, die nach Krankheit und Tod der Mutter ihre Freiheiten ausloten, sind es in Offene Türen, offene Fenster (Abrir puertas y ventanas) die drei jungen Frauen, die mit dem Verlust des Familienoberhauptes eine Zeit des Übergangs durchleben. Auf sich allein gestellt versuchen sie einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. 

Back to Stay 02

Nach und nach treten Geheimnisse in Offene Türen, offene Fenster ans Licht, auch die der Großmutter. Ihr Fehlen markiert das dauerhaft unbeantwortete Klingeln des Telefons, dessen Hall verbunden mit den Aufnahmen menschenleerer Hausflure eine Leerstelle suggeriert. Gleichzeitig ist sie noch durch jeden ihrer Gegenstände im Haus präsent: eine Corsage, eine Schallplatte, die von einer Affäre zu einem Musiker aus den 1970er Jahren zeugt, das Bett mit dem skurrilen Vibrationsmechanismus. Wie in der Anfangsszene von Hitchcocks Das Fenster zum Hof (Rear Window, 1954), in der die Vorgeschichte des Fotografen Jeff nonverbal durch die im Raum verteilten Hinweise, Fotos und Zeitungsausschnitte vermittelt wird, werden die Figuren in Offene Türen, offene Fenster durch eine visuelle Bestandsaufnahme ihrer Dinge charakterisiert. Langsam schwenkt die Kamera durch ihre Zimmer. Eigenwillig wendet sie sich immer wieder von den Personen ab, um eingehend deren Besitztümer in Augenschein zu nehmen.
Die drei Schwestern durchstreifen die einstmals verbotenen Räume des Hauses, erkunden die Garage mit den Sachen der verstorbenen Eltern sowie Alicias Schlafzimmer, wo sie ihre Kleidung anprobieren. Der Film folgt ihnen dabei wie ein Geist, die Kamera scheint fast zu schweben. Langsam schleicht sie sich an, indem sie die kahlen Wände abtastet, um anschließend einen Blick durch die Tür in das Zimmer zu werfen oder sie indirekt im Spiegel zu betrachten. In seiner ruhigen Erzählweise erinnert Offene Türen, offene Fenster an die Filme von Mumenthalers Kollegin Lucrecia Martel, eines der Aushängeschilder des zeitgenössischen argentinischen Kinos. In Der Morast (La ciénega, 2000) veranschaulicht diese die verkommenen Umgangsformen einer Familie der argentinischen Oberschicht durch ein geduldiges sowie sorgfältiges Beobachten ihrer alltäglichen Lebensgewohnheiten. Mit derselben Intensität sieht Mumenthaler den Schwestern bei ihrem Alltag zu.

Back to Stay 03

Es sind Kleinigkeiten, mit denen sie uns die Figuren näher bringt. Texte von Liedern, die sie mitsingen, Gesprächsfetzen, die wir belauschen, heimliche Blicke, die wir erhaschen. In beiläufigen Momentaufnahmen erfahren wir von Violettas Liebhaber. Mit einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter verkündet sie den Schwestern ihre Abreise. Eine wirkliche Kommunikation zwischen den Schwestern findet nicht statt. Die essenziellen Dinge bleiben unausgesprochen. Handlungen gewinnen an Wichtigkeit. Bezeichnend für ihr Verlangen nach Veränderung, stellt Sofía den gesamten Inhalt der Garage und jedes einzelne Möbelstück des Wohnzimmers auf die Straße. Alles muss raus. Die Spannungen entladen sich in physischen Auseinandersetzungen.

Back to Stay 04

Offene Türen, offene Fenster, der 2011 in Locarno mit dem Hauptpreis des Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, fügt sich in die Reihe von neuen argentinischen Filmen – wie von Ariel Rotter, Lucrecia Martel oder Diego Lerman – ein, die sich einer unkonventionellen Narration bedienen und eine innovative Ästhetik wagen. Seine Stärken liegen in der Wertschätzung seiner Figuren, in seiner Sensibilität für die kleinen Gesten und für die unscheinbaren Momente.

Trailer zu „Abrir puertas y ventanas - Offene Türen, offene Fenster“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.