Babylon Berlin – Kritik

Der Anfang vom Ende der Weimarer Republik: Trotz Hauptfigur mit Weltkriegstrauma interessiert sich Babylon Berlin mehr für die Vorahnung des Kommenden. In den Straßenschlachten des Blutmai findet der erzählerische Druckkessel der Serie erstmals ein Ventil.

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In der vierten Episode, nach knapp drei Stunden Serienzeit, tritt erstmals eine klare Konfliktlinie an die Oberfläche. Am Hermannplatz der späten 1920er Jahre, in stets als solchen greifbaren Kulissen, hat sich eine protestierende Masse formiert. Es ist der 1. Mai, Kampftag der Arbeiterklasse, die Kommunisten haben trotz Demonstrationsverbot zu Protesten aufgerufen: „Berlin bleibt rot!“ Die historischen Widersprüche, die bereits mit der Erwähnung dieser Farbe annonciert sind – die zwischen KPD und SPD sind da nur die Spitze eines Eisbergs, an dem sich Babylon Berlin behutsam abarbeiten will –, bleiben hier im Konkreten unerwähnt, werden aber durch Brechungen innerhalb der erzählten Welt trotzdem offenbar: der „Rote Burg“ genannte Berliner Polizeihauptsitz als zentraler Handlungsort, eine trotzkistische Untergrundorganisation namens „Rote Festung“, deren Aktivitäten einen der vielen Subplots bilden.

Babylon Berlin 2

Doch zurück auf die Straße, an diesem Tag der Arbeit im Jahr 1929, der den Auftakt des später in die Geschichte eingegangenen Blutmais bildet: Die Stimmung ist aufgeladen. Den mit Fahnen, Flugblättern und Pflastersteinen ausgerüsteten Protestlern steht eine Hundertschaft gewaltbereiter, kurz zuvor durch eine Ansprache noch zusätzlich scharfgemachter Polizisten gegenüber. Die Eskalation entlang einer klaren Frontlinie ist unausweichlich und gewollt, wenig später werden zwei eigentlich unbeteiligte Frauen auf einem Balkon erschossen. Die treibend aufgebaute Anspannung ist so nicht nur zum ersten Mal klar ideologisch wie bildkompositorisch gefluchtet, sie entlädt sich auch erstmals: Endlich unschuldige Tote!

Kaputte Automaten in einer geknechteten Stadt

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Das Aufeinandertreffen im Kampf wirkt als Ventil eines erzählerischen Druckkessels, der gefüllt ist mit einer (noch) recht trüben Suppe zumeist tragischer Einzelschicksale und Verstrickungen, die nur langsam Konturen annehmen. (Was sie nicht weniger tragisch werden lässt.) Da ist der junge und attraktive Ermittler Gereon Rath (Volker Bruch) aus Köln, ausgestattet mit guten Verbindungen „nach oben“ und einem mithilfe von Medikamenten gebändigten Weltkriegstrauma – ein „kaputter Automat“, unerkannt. Mit der Zigarette in der Hand immer deutlich souveräner als mit seiner Waffe, soll er in Berlin einen delikaten Erpressungsfall im Pornofilm-Milieu aufklären oder zumindest klären. Seinem Berliner Kollegen Bruno Wolter (Peter Kurth) gefällt die Geheimniskrämerei des Auswärtigen nicht. Selbst genug Dreck am Stecken, darunter eine zwielichtige Verbindung zum Militär, hätte er lieber gerne alles unter Kontrolle in seinem Berlin.

Babylon Berlin 4

Doch dieses Berlin zu Beginn des Untergangs der Weimarer Republik ist eine, auf dem Grund einer ohnehin nur relativ stabilen Wirtschaftslage, geknechtete Stadt, geknechtet von einer Vielzahl unterschiedlicher politischer wie persönlicher Kräfte, Milieus und Interessen. Eine Stadt nicht so sehr der Unterwelt, sondern der konkurrierenden Nebenwelten, von denen jede ihre eigene (Konter-)Revolution bereithält und zwischen denen vor allem die Protagonistinnen um die Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) gekonnt navigieren können. Eine Stadt, in der jeder und jede (zumeist ganz buchstäblich) auf eigene Rechnung handelt, handeln muss, weil jedes preisgebende Teilen existenzielle Folgen haben kann. Für so eine Konfiguration ist das serielle Erzählen, das sich und seine Welt jenseits von Kausalketten immer weiter kreisend ausbreiten kann, natürlich wie gemacht.

Jeder ist Ermittler

Babylon Berlin 5

Die Vorlage für die drei gleichberechtigten Regisseure und Drehbuchautoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten, die wohl auch den kompletten Dreh der ersten Staffel gemeinsam bestritten haben, bildet ein Krimi-Zyklus von Volker Kutscher (seit 2008). Der Modus des Ermittelns perspektiviert den Blick auf die Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme entscheidend. Sensibilisiert er doch zum einen für die Zersplittertheit von Geschichten und (speziell dieser deutschen) Geschichte und dafür, dass Problem und Lösung im historischen Verlauf immer eher als Gemische denn als Verbindungen in Reinform vorliegen. Es ist das kleinteilige Nachforschen und Beobachten, durch welches Babylon Berlin von Beginn an und vor allem auch mithilfe von Objekten des Kleinen – einem Filmbild, einem Zugtransportschein, einem Liebesbrief, einem Zuckerstück – nicht nur quasi sein gesamtes Figurenkabinett, sondern auch den Zuschauer als Ermittler bindet. „Woher soll ich wissen, was sie nicht wissen?“, fragt Gereon Rath einmal allzu beiläufig den Kollegen Wolter.

Noch nicht jetzt

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Zum anderen webt der kriminalistische Modus einer Erzählung schon das Zukünftige ein, sie funktioniert so gewissermaßen umgekehrt archäologisch: Nicht die Vergangenheit wird rekonstruiert, sondern das Kommende rückt nach und nach in den Blick. Das scheint auch insgesamt das zu sein, worauf Tykwer und Co. aus sind. Denn so prominent das Trauma der Hauptfigur Rath zu Beginn auch gesetzt sein mag, interessiert sich Babylon Berlin in seiner Inszenierung doch vor allem für die sich einstellende Vorahnung – und für ihre Verdrängung durch ein „Noch nicht jetzt“. Dieses besingt Severija Janušauskaitė im genialen Titelsong der Serie („Zu Asche, zu Staub“), der erstmals am Ende der ersten Folge in einer spektakulären Performance-Szene präsentiert wird, um dann immer wieder als starker Marker zu fungieren. Auch sonst ist es oft die (ein wenig zu klischierte Swing-)Musik, die die müden und misstrauischen Gesichter durch die dunklen Straßen Berlins treibt und so eine Art Brechung erzeugt, die die brodelnde Katastrophe überraschend subtil greifbar werden lässt. Noch sind es ja auch noch vier Jahre Erzählzeit, bis die „Rote Burg“ zum Sitz der Berliner Gestapo geworden ist.

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