Babylon A.D.

Tattoos, Narben und LED-Monitore: Vin Diesel söldnert sich durch einen öden Endzeitstreifen.

Babylon A.D.

Gleich das erste Bild ist Zitat und Klischee: Die Weltkugelansicht in der Google-Earth-Optik. Dann folgt der unausweichliche Zoom auf Nordamerika. Die Vorspanntitel platziert Babylon A.D. über Straßenszenen, die Setting und Look einführen sollen. Im „neuen Serbien“ zu spielen gibt der Film vor, die Kamera nähert sich grimmig dreinblickenden Gestalten und ausgebombten Häusern, darüber legt sich düsterer Gangsterrap. Ein Graffiti zeigt die Freiheitsstatue mit Totenkopfgesicht. Ach ja…

Schon bevor es überhaupt richtig losgeht mit der Geschichte, ahnt man Böses: Ein Film, der bereits in den ersten Minuten so einfallslos Altbekanntes recycelt und dabei so ernst und laut – mit einem Wort: stumpf – daherkommt, der bleibt sich in aller Regel auch im Folgenden treu. Genauso verhält es sich denn auch mit Babylon A.D..

Babylon A.D.

Auftritt Toorop (Vin Diesel), schon der Name sagt alles, was man wissen muss: Cyberarchaisches Machotum, brutalisiertes Heldentum in der von Drehbuch und Regie tumb zusammengehauenen Endzeitwelt. So sieht er denn auch aus mit seinen Tattoos und Narben, so wird er sich denn auch verhalten. Bis er irgendwann den obligatorischen weichen Kern offenbart.

Auftritt Aurora (Mélanie Thierry), auch hier genügt bereits der Name: Ätherisch-mysthische Heilsbringerin, blonde Unschuld in amoralischer Welt, eigentlich Milla Jovovichs Planstelle, hier springt eine junge Französin ein, der man für ihr Hollywooddebüt wahrlich einen besseren Film gewünscht hätte. Außerdem noch mit von der Partie: Schwester Rebeka, die, das ergibt sich ausnahmsweise nicht direkt aus dem Namen, Asiatin ist und von Michelle Yeoh verkörpert wird. Der wiederum ist zu wünschen, dass sie in näherer Zukunft Hollywood Hollywood sein lässt und mal wieder ein paar ordentliche Filme in Hongkong dreht.

Babylon A.D.

Zusammengebracht werden die drei durch Gérard Depardieu, auf dessen Kurzauftritt als Waffenhändler Gorsky näher einzugehen der Respekt vor der Lebensleistung des Franzosen verbietet. Toorop ist Söldner und soll die Ordensangehörige Aurora unter der Aufsicht Rebekas nach New York eskortieren. Also geht’s vom düsteren neuen Serbien ins noch düsterere Wladiwostok und wenn der Film schließlich New York erreicht, wird es niemand wundern, dass auch dieses vor allem eines ist: düster.

Es ist düster und gleichzeitig leuchtet und funkelt es an allen Ecken und Enden. Dass Babylon A.D. Science Fiction sein möchte, kommuniziert der Film vor allem über allgegenwärtige LED-Monitore. Im Inneren eines Panzerfahrzeugs bedecken sie die kompletten Wände und dienen als Fensterersatz, in Badezimmern hängen welche, andere stehen auf dem Küchentisch und besonders viele kleben an den Fassaden der New Yorker Hochhäuser. Alles ist Bild oder kann Bild werden. Was das bedeutet oder bedeuten könnte, ist Babylon A.D. egal. Cool aussehen soll es, aber selbst das klappt nicht so richtig.

Babylon A.D.

Als Kulturpessimist, und als solcher darf man sich angesichts von Babylon A.D. in vieler Hinsicht bestätigt fühlen, könnte man sagen: Überall ist Bild und nirgends ein Gedanke. Zumindest keiner, der nicht in anderen Filmen schon ähnlich und um ein vielfaches präziser gedacht wurde. Naheliegendes Vergleichsobjekt ist Alfonso Cuaróns Children of Men (2006), ein Film, mit dem Babylon A.D. oberflächlich sehr viel verbindet, so viel sogar, dass im Internet mancherorts das Wort Plagiat zu lesen ist. Richtiger wäre: Abklatsch.

Ganze Szenen scheinen eins zu eins Cuaróns Streifen entnommen: In dessen Film bewerfen wütende Jugendliche einen Zug mit Steinen, hier richten sie ihre Wut gegen ein Auto mit vergitterten Fenstern. Auch die Erlösungsfantasie, auf die beide Streifen zielen, funktioniert zunächst einmal ähnlich. Aber wo Cuarón seine Nahzukunftsvision aus Material aufbaut, das er der Gegenwart entnimmt und nur derer eigenen Entwicklungsrichtung gemäß zuspitzt, wirft Regisseur Mathieu Kassovitz wie wild mit Bildern und Geopolitik-Diskursbrocken um sich, womöglich in der Hoffnung, irgendwie einen Treffer zu landen. Auch die Twin Towers müssen natürlich auftauchen, in einem albernen Cyberpunkflashback. Die elegischen, perfekt durchkomponierten Plansequenzen aus Children of Men weichen schnell geschnittenen, hektischen, unübersichtlichen Actionsequenzen. Deren einzig halbwegs ordentliche, ein dynamisches Gefecht im Schnee Alaskas, fällt völlig aus dem Film und ist so gut wie gar nicht in die Handlung integriert.

Babylon A.D.

Regisseur Kassovitz, der es eigentlich tatsächlich zumindest ein wenig besser kann, beschwerte sich vor dem Filmstart in den USA heftig über Eingriffe der Produktionsfirma während sowie vor allem nach dem Dreh. Das fertige Produkt freilich sieht nicht unbedingt nach der kaputtproduzierten Schwundstufe eines besseren Films aus, sondern nach einer typischen Studio-Todgeburt. Noch nicht einmal der Kern eines besseren Films ist in Babylon A.D. enthalten.

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Kommentare


Chan

Der Streifen ist eine einzige Enttäuschung. Unrealistisch inszenierte Szenen sorgen ständig dafür, dass man erst gar nicht in die Story reingezogen wird. Einer der Tiefpunkte: Diesel und Thierry bei einem gemütlichen Plausch mit offenem Hemdkragen, mitten in einer nächtlichen Eiswüste, wo´s eigentlich unter Null sein müsste. Depardieu in der Un-Rolle seines Lebens, Rampling mal wieder in einem B-Streifen, Thierrys schönes Gesicht echt verschwendet. Lohnt sich nicht mal zum Ausleihen.


laZee

Mal ne Frage an den Autor: Hast du schonmal ne Bladerunner Kritik geschrieben und dort auch die Sinnhaftigkeit der großen, digitalen Werbetafeln in der Stadt hinterfragt? Ich finde diese Kritik hier nicht sehr differenziert. Vom Style und der Optik her finde ich den Film gelungen.






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