Babycall

Noomi Rapace hat auch in ihrem neuen Film nichts zu lachen. Sie spielt eine Mutter, der langsam die Realität entgleitet. Oder hat wirklich das Übersinnliche seine Finger im Spiel?

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Haben Häuser eine Seele? Können schreckliche Geschehnisse wie ein böser Fluch in ihrem Gemäuer hängenbleiben und zukünftige Bewohner terrorisieren? Von dieser Prämisse gehen Haunted-House-Filme aus, ein Subgenre des Horrorfilms, das in seiner modernen Spielart von Bis das Blut gefriert (The Haunting, 1963) begründet wurde und bis zu dem aktuellen Schocker The Cabin in the Woods (2012) reicht. Der norwegische Regisseur Pål Sletaune inszeniert mit Babycall einen Zwitterfilm: Er lädt das genau beobachtete Psycho- und Sozial-Drama zunächst mit dem Horror der Realität auf, um im Lauf der Erzählung dem übersinnlichen Grauen immer größeren Raum zu geben.  

In Sletaunes Variante ist das böse Haus ein gesichtsloser Plattenbau in Oslo, in das die junge Mutter Anna (Noomi Rapace) mit ihrem achtjährigen Sohn Anders (Vetle Q. Werring) zieht. Der Vater fehlt. Langsam schält sich heraus, warum: Er hat die beiden misshandelt und fast zu Tode geprügelt. Das Jugendamt quartiert sie nach ihrer Flucht in dem Wohnsilo ein, wo sie ein neues Leben beginnen sollen. Aber vor allem Anna ist geprägt von einer permanenten, panischen Angst. Sie fürchtet, der Peiniger könnte herausfinden, wo sie wohnen. Sie begleitet Anders zur Schule und lässt ihn auch in seiner Freizeit keine Sekunde aus den Augen. Damit Anna sich wenigstens dazu überwinden kann, ihn in seinem eigenen Zimmer schlafen zu lassen, kauft sie ein Babyfon, um ihn damit nachts zu überwachen.

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Von Beginn an baut Babycall eine unheimliche Bedrohung auf, die aber nicht konkret greifbar wird. Annas gehetzte Blicke, die dräuende Filmmusik, die sehr reduzierte Farbpalette und eine Atmosphäre der Einsamkeit und Verlorenheit prägen das erste Drittel. Die Geschichte spielt an anonymen Orten der Großstadt, in Bussen, einem Elektro-Markt, den Gängen des anonymen Hauses. Dazu verortet Sletaune sie sehr genau im sozialen Milieu der Unterschicht. Noomi Rapace spielt mit fettigen Haaren, abgekauten Fingernägeln und schlecht sitzenden Klamotten nach der Lisbeth Salander aus StiegLarssons Millennium-Trilogie (Verblendung, 2009, Verdammnis, 2009, Vergebung, 2010) und dem Alkoholiker-Drama Bessere Zeiten (2010) erneut eine Schmerzensfrau.

Nach und nach schleichen sich Zweifel an Annas Geisteszustand ein. Sie scheint sich Dinge einzubilden, will mit Anders etwa zu einem See hinter dem Haus, an dessen Stelle sich in Wirklichkeit ein Parkplatz befindet. Auch glaubt sie, Schreien und Weinen aus dem Babyfon zu hören, das nicht von Anders kommt. Die Stimmen werden zur Obsession, als Helge (Kristoffer Joner), der schüchterne Verkäufer aus dem Elektro-Markt, ihr erklärt, dass sie wahrscheinlich unbeabsichtigt die Frequenz eines anderen Babyfons aus einer Nachbarwohnung abhört. Anna ist davon überzeugt, dass irgendwo im Haus ein Kind misshandelt und später auch getötet wird. Etwa zur gleichen Zeit bringt Anders einen merkwürdigen Freund aus der Schule nach Hause und entzieht sich ihrer Bemutterung. Das Jugendamt informiert sie darüber, dass ihr Mann das Gerichtsurteil anfechten will. Anna verliert immer mehr den Halt und versucht verzweifelt, die Mörder des anderen Kindes zu finden. 

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Es gelingt Sletaune erstaunlich lange, die Balance zwischen den Ebenen der Geschichte aufrechtzuerhalten. Das Unheimliche, das Grauen und Gruseln wird in Babycall zur Metapher für eine kalte Gesellschaft, in der Hilfsbedürftige lediglich verwaltet werden, mit ihrem Schrecken und Schmerz aber völlig allein bleiben. Er führt das Horrorgenre damit an seine Wurzeln zurück: Schon die schwarze Romantik lagerte den Schrecken vor der Erbarmungslosigkeit der Welt in das Übersinnliche aus. Auch die Angst von Eltern, ihr Kind zu verlieren, spiegelt sich darin überzeugend. Letztlich aber hält der Film den schmalen Grat zwischen Drama und Horror nicht durch. Stereotypen des Haunted-House-Horrors nehmen gegen Ende immer größeren Raum ein und verengen die Geschichte auf einen genretypischen Twist, der den Zuschauer schockieren soll. Dieser Schock aber wirkt doppelt flach: Weil er viel zu früh zu erahnen und damit genreimmanent schlecht implementiert ist; und weil er nach dem wahren Schrecken, den der Film mit seiner Zeichnung eines gescheiterten Lebens voller Angst evoziert, ohnehin nur schal wirken kann. Sletaune rettet das Konzept des Fims nicht dadurch, dass am Ende offen bleibt, ob alles nur Einbildung ist oder die Geister, die die Geschichte rief, wirklich existieren. Im Gegenteil, diese triviale Frage lenkt von wichtigeren ab, die Sletaune erst stellt, um sie dann doch wieder auszuklammern.

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