Babel
Der Titel ist Programm: In Babel geht es Regisseur Alejandro González Iñárritu um nichts weniger als die Sprach- und Verständnislosigkeit der Menschen untereinander. Es ist ein weiterer Beweis für seine außergewöhnliche Begabung, dass er trotz dieses theorielastigen Ansatzes alles andere als einen blutleeren Film gedreht hat.

Das Vorhaben ist mindestens vermessen, möglicherweise sogar größenwahnsinnig: Einen Film auf drei verschiedenen Kontinenten spielen lassen, in fünf Sprachen, und die verschiedenen Handlungsstränge dennoch in einen Zusammenhang bringen zu wollen, in eine Art weltumspannendes Kaleidoskop, in dem sich, je nachdem, wie man es bewegt, neue Bilder formen.
Alejandro González Iñárritu hat einige Erfahrung mit parallel verlaufenden Plots. In Amores Perros (2000) und in 21 Gramm (21 Grams, 2003) wickelten sich die einzelnen Geschichten um einen Autounfall. In beiden wurde jedoch die Einheit des Ortes gewahrt, waren die Protagonisten an dieselbe Stadt gebunden, was die Dramaturgie erleichterte - wenn Menschen nah beieinander wohnen, auch ohne sich zu kennen, sind Überschneidungen und gegenseitige Beeinflussungen nicht unwahrscheinlich.

In Babel geht Iñárritu einen großen Schritt weiter. Hier hat ein Schuss, der in Marokko abgefeuert wird, Auswirkungen auf mehrere Menschen in Mexiko; und die Reise eines japanischen Geschäftsmannes löst all das erst aus. Der Film beginnt mit Bildern von fast dokumentarischer Qualität in der Wüste, wo ein Hirte ein Gewehr kauft, damit seine beiden halbwüchsigen Söhne die Ziegenherde besser vor Kojoten schützen können. Die beiden spielen mit der Waffe herum und schießen auf einen Touristenbus. Die Amerikanerin Susan (Cate Blanchett) wird getroffen und schwer verletzt. Ihr Mann Richard (Brad Pitt) kämpft mitten in der Einöde um ihr Überleben. Die ganze Gruppe wird nach dem Vorfall in ein kleines Dorf umgeleitet, wo ein Tierarzt notdürftig die Wunde näht. Ohne Betäubung, versteht sich. Zu Hause in den USA wartet das mexikanische Kindermädchen (Adriana Barraza) vergeblich auf die Rückkehr des Ehepaars. Weil sie zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko will, nimmt sie die beiden Kinder kurzerhand mit. In Japan schließlich kämpft die taubstumme, nach dem Selbstmord ihrer Mutter verstörte Chieko (Rinko Kikuchi) mit sexuellen Provokationen um Aufmerksamkeit.
In jedem dieser drei Handlungsstränge werden zwei verschiedene Sprachen gesprochen: Englisch und Arabisch in Marokko, Englisch und Spanisch in Mexiko und Japanisch und Taubstummensprache in Japan. Die Ereignisse sind außerdem ineinander verschachtelt und finden keineswegs so gleichzeitig statt, wie es die Struktur des Films auf den ersten Blick glauben machen will. Das Aufbrechen der Zeitebene ist jedoch auf einfache und einleuchtende Weise organisiert, man kann sich die Reihenfolge recht bald zusammenreimen, so dass das Schließen des Kreises am Ende keineswegs zur überraschenden Offenbarung wird. Wer Pulp Fiction (1994) oder Memento (2000) folgen konnte, dürfte mit Babel keine Probleme haben.

Iñárritu hat ein visuell kraftvolles und handwerklich herausragendes Werk geschaffen, das möglicherweise an der ein oder anderen Stelle über seinen eigenen, riesigen Anspruch stolpert. Etwas so Kompliziertes wie die Globalisierung in einen Film packen zu wollen, kann vermutlich nicht wirklich gelingen, auch nicht in 142 - durchaus kurzweiligen - Minuten. Jeder einzelne der drei Handlungsstränge ergäbe einen sehenswerten Film für sich. Die Verbindung zwischen den dreien jedoch ist etwas dünn. Die Konstruktion wirkt an manchen Stellen so, als würden Iñárritu und Drehbuchautor Guillermo Arriaga die Geschichten zwingen müssen, sich zu einer Idee zu vereinen. Manche Geschichte weigert sich aber. So ist es von Beginn an zwar klar, wieso die Verletzung Susans in Marokko zu den Komplikationen führt, in die das mexikanische Hausmädchen gerät. Aber Chiekos Suche nach Liebe in Tokio und ihr distanziertes Verhältnis zu ihrem Vater (Kôji Yakusho) haben damit nichts zu tun. Die einzige Verbindung besteht aus Fernsehberichten von dem Drama in Marokko, die Chieko beiläufig schaut. Doch obwohl sie am meisten aus dem Geflecht herausfällt, ist die japanische Episode die stärkste des ganzen Films.
Manchmal gelingt Iñárritu aber eine direkte Verbindung zwischen dem, was er zeigt, und dem, was er sagen will. Es gibt eine exzellente Sequenz ungefähr in der Mitte, in der Chieko durch eine Disko läuft und Kamera und Tonspur während ihres Gangs mehrfach die Seite wechseln. Erst sehen wir sie durch die Menge schreiten, während mit voller Lautstärke die stampfende Musik zu hören ist, dann folgt der Schnitt zur Perspektive des Mädchens, und der Ton verändert sich zu fast völliger Lautlosigkeit, in der nur ein entferntes Grummeln zu hören ist. Kameramann Rodrigo Prieto setzt dazu die Farben, die das Nachtleben in Tokio bietet, mit demselben Ideenreichtum in Szene, mit dem er auch die Trostlosigkeit der marokkanischen Wüste in eine stark entsättigte Palette taucht.

Der Moment in der Disko veranschaulicht die Philosophie des gesamten Films: Wir leben alle zusammen in derselben Welt, aber wir können nicht nur nicht kommunizieren, wir nehmen die Welt außerdem noch auf völlig unterschiedliche Weise wahr. Das gilt für einen taubstummen japanischen Teenager, der „Earth, Wind and Fire“ ganz anders erlebt als die anderen, wie für den dicken amerikanischen Touristen, der in einem marokkanischen Dorf voller hilfsbereiter Araber nur potenzielle Terroristen erkennen kann.
Mit seiner weltberühmten Besetzung geht Iñárritu ausgesprochen selbstbewusst um. Den weiblichen Star Cate Blanchett lässt er fast die gesamte Zeit mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden einer Lehmhütte liegen, während Brad Pitt als ihr Ehemann einigermaßen hilflos eine Ambulanz zu organisieren versucht. Und Gael García Bernal, der den Neffen des mexikanischen Hausmädchens spielt, einen in die Luft schießenden, Hühner mit der bloßen Hand tötenden Macho, ist offenbar zu seinem eigenen Vergnügen gegen den Strich besetzt. Das Fehlverhalten dieses unbeherrschten Neffen führt zu einer weiteren Tragödie, bevor der Film - dann schon wieder in Tokio - in einer grandiosen rückwärtigen Kamerafahrt ein versöhnliches Ende findet.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 13.12.2006
Kommentare zu Babel
cheeky 28.12.2006 03:08
Grundstory nicht verkehrt, aber schlecht umgesetzt...
Unwichtige Szenen über Minuten lang gezogen .. so wirkt es viel zu oft ..langweilig und schläferig ...
Aus anderen Szenen hätte man mehr herausholen können...
Ein Sonntag-Abend TV-Film aber keinesfalls sehenswert im Kino. Die guten Kritiken liegen wohl eher an den Schauspielern und deren Fans...
Lyn 05.01.2007 17:18
Der Film ist wahnsinnig heiß. Durch die Betrachtung der unkommunikativen Welt in der sich die Menschheit heutzutage bewegt ist ihm ein Meisterwerk gelungen. Die welt ist verständnislos wie nie zuvor und doch hängt a mit b wie mit z zusammen, ohne dass a von z etwas weiß. Gratuliere dem Macher.
Viele Menschen halten den Spiegel der Welt einfach nicht aus. Bewegend, faszinierend, grausam und erleichternd.
Andreas 14.01.2007 02:11
Ein absoluter öder und langatmiger Film. Alles in Allem absolut nichtssagend. Zeitverschwendung!
Eine lieblos zusammen konstruierte Geschichte. Teilweise unrealistische Handlung. Wer mal wieder im Kino mit dem Schlaf ringen möchte, darf sich diesen gerne antun...
Christian 14.01.2007 17:27
bei vergleichsweise kleinem Budget und dem wohltuenden Verzicht auf digitale Effekte sowie Stunts gelingt Iñárritu hier ein Film von knisternder Spannung. Der Film spielt dabei mit der Fantasie des Zuschauers und zeigt ihm immer wieder seine Voreingenommenheit auf. Gleichzeitig wird das Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-sein und Verständigunsschwierigkeiten bei gleichzeitigem Aufzeigen der Ähnlichkeiten der Kulturen selten eindringlich transportiert.
Die Story ist gut konstruiert und kameratechnisch hervorragend umgesetzt.
5 Sterne und Oskar-würdig!!
Lena 22.01.2007 14:52
Ein absolut sehenswerter Film! Sehr bewegend und vielschichtig! Ich warte noch auf weitere Interpretationen und Kritiken zu diesem Film!
paul 23.01.2007 22:20
Man sollte hier statt nach einer perfekten Story zu verlangen einfach die tollen Bilder, die Musik, die Schauspieler und die vielen subtilen Botschaften genießen, die dieser Film bietet.
Besonders die Metapher des Turms zu Babel lässt ist eine der Kernaussagen des Film: Menschen scheitern dabei ihre fundamentalen Bedürfnisse zu kommunizieren und stürzen sich
eher in riskante Abenteuer, die wie im wahren Leben selten gut ausgehen. Hochmut wird bestraft. Allein die Diskrepanz
zwischen den Amerikanern und den marokkanischen Dorfbewohnern spricht Bände. Wo gehen wir hin? Wer ist hier rückständig? Ansehen.
Bremer 28.01.2007 00:37
Hallo Leute,
habe (leider) vor dem Film die Kritiken gelesen und muss sagen, dass ich das nächste Mal keine Kritiken von Filmen durchlesen werde!
Der Film ist bei weitem der schlechteste Film von Brad Pitt, wenn man überhaupt behaupten kann das Brad Pitt der Hauptdarsteller ist. Zum Teil zusammenhanglose Geschichten und langatmige Szenen. Leider kann ich die Kommentare der positiv gestimmten Leser nicht verstehen! Wenn Ihr euch nach einem Film mal ärgern wollt, dann solltet Ihr euch diesen anscheuen.
Norbert 13.02.2007 11:53
Nur am Rande ist Babel Kritik an Phänomenen wie Terrorismushysterie, der Praxis amerikanischer Migrationpolitik oder der Unerträglichkeit von Lebensumständen in einer supressiven und unter dem Zwang von Sublimation und Bedürfnissurrogation leidenden urbanen Kultur (Tokio ist hier gut gewählt). Auch ist Babel nur vordergründig eine Kritik an dem, was man unter dem Begriff "Globalisierung" zu verstehen glaubt.
Dies alles sind lediglich Katalysatoren der Beschleunigung auf dem Weg einer kleinen Ursache in ein globales Katastrophengeschehen. Und sie sind nur das moderne Umfeld, in dem sich ein altes Menscheitsproblem offenbart, das schon seit 2000 Jahren als philosophische Münze gewechselt wird.
Das universale Missverständnis (die babylonische Verwirrung) in dem alle Handelnden (im zwischenmenschlichen und institutionellen Kontext (z. B. die marokkanische Polizei, die Grenzwächter) ausgesetzt sind, beruht auf jeweils verfestigten Vorurteils- und Deutungsstrukturen, die fortwährend falsche Bewertungen erzeugen und mit daraus resultierenden Handlungskonsequenzen die tragische Eskalation vorantreiben. Der Film zeigt, dass dies ein unabänderliches Daseinsmuster ist und verweist hiermit - wie bereits angedeutet - in seine philosophische Dimension, die bereits in der griechischen Tragödie Thema ist. Insofern greifen Kritiken, die das Thema "Sprachverwirrung" als Übersetzungsproblem deuten wollen, viel zu kurz.
Die Frage nach moralischer Schuld erübrigt sich. Übrigens auch die nach Ursache und Wirkung. Wenn der marokkanische Junge (der unglückliche "Täter") das Gewehr zertrümmert, dann, weil er aus seiner überschaubaren Perspektive die Ursache des Übels zu erkennen glaubt. Doch die übergeordnete Perspektive, zu der der Film den Zuschauer ermächtigt, fragt z.B.„ Wie ist das Gewehr ins Land gekommen? “ „ Warum kauft ein japanischer Geschäftsmann ein Gewehr, um damit in Marokko zu jagen? “.. u. s. w.. Die Frage führt in die nach allen Seiten offene Unendlichkeit unergründlicher und unentwirrbarer Ereignishaftigkeit die der Film hervorragend und exemplarisch lokalisiert (Japan für die Vergangenheit, Marokko für die Gegenwart und Mexiko/Amerika) für die Zukunft der Ereigniskette.
Doch wird das Muster unabänderlicher Missverständlichkeiten und Ausweglosigkeit durch Momente echten menschlichen Verstehens und der Übernahme von Verantwortung gebrochen. Die neu gewonnene Nähe des amerikanischen Ehepaars zueinander, die Freundschaft zwischen dem Touristen und dem Reiseführer angedeutet durch die Geste der verweigerten Geldannahme, der verzweifelte und unmögliche Versuch des mexikanischen Kindermädchens Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, ebenso der Versuch des marokkanischen Jungen, mit seinem Geständnis das katastrophale Geschehen zu unterbrechen, und die rührende Umarmung von Vater und Tochter auf dem Balkon in Tokio verweisen auf den Spielraum, der den Handelnden angesichts einer unverstehbaren Realität bleibt. Es ist das Menschliche selbst, Mut, Mitleid und Empathie!
Ein hervorragender Film zu einem großen Thema mit hervorragenden Schauspielern, in wirklich bewegenden Bildern!
Meine Sympathie gilt dem japanischen Polizisten, der angesichts der Wirrnisse zu einem Schnapps greift! Manchmal ist einem danach.
Norbert 14.02.2007 13:49
Hallo Lena,
Dir hat der Film gefallen. Mir auch. Würde gerne mehr darüber von Dir erfahren. Ich bin immer neugierig auf andere oder ergänzende Sichtweisen. So bekommt man eine noch vollständigere Sicht auf diesen in der Tat vielschichtigen Film.
Nur zu ...
Torsten 17.02.2008 14:04
Also ich weiß nicht: bei imdb.com 7,7/10 Punkten... Und das bei einem Film mit 75% deutschen Untertiteln, dessen angepriesener Tiefgang sich mir bis jetzt noch nicht erschlossen hat. Was das Ganze mit einem Turmbau zu Babel zu tun hat, kann ich beim besten Willen nicht erkennen - die Lektion dieser historischen Ereignisse war nicht Kommunikationsunfähigkeit, sondern die Anmaßung des Menschen, einen Weg zu Gott zu bauen... Für meine Begriffe: nicht sehenswert.
Martin Z. 04.09.2009 18:24
Wie der Film vier Handlungsstränge miteinander verbindet ist schon recht unterhaltsam auch wenn in manchen Teilen ziemliche Längen drin sind. Und wie er den Zusammenhang nach und nach enthüllt ist auch gar nicht mal so schlecht. Das globale Handlungsnetz reicht von Marokko über die USA und Mexiko bis Japan. Die Kommunikationsschwierigkeiten, auf die der Titel hinweist, sind zwar vorhanden, aber wenn man mal von der Gehörlosen Chieko absieht, nur am Rande von Bedeutung. Meistens handelt es sich um Missverständnisse oder Fehlinformationen. Eine echte Sprachverwirrung wie beim Turmbau zu Babel kann ich leider nicht entdecken. Wenn man sich drauf einlässt, kann man aber bangen, hoffen, mitunter sogar schmunzeln. Selten ist man gelangweilt. Für ein philosophisches Streitgespräch reicht es aber nicht.
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Film-Angaben
Titel: Babel
USA 2006
Laufzeit: 144 Minuten
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Guillermo Arriaga
Produktion: Alejandro González Iñárritu, Jon Kilik, Steve Golin
Darsteller: Brad Pitt, Cate Blanchett, Gael García Bernal, Said Tarchani, Boubker Ait el Caid, Adriana Barraza, Kôji Yakusho, Rinko Kikuchi
Kinostart: 21.12.2006
DVD-Angaben
Titel: Babel
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 142 Minuten
Extras: keine
Verleih ab: 11.07.2007
Verkauf ab: 06.08.2007
Copyright Babel
Fotos: © Tobis
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