Ayla

Nach Die Fremde kommt ein weiterer Film über das Problem der sogenannten Ehrenmorde in türkischen Familien in Deutschland ins Kino.

Ayla

Legt das Thema eine bestimmte Struktur nahe? Ist von der einen Sache grundsätzlich anders zu erzählen als von einer anderen? Richtet sich die Form nach dem Inhalt? Das Thema Ehrenmord jedenfalls, es ist im jüngsten deutschen Film ein beliebtes, hat zu zwei im Aufbau sehr ähnlichen Werken geführt. Sowohl Feo Aladags Die Fremde (2010) als auch Ayla von Su Turhan beginnen mit einem Vorgriff auf das unmittelbare zeitliche Umfeld der unerhörten Tat. Um dann kurz zuvor – Prinzip Cliffhanger – zurückzublenden. Was bisher geschah.

Ganz am Ende kommt die Handlung dann wieder zu jener Stelle am Beginn zurück und beendet den Film im Falle von Die Fremde auf tragische, im Falle von Ayla auf doch recht glückliche Weise. In beiden Filmen, mehr aber noch bei Ayla, ist diese Struktur aber natürlich keineswegs vom Inhalt bestimmt. Sie ist schlicht der einfachste Weg. Zur Spannungserzeugung, und um das Material wie mit einer Klammer zusammenzuhalten. Beide Filme sind Debüts, und an solchen Entscheidungen merkt man das auch.

Ayla

Noch in etwas anderem sind beide Filme sich ähnlich: Ihr größtes Pfund, mit dem sie wuchern können, sind ihre Hauptdarstellerinnen. Sibel Kekilli ist für Die Fremde kürzlich mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden, Pegah Ferydoni (bekannt aus der Fernsehserie Türkisch für Anfänger, 2005–2008) spielt ihre erste Kinohauptrolle. Ihre Ayla ist eine selbstbewusste Türkin, die mit ihrem konservativen Vater gebrochen hat. Sie ist Kindergärtnerin, lebt allein und denkt nicht daran, sich verheiraten zu lassen. Nachts zieht sie Netzstrümpfe an und eine blonde Perücke über, um in einem Club als Garderobiere zu arbeiten. Unbefleckt von Kenntnissen über die Nuancen deutschen Nachtlebens, sieht ihre Familie in diesem Job einen klaren Fall von Hurerei.

Ayla

Ayla verliebt sich in einen türkischen Fotografen namens Ayhan (ebenfalls ein sehr schöner Mensch: Mehdi Moinzadeh). Dieser Beruf ist wichtig, weil er Ayla Gelegenheit zu einigen Flirts mit der Kamera gibt, die verdeutlichen sollen, dass die Freiheit der muslimischen Frauen auch eine Freiheit der Erotik zu sein hat. Ayhan ist unter anderem deshalb von dem jungen Mädchen fasziniert, weil ihr Körper sich so ganz anders – begehrenswerter – seinem Objektiv ergibt als die Kopftuch tragenden türkischen Bräute, die er sonst fotografiert, um die Miete zu bezahlen. Regisseur Turhan hat einen außergewöhnlich guten Blick für die Weiblichkeit und die Ausstrahlung seiner Schauspielerin und setzt sie entsprechend in Szene, manchmal zwar zu modelhaft für eine einfache Kindergärtnerin, gleichwohl aber schön anzusehen.

Ayla ist nicht die vom Ehrenmord bedrohte Frau des Films, sondern in Wahrheit eine Art Retterin der unterdrückten Musliminnen, die sogar etwas Karate beherrscht. Die männlichen Rollen tun sich da wesentlich schwerer mit der modernen Zeit. Der eigentlich sensible Ayhan hadert damit, die Familienehre wiederherstellen zu müssen, nachdem seine Schwester ihren Mann verlassen hat. Sein weniger sensibler Bruder gibt den Part des Machos, der von „Ehre“ und „Respekt“ schwadroniert und dem Zögern fremd ist.

Ayla

Diese Figuren sind dabei von Anfang an so eindeutig festgelegt, dass der Film trotz Thriller-Elementen auf der Stelle zu treten scheint. Ayla vergisst vor lauter Gewissheit über sein wichtiges Thema die Ambivalenz, ohne die jede Erzählung in Stasis verharrt. Es fehlt ein genauerer soziologischer Blick auf das Milieu, und es fehlt ein Charakter wie der Vater in (dem sicherlich auch nicht völlig gelungenen) Die Fremde, dem man trotz der Monstrosität seiner Entscheidung für den Ehrenmord recht nah zu kommen vermag. Der schöne Fotograf Ayhan ist viel zu sehr strahlender Held, als dass man ihm die Tat auch nur eine Sekunde zutrauen würde. Interessanter ist die Figur von Aylas Schwester, die Kopftuch trägt, die Tradition hochhält – und mit Engagement und Geschäftssinn aus der Schneiderei des Vaters einen florierenden Laden gemacht hat.

Ayla

Visuell unterstützt wird die Handlung durch ein wiederkehrendes Motiv, bei dem die Kamera in Bodennähe Straßenbahnschienen entlangfährt. Das kann die Unausweichlichkeit des Schicksals darstellen oder das Beharren auf Traditionen, das automatische Fortschreiten auf immer gleichen Bahnen. Auch das ist nicht gerade ein originelles Bild, aber dafür ein treffendes, das in gewisser Weise auch den Film selbst beschreibt.

Trailer zu „Ayla“


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