Away we go

Auf der Suche nach einem neuen Zuhause reist ein junges Paar quer durch Amerika. In komischen bis schwermütigen Episoden wird es dabei mit verschiedenen Familienentwürfen konfrontiert.

Away we go

Auf den ersten Blick wirken Burt (John Krasinki) und Verona (Maya Rudolph) nicht wie ein durchschnittliches Pärchen Anfang dreißig. Ohne einen Gedanken daran verschwendet zu haben, sich häuslich nieder zu lassen, leben sie unbeschwert in den Tag hinein. Als Verona schwanger wird, bekommen sie jedoch das Gefühl, es in ihrem Leben zu nichts gebracht zu haben. Nachdem auch noch Burts Eltern nach Belgien auswandern und der letzte soziale Bezugspunkt verschwindet, wollen sie einen Neuanfang wagen. Auf einer Reise von Colorado über Phoenix, Tucson und Miami bis nach South Carolina suchen sie bei einer ehemaligen Arbeitskollegin, einer falschen Cousine und tatsächlichen Verwandten nach einem geeigneten Ort, ihr Kind aufzuziehen, und gleichzeitig nach jemandem, der ihnen das perfekte Familienmodell vorlebt.

Away we go

Weniger als ein Jahr nach [filmid:1484]Zeiten des Aufruhrs (Revolutionary Road, 2008) hat Sam Mendes erneut einen Film über ein junges Paar inszeniert. Away we go - Auf nach Irgendwo (Away We Go) ist allerdings nicht nur eine bedeutend kleinere Produktion mit zwei weitgehend unbekannten Hauptdarstellern, auch der Umgang mit dem Sujet ist humorvoller. Obwohl Mendes in vielen Szenen auf Situationskomik setzt, die sich teilweise an der Grenze zum Slapstick bewegt, ist der Film von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. Das liegt zum einen an Alexi Murdochs wehmütigem Akustikgitarren-Soundtrack, hat aber auch inhaltliche Ursachen. Away we go widmet sich schließlich den Ängsten werdender Eltern. Fast den gesamten Film über jagen Burt und Verona einem Familienideal hinterher, das es überhaupt nicht gibt. So werden ihre Erwartungen an jedem Ort aufs Neue enttäuscht. 

Away we go

Away we go erzählt weniger eine sich fortlaufend entwickelnde Handlung, als dass er einzelne, nach Orten unterteilte Episoden aneinanderreiht. Häufig funktionieren diese nach demselben Schema: Burt und Verona kommen mehr oder weniger optimistisch an einen neuen Ort, werden mit einem spezifischen Familienentwurf konfrontiert und ziehen mit dem Wissen, dass sie hier ihr Kind ganz bestimmt nicht aufziehen wollen, weiter. Besonders in der ersten Hälfte des Films – etwa bei L.N. (Maggie Gyllenhaal), einer abgehobenen Eso-Faschistin, die Kinderwägen aus ideologischen Gründen ablehnt, oder der ebenso lauten wie taktlosen Lily (Alison Janey), die mit Vorliebe ihre Kinder vorführt – verlässt sich der Film erfolgreich auf seine komödiantische Seite.

Away we go

Später wird der Erzählton dann ernsthafter und die Figurenzeichnung differenzierter. In Montreal scheint es so, als hätten Burt und Verona bei ihren ehemaligen Studienkollegen die perfekte Familie gefunden. Tom (Chris Messina) und Munch (Melanie Lynsky) leben mit ihren adoptierten Kindern in einer großen, freundlichen Wohnung eine friedliche Utopie. So enthalten die Eltern ihren Kindern etwa das Ende aus The Sound of Music (1965) mit dem Einmarsch der Nazis vor, weil sie noch früh genug mit dem Grauen in der Welt konfrontiert werden. Erst ein gemeinsamer Nachtclub-Besuch offenbart die tiefen Narben, die sich hinter dieser harmonischen Fassade verbergen.

Away we go leidet ein wenig darunter, dass die Protagonisten im Vergleich zu den Nebenfiguren – egal ob es sich um die Karikaturen oder differenzierteren Charaktere handelt –, äußerst blass wirken und immer wieder drohen, in eine Statistenrolle abzudriften. Ihnen fehlt der Witz, die tragische Dimension, schlichtweg jegliche Ecken und Kanten, um wirklich interessant zu sein. Sie kleiden sich zwar ein bisschen alternativ und leben in wilder Ehe, letztlich sind sie aber nur ein gewöhnliches, etwas biederes Pärchen aus der amerikanischen Mittelschicht.

Dabei mag das Unkontroverse an Burt und Verona für die Dramaturgie des Films bisweilen notwendig sein. Es erleichtert dem Zuschauer nicht nur die Identifikation, sondern passt auch zur Unentschlossenheit, mit der die Protagonisten ihrer Familienplanung gegenüber stehen. Während sie ein Nomadendasein pflegen, stehen die besuchten Freunde und Verwandte für unterschiedliche, bürgerliche Familienmodelle, aber auch exemplarisch für den Ort an dem sie leben – es ist kein Zufall, dass etwa die harmonische Großfamilie im seit jeher als liberaler und friedlicher geltenden Nachbarland Kanada wohnt. Am besten funktioniert Away we go über die Konflikte, die sich aus der Begegnung zwischen den Protagonisten und den jeweiligen Familien/Orten ergeben. Sobald die Nebenfiguren verschwinden und sich der Fokus ganz auf Burt und Verona richtet, lösen sich allerdings die Reibungspunkte schnell auf und es bleibt nur noch ein recht konservatives Familienideal.

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Kommentare


Johann C.

Ich war bei der (kostenlosen) Premiere des Films in Dresden dabei, und ich bin sehr positiv überrascht worden.

Der Film wird durch eine sympathische "Stille" getragen, der hin und wieder durch teilweise nicht ganz jugendfreiem Humor unterbrochen wird. Dennoch ist dieser Film auf keinen Fall zu vergleichen mit irgendwelchem Mainstream-Teenie-Schrott. Insbesondere im letzten Teil des Films (der dadurch zugegeben etwas langatmiger wirkt) werden immer mehr ernstere Themen angesprochen (Fehlgeburten, verlorene Eltern, Erinnerungen).
Insgesamt sehr empfehlenswert!






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