Aviator

Martin Scorseses Bio-Pic Aviator reflektiert das Leben des Hollywood-Produzenten, Flugzeugingenieurs, Frauenhelden und vor allem kranken Außenseiters Howard Hughes in den dreißiger und vierziger Jahren. Ein großer Film – leider etwas zu groß für Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio.

Aviator

Schon immer neigte Martin Scorsese (Taxi Driver, 1975, Casino, 1995) dazu, in seinen Filmen die amerikanische Geschichte mit seinem subjektiven Blick aufzuarbeiten. Diesmal soll Hollywood-Produzent und -Visionär Howard Hughes, der darüber hinaus auch das Flugwesen mit eigenen Konstruktionen revolutionierte, Dreh- und Angelpunkt im Universum des Kultregisseurs sein. Hughes erbte im Alter von 22 Jahren die Ölfirma seines Vaters. Diese verkaufte er, um als Produzent in Hollywood Fuß zu fassen und solch große Erfolge wie Hells Angels (1930) und Scarface (1932) feiern zu können. Begeistert durch die legendären Flugszenen in Hells Angels, beginnt er eigene Flugzeuge zu bauen und zu fliegen und avanciert so zum waghalsigsten und berühmtesten Piloten seit Charles Lindbergh. Flugzeuge sind seine große Liebe. Durch die Arbeit mit Ihnen schafft Hughes es, seine krankhaften Waschzwänge und Neurosen zu vergessen, an denen er immer wieder zu zerbrechen drohte. Aufgrund seiner großen Flug-Leidenschaft sollen Frauen nur eine untergeordnete Rolle in Hughs Leben gespielt haben und die gescheiterten Beziehungen zu den Hollywood-Stars Katherine Hepburn und Ava Gardner scheinen das zu bestätigen.

Aviator

Aviator steht und fällt mit dem Schauspiel Leonardo DiCaprios, der schon in Gangs of New York (2002), dem letzten Film von Martin Scorsese, die Hauptrolle spielte. Leider ist DiCaprio mit der Darstellung dieser komplexen und facettenreichen Figur überfordert. Die unkontrollierten Ausbrüche des kranken Außenseiters, der sich isoliert und an seiner Angst vor Bakterien zu zerbrechen scheint, spielt er grandios. Der Rolle des resoluten Playboys und des exzentrischen Industriellen vermag er aber nicht die gewünschte Authentizität zu verleihen. Scorsese versucht zu viele Aspekte in den fast drei Stunden des Films unterzubringen, die zum Teil etwas unvermittelt miteinander verknüpft sind. Die Szenen, die Hughes als perfektionistischen Filmproduzenten zeigen und bis zu einem gewissen Grad auch die Geschichte des amerikanischen Kinos reflektieren, wie zum Beispiel die Entwicklung vom Stumm- zum Ton-Film, werden „unterbrochen“ durch wirklich interessante Flugaufnahmen, diese wieder durch das erwähnenswerte Charakterspiel der weiblichen Hauptdarstellerinnen, in denen grundsätzliche Mann-Frau-Konflikte ihren Platz finden sollen. Hinzu kommt die Inszenierung des kranken und innerlich isolierten Außenseiters, der sich auch noch vor Gericht gegen die Zensur und die aggressive Politik des Flugzeug-Monopolisten PanAm und dessen Vorsitzenden Juan Trippe (Alec Baldwin) verantworten muss. So mangelt es dem Film an einer Richtung - die nicht nur bei dieser Filmlänge für den Zuschauer wichtig wäre.

Aviator

Trotz der Defizite ist und bleibt Martin Scorsese ein Meister seines Fachs, der um Hauptdarsteller DiCaprio ein Ensemble überzeugender Schauspieler zusammenstellte. Herausragend ist die Verkörperung der Katherine Hepburn durch Cate Blanchett (Elizabeth, 1998), mit der Hughes eine skandalträchtige Beziehung führte. Neben ihr glänzen Kate Beckinsale als Ava Gardner, John C. Reilly, Ian Holm, Alec Baldwin und ein selten so guter Alan Alda, der den korrupten Senator Owen Brewster mimt. Als Ikone des Erzählkinos versucht Scorsese anscheinend nach dem nicht nur finanziellen Misserfolg von Gangs of New York erneut mit dieser großangelegten Produktion einen Meilenstein zu setzen. Dieser baut allerdings zu sehr auf Leonardo DiCaprio, der es nicht schafft, der Inszenierung Scorseses gerecht zu werden.

Der Regisseur beweist in erster Linie sein Talent bei der detailverliebten Wiedergabe der Epoche, in der Aviator spielt. Die Kostüme und die Musik der dreißiger und vierziger Jahre, das Dekor, wie etwa die Ausstattung der Nachtclubs, werden originalgetreu in ihrem Wandel der Zeit hervorgehoben. Hervorragend auch die Arbeit des Kameramanns Robert Richardson, der schon bei Bringing out the Dead (1999) und Casino (1995) mit Scorsese arbeitete. Er versteht es wieder, die Geschichte originell zu bebildern; wie etwa in den Szenen, in welchen Hughes den roten Teppich entlangschreitet und sich durch – für ihn - bedrohliche Blitzlichtgewitter kämpfen muss. Auf visuell eindrückliche Weise werden seine Ängste für den Zuschauer hier nachvollziehbar gestaltet.

Howard Hughes ist ein Stück amerikanische Geschichte und schrieb vor allem die des großen Unterhaltungskinos. Aviator will dies auch und wird es wahrscheinlich – das zeigt sein Sujet, das Monumentale seiner Inszenierung und der wahrscheinliche Ausgang der kommenden Oscar-Verleihung: Gangs of New York ging vor zwei Jahren trotz elf Nominierungen leer aus, was die Academy Martin Scorsese wahrscheinlich kein zweites Mal in Folge zumuten wird…

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