Avanti Popolo – Kritik

Rafi Bukai macht aus Soldaten Clowns und entdeckt den Klamauk als einen Ausweg aus dem Nahostkonflikt.

Avanti Popolo 1

Es sind die letzten Stunden des Sechstagekriegs. Ein Zwischenraum, in dem die Regeln des Kriegs schon nicht mehr greifen, während das Ethos des Friedens erst langsam zurückkehrt. Ein Leben bekommt seinen Wert zurück, der Tod ist kein kalkulierter Verlust mehr, sondern ein tragischer Einzelfall. In diesen Zeitabschnitt platziert der israelische Regisseur Rafi Bukai die Geschichte einer Gruppe ägyptischer Soldaten. Nach einem letzten Feuergefecht mit der israelischen Armee flüchten sie in Richtung Suezkanal, hinter dem ihre Heimat liegt. Noch auf den ersten Metern durch die Wüste wird der erste von ihnen leise sterben. Die Überlebenden Haled (Salim Dau) und Gassan (Suhel Haddad) werden fortan wie Kriegsgefangene durch den Sand stapfen.

Kriegsgefangene der Wüste

Avanti Popolo 2

Die Sinai-Halbinsel ist seit jeher ein Gebiet, durch das sich die Demarkationslinien der Kriege und Konflikte des Nahen Osten ziehen. Die Wüste maskiert die Folgen des Krieges, es gibt keine Spuren im Sand, nur ein paar Materialreste und improvisierte Soldatengräber erinnern an sechs Tage der Schlacht. Doch so wenig die Wüste auf einen Krieg hinweist, so schwer lässt sie die Soldaten wieder los. Wie Kriegsgefangene erscheinen die ägyptischen Soldaten zwischen den Sanddünen. Yoav Koshs Kamera inszeniert sie in einem Wechselspiel aus intimen Zweiereinstellungen und dem Panorama der Wüste, deren blauer Himmel eben nicht die fast gewonnene Freiheit nach Kriegsende ausstrahlt, weil er keine Konturen und damit keinen neuen Horizont preisgeben will.

Avanti Popolo 3

Die Hoffnung erscheint nicht oben in den Himmelspforten, sondern auf dem rotbraunen Boden, in Form eines UN-Jeeps, der verwaist in der Wüste steht. Der letzte Passagier, ein schwedischer Blauhelm-Soldat, der tot auf der Rückbank sitzt, bietet zwar keine Hilfe mehr. Doch Whiskeyflasche und Sonnenschirm, die er unter sich verstaut hat, spenden fürs Erste genug Trost. So geben sich die Moslems dem Alkohol hin, bis der Jeep schließlich doch wieder anspringt, ein paar hundert Meter Richtung Suezkanal schafft – und prompt wieder in der Wüste versandet.

Mit Klamauk zurück zur Menschlichkeit

Avanti Popolo 5

Das Wunderbare an Avanti Popolo ist, dass er sich weder an der Verzweiflung noch an der großen Symbolkraft solcher Bilder festklammert. Der didaktische Gestus, der solchen bedeutungsschwangeren Tableaus ebenso anhaftet wie seiner Geschichte selbst, bleibt immer unaufdringlich hinter dem Herzstück des Films zurück: seinem absurdem Humor. Selbst wenn die Geschichte schließlich israelische und ägyptische Soldaten, Moslems und Juden, zusammenbringt, versteht der Film diese Verbrüderung nicht als pathetisch aufgeladene Momente, sondern als kleine Spitzen des Klamauks.

Avanti Popolo 4

Das Aufeinandertreffen beider Parteien erinnert mehr an eine Commedia all’italiana als an einen Kriegsfilm. Haled und Gassan torkeln betrunken eine Sanddüne hinunter, beobachtet von einer Gruppe israelischer Soldaten, die eine Düne weiter auf dem Rücken liegen. Gelangweilt geben sie ein paar Warnschüsse ab, um die Clowns zu vertreiben, bis einer von ihnen mahnt, dass man besser damit aufhören solle, bevor jemand verletzt wird. Zu Füßen der Israelis gibt Haled, der im Zivilleben Schauspieler ist, schließlich seine größte Performance: „Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen?“, zitiert er Shylock aus Shakespeares Der Kaufmann von Venedig, mit einer so inbrünstigen Albernheit, dass die Israelis ihm und Gassan ihr Wasser überlassen. Wenig später werden die Krieger beider Parteien durch die Wüste tanzen und „Avanti popolo“ anstimmen. Keiner von ihnen ist sich wirklich sicher, wofür das Lied genau steht, und doch tanzen sie als geschlossene Gruppe durch die Wüste.

Blick nach vorn

Rafi Bukai richtet seinen Blick nicht zurück auf die Vernichtung durch den Krieg, er schaut nach vorn, auf den Versuch zweier Soldaten, wieder Frieden zu finden. Mit reichlich Alkohol betankt, führt ihre Reise vorbei an der Sentimentalität, geradewegs in Richtung Absurdität. So wie die Uniformen die Männer zunehmend eher als Clowns ausweisen denn als Soldaten, verschwinden auch die alt-testamentarischen Grenzen ihrer Erbfeindschaft. Mit einem Sonnenschirm über der Schulter stolziert Haled in einer Szene durch die Wüste. Er lässt sein Gewehr und die Kriegsspuren, die unter dem Sand liegen, hinter sich, um wie ein volltrunkener, uniformierter Wiedergänger von Chaplins Tramp in Richtung Heimat zu stapfen. Kann es einen schöneren Weg zurück ins Leben geben?

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