Austerlitz

Das Gedenken im lauten Schwall der Gegenwart: Sergei Loznitsas Porträt der Gedenkstätte Sachsenhausen löst das Lager vollständig in der Dynamik der Menschenmassen auf. Ein Film, der hilflos zurücklässt.

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Wie zwei Herzklappen öffnen und schließen sich die dünnen Holztüren der Baracke, rhythmisch schlagend unterteilen sie den nicht abreißenden Menschenstrom, kontrollieren den Andrang der Körper, verhindern ein gefährliches Stocken und Aufstauen. Aber die Türangeln quietschen bereits bedrohlich, das System scheint knapp an seiner Belastungsgrenze zu laufen, als könne es unmöglich noch weitere Reisegruppen, Schulklassen oder verirrte Einzeltouristen in seinen Kreislauf aufnehmen. Alles ist konstante Bewegung, und die Notwendigkeit, diese Bewegung ohne Zwischenfälle aufrecht zu erhalten, scheint sämtliche Ressourcen der Anlage in Anspruch zu nehmen – jede andere Wirkung, jeder andere Zweck wird von diesem übergeordneten logistischen Imperativ verdrängt.

Ein Tummelplatz menschlicher Regungen

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Die vielgestaltige, aus unzähligen Einzelbewegungen zusammengesetzte und doch von einer gemeinsamen Dynamik durchdrungene Menschmenge ist der dominante Eindruck und zugleich das eigentliche Thema von Austerlitz. In langen, starren Einstellungen beobachtet Sergei Loznitsas Film die Besucherströme, die sich an einem sonnigen Sommertag wellenartig über das Gelände einer KZ-Gedenkstätte schieben (es handelt sich dabei, wie sich später anhand einiger Wortfetzen feststellen lässt, um die Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin). Das Lager selbst löst sich dabei fast vollständig in der schieren Masse an Menschen auf: Die einzelnen Gebäude und Strukturen werden zu gänzlich isolierten Fragmenten, die umfassende Zermürbungs- und Tötungsdynamik, zu der sie sich einst zusammenfügten und die ihren ursprünglichen Zweck bildete – sie bleibt hinter dem allgemeinen Trubel vollkommen unsichtbar.

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Es ist kein stiller Ort der Andacht, der in Austerlitz gezeigt wird, keine Kathedrale der Trauer und des Gedenkens, vielmehr ist die Gedenkstätte unter dem Ansturm der Besucher zu einem Tummelplatz menschlicher Regungen geworden. Denn wo Menschen sind, da müssen auch Toiletten sein, und der Standort dieser Toiletten muss den Menschen kundgetan werden. Auch werden die Menschen irgendwann Hunger bekommen, und dann werden sie etwas essen – eine Notwendigkeit, die auch durch die Schilderung ohnehin unvorstellbarer Hungerleiden der einstigen Lagerinsassen nicht einfach außer Kraft gesetzt wird. Und wenn den Menschen die Sonne auf die Stirn brennt, dann werden sie sich instinktiv in den Schatten einer Mauer stellen oder ihre Sonnenbrillen aufsetzen. Selbst die ungezwungene Art, mit der die Menschen im Lager ihre fröhlichen Urlaubsfotos schießen, zeugt davon, dass der Besuch an diesem Ort nur eine Episode darstellt, dass sie außerhalb des Lagers Freunde, einen Beruf, eine ganze Lebenswirklichkeit haben – und warum sollten sie diese Lebenswirklichkeit verleugnen, warum sollten sie tun, als gäbe es sie nicht? Man kann die Unbekümmertheit, mit der die in Austerlitz gezeigten Menschen ihren Impulsen freien Lauf lassen, als individuelles Fehlverhalten verurteilen, doch würde man dabei übersehen, dass bei der Organisation der Gedenkstätte die bewusste Entscheidung gefällt wurde, das Leben in das Lager hereinzulassen – und so sieht das Leben nun einmal aus: ungeordnet, grell, und manchmal ziemlich unappetitlich.

Unbekümmertheit und Sakralisierung

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Vielleicht war diese Entscheidung ein Fehler. Vielleicht sollte die Grenze zwischen den vielfältigen Bedürfnissen des gelebten Alltags und den Orten eines vergangenen Leids nicht derart eingeebnet werden. Immer wieder regt sich beim Betrachten von Austerlitz der Gedanke, dass man die Lager ganz zusperren sollte, dass man jede Besichtigung und jeden bloßen „Besuch“ unterbinden sollte. Die Lager würden weiterhin in Stand gehalten werden, mit der größten Sorgfalt und mit entsprechendem finanziellen und personellen Aufwand würde man die Gebäude, die Plätze, die Überreste der Todesmaschinerie reinigen und pflegen, sie nicht vergehen lassen – aber man würde sie der bloßen Neugier und der allgemeinen Betrachtung entziehen, man würde ihnen keinerlei Nutzen für die Gegenwart abverlangen, auch keinen pädagogischen. Diese Orte gehörten dann nicht mehr uns, den Lebenden, sie stünden uns nicht mehr für unsere eigenen Zwecke zur Verfügung, sie gehörten dann nur mehr den Opfern, den Toten.

Aber würde eine derart vollständige Sakralisierung nicht auch nur einen profanen Zweck verfolgen? Und zwar, uns das Gefühl zu vermitteln, der Tod sei nichts Endgültiges; uns in die besänftigende Illusion einzuweben, dass es die Toten irgendwie noch gibt und dass sie unser Gedenken in irgendeiner Form noch als einen ihnen erwiesenen Dienst entgegennehmen können. Vielleicht besteht das wahre Gedenken jedoch eben in dem Bewusstsein, dass dieser Adressat unwiderruflich fehlt, dass selbst die Stätten ihres eigenen Leids den Toten nicht mehr gehören, weil ihnen gar nichts mehr gehört, weil sie eben nicht mehr sind. Denn die Auslöschung zerstört mit den Menschen auch die Möglichkeit jeder Wiedergutmachung – selbst einer bloß rituellen.

Eine große Hilflosigkeit

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Dieser Umstand mündet in die Erfahrung einer großen Hilflosigkeit, und ebendiese Hilflosigkeit durchzieht Austerlitz von Anfang bis Ende, sie wird uns durch den Film als Herausforderung aufgebürdet. Man stößt sich innerlich an dem abgestumpften Verhalten der Besucher, und weiß doch nicht, was sie denn anderes tun sollten. Man wünscht sich, dass die Besucher durch ein irgendwie würdevolles Verhalten dem Geschehenen eine Sinnhaftigkeit abringen würden, und weiß doch, dass dies nur ein leeres, beschwichtigendes Schauspiel wäre. Wenn sich manche der Besucher für ihre Urlaubsfotos scherzhaft an die Folterpfähle lehnen oder sich vor den Verbrennungsöfen in eine lockere Pose werfen, dann ist das Abstoßende, das Unerträgliche daran folglich auch nicht in erster Linie die Pietätlosigkeit dieses Verhaltens. Das eigentlich Ekelhafte ist das Gefühl, dass es auch schon wurscht ist.

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