Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Eine alte Kamera guckt auf einen alten Mann: Ann Carolin Renninger und René Frölke liefern mit ihrem Jahr der Nichtereignisse ein großartiges Bildereignis mit skurrilem Prinzip. 

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Es gibt unzählige Filme, in denen die größte Ambition der Kamera darin zu bestehen scheint, nicht aufzufallen; Bilder zu liefern, die sich geschmeidig in den Fluss des Films fügen, ohne dass eine als zu konstruiert empfundene Einstellung die saubere Abfolge als künstlich enttarnt. Im Grunde geht es um eine Täuschung, auf die sich beide Parteien bereitwillig einlassen: Dass etwas zwischen uns und das Gesehene geschoben wurde, dass das Gesehene sich nicht unserem Blick entgegenstreckt, sondern erstmal dem Blick eines anderen, soll vergessen gemacht werden. Der Film wird daran gemessen, wie sehr wir die Kamera für unser Auge halten können. In Aus einem Jahr der Nichtereignisse kehren Ann Carolin Renninger und René Frölke dieses Verhältnis um. Die Kamera soll sich aufdrängen, soll in jedem Augenblick daran erinnern, dass es sie gibt. Vergessen das Diskretionsgebot: Sie soll stören, sie soll behindern, sie soll die Dinge schamlos anders wiedergeben, als sie sind; sich nicht unserem Blick anbiedern, ihn nachzuahmen versuchen, sondern schlicht und ergreifend Protagonistin sein. Und das ist hier wahrlich ein Ereignis.

Die Wirklichkeit wie eine technische Störung

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Die Regisseure filmen mit einer alten Kamera, die außerstande ist, Ton aufzunehmen, dafür aber der (digitalen) Tonaufnahme das sympathische Rattern ihres Mechanismus anbietet. Die maximale Länge einer Einstellung bemisst sich in Sekunden, die Kamera hangelt sich ungeniert von Ausfall zu Ausfall, liefert kurzlebige Miniaturen und kann sich nicht zwischen Farbe und Schwarz-Weiß entscheiden. Unterbrechung als Prinzip in diesem doch nach der Kontinuität des Nichtereignisses benannten Films. Das unentwegte Zerhacken der Wirklichkeit, ihr unausweichlicher Zerfall ist nur einer der Mechanismen, mit denen Aus einem Jahr der Nichtereignisse uns diese Wirklichkeit manchmal bis zur Unkenntlichkeit verfremdet entgegenhält. Die Auflösung ist natürlich grottig, regelmäßig durchzuckt von eigensinnigen Störungen. Dabei ist diese irgendwie liebevoll verhunzte Wirklichkeit immer wieder der technischen Störung zum Verwechseln nah. Als die Kamera auf einer der zahlreichen durch den Film tapsenden Katzen zum Ruhen kommt, drängt sich die Ähnlichkeit zwischen Katzenhaar und krisseligem Filmmaterial auf; das Stück Fleisch, das in der Pfanne brutzelt, erinnert an das Flimmern, das sich durch den Film zieht. Alles ist hier in Mikrobewegung; alles flackert, flimmert, wabert.

Die Bolex und Willi

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Aus einem Jahr der Nichtereignisse beobachtet über ein Jahr einen greisen Bauern irgendwo in Norddeutschland. In diesem Sujet findet die eigenwillige Kamera ihresgleichen: Willi haftet dieselbe charmante Altertümlichkeit an, aber auch dieselbe Schwerfälligkeit. Er geht mit größter Mühe und fast unerträglicher Langsamkeit, gestützt auf einem Rollator, der in seinem entsetzlichen Quietschen wie ein Echo auf das Rattern der Kamera abgibt. Renninger und Frölke liefern das Porträt einer verlangsamten Existenz, die noch eigenständig ist. Anders, als uns der Name glauben machen will, ist es aber kein Jahr des Stillstandes; eher eines der Wiederholung. Tag für Tag seine Existenz aufs Neue behaupten und bestreiten, Tag für Tag dieselben Gesten, kleine Siege über die Altersschwäche. Gesten, die Willi im Übrigen für völlig uninteressant hält: Als die Regisseure ihn bitten, mit dem Anziehen zu warten, damit sie es filmen können, spottet er amüsiert über ihr fehlgeleitetes Interesse. „Verbrauchst so viele Filme. Und was hast du dann wirklich aufgenommen? Gar nichts“, heißt es an anderer Stelle. Die Kamera liefert grottige Bilder und das Abgebildete setzt noch einen drauf und spricht ihnen die Relevanz ab: Selten hat man ein so skurriles Prinzip am Werk gesehen.

Altern ist hässlich

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Aber: Es funktioniert. Aus einem Jahr der Nichtereignisse ist ein überwältigendes, erstaunlich viel aufnehmendes Filmereignis, das mit einem alten Ding auf einen alten Mann schaut und dem Alter der beiden horcht, ohne sie gleichzusetzen. Denn während die bizarren Bilder der Bolex gefeiert werden und die Perfektion heutiger Aufnahmemöglichkeiten in Frage gestellt, verweigert sich der Film der Sublimierung von Willis Alter, glotzt unverhohlen auf die massige, fast difforme Gestalt in der Latzhose. Altern ist hässlich. Vielleicht erträgt es sich am besten mit der unaufgeregten Sachlichkeit, die Willi und seine Altersgenossen walten lassen und dabei dem Film zum Brüllen komische Momente spenden. Lakonisch unterhält man sich bei Tisch über steigende Erdbeerpreise und die beste Form der Bestattung. Irgendjemand ist hin- und hergerissen zwischen der Einäscherung und dem Sarg. Ja, wer weiß schon, ob er in einem Stück begraben werden will, seufzt eine alte Frau. Die Vergänglichkeit will geplant werden.

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