Aus der Ferne – Kritik

Thomas Arslan porträtiert die Türkei und die Türken in einem Reisefilm, der ihn von Istanbul bis in den äußersten Osten des Landes führt. Aus der Ferne ist schlicht, einfach und der beste Dokumentarfilm seit langem.

Aus der Ferne

Nach André Bazin besitzt der Film das Potential, ein Fenster zur Welt zur sein. Dies impliziert nicht nur, dass die Grenzen der Leinwand anders als etwa ein Bilderrahmen stets auf einen Raum außerhalb des Bildes verweisen, sondern auch ein spezifisches Verhältnis zwischen Film und Zuschauer. Wer aus dem Fenster sieht, ist selbst nie Teil der sichtbaren Welt, bleibt immer ein Beobachter. Die Distanz zwischen Subjekt und Objekt ist grundsätzlich unüberbrückbar. Selten erscheint Bazins Fenstermetapher einem speziellen Film angemessener als Thomas Arslans Reisedokumentation Aus der Ferne.

Thomas Arslan, Sohn eines Türken und einer Deutschen, besuchte in seiner Jugend einige Jahre lang die Grundschule in Ankara, wuchs ansonsten aber in Deutschland auf. Für die Dreharbeiten zu Aus der Ferne kehrte er zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren in die Heimat seines Vaters, welcher inzwischen auch in Deutschland lebt, zurück. Er reiste mit einem kleinen Team vom Westen des Landes, den europäisch geprägten Großstädten Istanbul und Ankara bis in den äußersten Osten. Die letzte Station der Reise – und des Films – ist Doğubayazıt, eine Kleinstadt nahe der iranischen Grenze.

Die Suche nach den biographischen Wurzeln des Regisseurs macht nur einen kleinen Teil des Films aus und rückt nur während eines Besuchs, den der Filmemacher seiner alten Wohnung in Ankara abstattet, in den Mittelpunkt. Hier findet auch das einzige Interview des Films statt, mit Arslans Tante. Ansonsten beschränken sich die Kommentare auf kurze Einführungstexte, die der Regisseur zu den einzelnen Stationen der Reise spricht. Diese sind extrem reduziert gehalten, Arslan erläutert stets nur das Allernötigste und enthält sich jeder Interpretationshilfe für den Zuschauer. Aus der Ferne funktioniert wie kaum ein anderer Film über Bilder und nur über Bilder.

Aus der Ferne

Aus der Ferne zeigt vor allem Menschen im öffentlichen Raum. Arslan filmt Passanten auf der Straße und auf Flughäfen, Menschen in Cafés und immer wieder Schulkinder. Nur selten rückt ein einzelner Mensch in den Mittelpunkt. Einmal verfolgt die Kamera für längere Zeit ein Kind, das in einem Verkehrsbus das Fahrgeld der Passagiere kassiert, andernorts sehen wir einen jungen Metzger, der ironischerweise ein T-Shirt der Band „Slayer“ trägt, bei der Arbeit auf einem Marktplatz. Ohne eine einzige voyeuristische Einstellung gelingt dem Film ein dichtes Porträt der Türkei durch die Kombination vieler ungewichteter Einzelheiten, deren Einordnung ganz dem Zuschauer überlassen bleibt.

Um sich den Qualitäten des spröden, aber bereits nach wenigen Einstellungen faszinierenden Werks zu nähern, lohnt es sich, zuerst festzuhalten, was Aus der Ferne nicht ist. Aus der Ferne ist kein verkitschtes Reisevideo, Arslan verzichtet auf die naheliegenden Bilder des Sonnenuntergangs über den Brücken des Bosporus oder faltiger alter Männer neben beladenen Lasteseln. Aus der Ferne ist auch kein anmaßender Blick aus Deutschland auf die Türkei, die hierzulande oft wahlweise als Militärdiktatur oder als Vorposten El-Kaidas dargestellt wird. Und ebensowenig ist Aus der Ferne ein Film, der mit einfachen rhetorischen Mitteln das Klischee vom Land zwischen Orient und Okzident stärken will. Kurz gesagt, die Bilder in Aus der Ferne sind nie exotistisch, nie arrogant und auch nie prätentiös.

Jede neue Stadt wird durch einen Kamerablick aus einem Fenster auf die Umgebung eingeführt. Die zusätzliche Rahmung verdeutlicht die Distanz, die Arslan zu dem ihm größtenteils fremden Land aufrecht erhält und erläutert gleichzeitig den Blick des gesamten Filmes auf die Türkei. Ein Blick vor jedem vorgefertigten Urteil, vor jeder vorschnellen Sinnzuschreibung. Kein Bild enthält metaphorischen Mehrwert oder behauptet, mehr zu sein als eine mehr oder weniger beliebige Momentaufnahme.

Aus der Ferne

Aus der Ferne zeigt die Städte und Menschen der Türkei größtenteils in ruhigen, langen Einstellungen, lässt dem Zuschauer Zeit, jedes Bild genau zu untersuchen. Allerdings finden sich je nach Situation auch unruhigere kürzere Aufnahmen, im Fußballstadion etwa. Arslan passt sein visuelles Konzept dem Material an, nicht umgekehrt. Auch in dieser Haltung, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit für Dokumentarfilme sein sollte und sich dennoch fast nie so konsequent umgesetzt findet wie in Aus der Ferne, erkennt man die bewundernswerte Ehrlichkeit des Regisseurs. Hierzu passt auch, dass Arslan nie versucht, die Anwesenheit der Kamera zu verschleiern. Manche der aufgenommenen Menschen wirken befangen angesichts der Dreharbeiten, an anderer Stelle winken Schulkinder in die Kamera.

Manchmal kann Kino so einfach sein. Aus der Ferne zeigt Bilder aus der Türkei und beschränkt sich darauf, dieses bestechend schlichte Konzept so ehrlich wie möglich umzusetzen, unter Verzicht auf jegliche Dummheit oder Besserwisserei. Mehr benötigt Arslan nicht, um den vielleicht besten Film des Jahres zu erschaffen.

 

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Kommentare


mcs

hättest du mal lieber auch auf dummheit und besserwisserei verzichtet.






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