Aurora

Ein dreistündiger Film über das Töten. Über die Unmöglichkeit, einen Mörder, einen Menschen zu verstehen.

Aurora 01

Oft steht er im Dunkeln, im Abseits oder befindet sich gar nicht mehr im Bild. Am Anfang spricht er wenig und leise, später wird sein Ton gereizter und aggressiver. Seine Pause bei der Arbeit verbringt er allein, nur in Unterhaltung mit einem Tier. Die beschwingte Klaviermusik des Vorspanns will nicht zu der Einsamkeit und der Tristesse passen, die bereits die ersten Einstellungen vermitteln. In einer frühen Szene steht er in einem Raum ohne Licht und beobachtet aus der Distanz, wie sich im beleuchteten Teil der Wohnung eine Frau mit ihrer Tochter unterhält. Man fragt sich, ob dies seine Familie ist, wie man sich im Verlauf noch mehrfach fragen wird, wer die Personen des Films sind, vor allem: wer er ist. Die Frau zeigt ihm ein teures Designerkleid, das ihr vermutlich ein Liebhaber geschenkt hat. Er steht dabei die meiste Zeit schweigend im Off. Später erzählt sie ihm am Küchentisch, ihre Tochter habe in der Schule angemerkt, dass sich in einem Märchen ein Logikfehler befinde. Statt die Aufmerksamkeit des Kindes zu loben, stimmt er der Feststellung zu.

Aurora 02

Dass ein Märchen nicht den Gesetzen der realen Welt folgt, scheint auch er nicht begreifen oder akzeptieren zu können. Er ist sehr genau, und als seine Welt in Unordnung gerät, besorgt er sich Munition und dann eine Waffe. Sein Name Viorel (Cristi Puiu) bedeutet „blaue Glocken“ oder „Glockenblume“, er trägt eine blaue Daunenjacke und ist in der Exposition in blaues Licht getaucht. Nachdem er vier Menschen getötet hat, platzt er in den Schulunterricht seiner Tochter, während ihre Klasse gerade eine Tanznummer für eine Party einstudiert – zu dem Song „I’m Blue“. Ist er depressiv, Autist, Soziopath? Wofür nimmt er Pillen ein, und wieso tötet er? Sein Gesicht zeigt selten eine Regung, und wenn doch, dann glaubt man, darin vor allem Unverständnis und Misstrauen zu lesen. Die Anderen scheinen ihm überwiegend fremd, verdächtig oder lästig zu sein, seiner Mutter und seiner Tochter gegenüber verhält er sich kühl und distanziert, aber eine Szene, in der eine Nachbarin ihren Sohn ausschimpft, legt nahe, dass er durchaus Mitgefühl besitzt.

Aurora 03

Der rumänische Autor und Regisseur Cristi Puiu (Der Tod des Herrn Lazarescu, Moartea domnului Lazarescu, 2005) hat sich selbst als Viorel besetzt, weil sogar er seinen Protagonisten nicht vollständig begreift und einem Schauspieler die Rolle nicht hätte erklären können. Mit Aurora hat er einen dreistündigen Film gedreht, der auf ebenso faszinierende wie frustrierende Weise Langeweile und Spannung verbindet. In langen Einstellungen mit wenigen Dialogen und Musikeinsätzen und umso dominanteren Straßengeräuschen und Schüssen sehen wir Viorel dabei zu, wie er Auto fährt, isst und duscht, in einer renovierungsbedürftigen Wohnung in ein Telefon pfeift, sich nachts an einem Bahnsteig herumtreibt und eine Frau mit Kind an einer Bushaltestelle beobachtet. Ab und zu schaut er direkt in die Kamera, als wäre ihm unsere Anwesenheit bewusst oder als wüsste er selbst nicht so genau, warum er diese teils banalen, teils rätselhaften Dinge tut. Die Spannung von Aurora beruht bei aller Langatmigkeit – und auf Dauer auch Eintönigkeit – der Inszenierung auf der Frage nach dem Warum, dem Bedürfnis des Zuschauers, die Motive des Mörders zu entschlüsseln. Viorel erklärt sie am Ende und meint gleichzeitig, es mache ihm Angst, dass seine Zuhörer den Anschein erweckten, ihn verstehen zu können.

Aurora 05

Puiu, der als Vertreter der neuen rumänischen Welle (siehe 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, 4 luni, 3 saptamâni 2 zile, 2007 oder Police, Adjective, 2009) gilt, diese Kategorisierung aber ablehnt, scheint mit seinem Porträt keine Allegorie im Sinn gehabt zu haben. Bis auf eine Nachrichtenmeldung im Fernsehen gibt es kaum konkrete Hinweise auf die gesellschaftliche oder politische Situation im heutigen Rumänien. Eher scheint der Regisseur demonstrieren zu wollen, dass ein Individuum, seine Beziehungen und Beweggründe, weder durch eine andere Person noch durch eine Filmkamera gänzlich fassbar werden können. Letztere ist oft leicht in Bewegung, wie auf Spurensuche, als wollte sie sich an das Geschehen und die Hauptfigur herantasten. Bei den Morden bleibt sie auf Distanz. Unsere Blicke auf Viorel sind größtenteils eingeschränkte. Immer wieder wird er durch Türrahmen und hinter Fenstern gefilmt oder von Nebenfiguren buchstäblich aus dem Bild gedrängt. Er wird von Gegenständen verdeckt und in Gesprächen ignoriert oder übergangen. Seine Tochter sieht ihn einmal an, als wäre er ein kurioser Unbekannter.

Zum Schluss darf Viorel seine Version der Geschichte aufschreiben. Wir werden sie nie zu Gesicht bekommen.

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