Aujourd'hui

Modulationen der Wahrnehmung.

Aujourd  hui

Aujourd’hui schaut man nicht allein mit den Augen, sondern auch mit der Haut. Kein Sinn lässt sich aus der Gesamtheit menschlicher Wahrnehmung trennscharf lösen, nie wird einzig „gesehen“, „geschmeckt“, „gehört“. Unser Empfinden ist ein Spiel der Dominanten und Subdominanten – ein Eindruck mag primär sein, viele andere jedoch schwingen in den Akkordfolgen mit. Nun ist selbstverständlich das Sehen im Kino der traditionelle Leitsinn, seit Beginn des Tonfilms alliiert mit dem Gehör. Werden die anderen Sinne aktiv, dann meist im Gefolge und Schatten des Visuellen. Nur selten vermögen es Filme, ihnen einen gleichwertigen Reichtum zu verleihen, ebenso elaboriert durch Riechen und Tasten zu erzählen wie durch Sehen und Hören. Aujourd’hui (Tey) ist ein solcher Film, ein Film der tastenden Blicke. Und Pupillen und Hände sind die Leitmotive in Alain Gomis’ fantastischem Wettbewerbsbeitrag der Berlinale 2012.

Satché (Saul Williams) weiß, dass der eine Tag der Filmzeit, das Titel gebende „Heute“, der letzte Tag seines Lebens sein wird. Warum das so ist, wo er sich doch offenbar bester Gesundheit erfreut, wird nicht eingehend erklärt. Der Film behauptet den Fakt des bevorstehenden Todes mit schlichter Selbstverständlichkeit. Wir unkundigen europäischen Zuschauer, auf der Suche nach Gründen, finden nur grobe Andeutungen. Im Senegal, so wie Gomis die Heimat seiner Eltern darstellt, scheint eine derartige Gewissheit nicht weiter verwunderlich zu sein. Zu Beginn sehen wir ein rite de passage, ein Ritual der Verabschiedung von der Familie, in der Satchés Vater andeutet, dass „Gott“ es so gewollt habe mit dem Tod und es keinen Anlass für Zweifel gebe.

Aujourd hui 04

Nichts jedoch liegt der Filmgestaltung ferner, als spirituelle oder übersinnliche Erklärungen anzusteuern. Aujourd’hui ist ein ganz und gar weltlicher Film. Der Plot hat hier eine einzige Aufgabe: eine Situation zu erschaffen, in der die Wahrnehmung aus dem Zaumzeug ihrer Zeitlichkeit entkoppelt ist und in einer totalen Gegenwart existiert. „Heute“ ist ein ursprungloser Tag, so wie jeder Moment – würden sich nicht Kultur, Gedächtnis und Hoffnung einmischen – allein für sich in der Zeit steht. Doch wer vermag schon, seine Wahrnehmung derart von der eigenen Geschichte zu lösen? Um dieses Menschenunmögliche zu erreichen und um keine Widersprüche zuzulassen, siedelt Gomis das Ereignis der Todesprophezeiung jenseits menschlichen Zugriffs an. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Die Erlebnisse Satchés an diesem Tag, der ebenso der letzte wie der einzige Tag seines Lebens genannt werden könnte, bestehen weniger aus einer Abfolge von Handlungssituationen als eher affektiven Blöcken. Meist arrangiert Gomis Montagereihen, die extreme, haptische Großaufnahmen, disparate Sujets und gegeneinander strebende Kamerabewegungen mit Reverse Shots auf Satchés verschiedentlich affiziertes Gesicht kombinieren. Schweißtropfen, Lichtspiele auf sandigem Boden, leere Neubauviertel oder von menschlichem Treiben angefüllte Basars – aus jeder Einstellung quellen Staunen und Wunder über das Treiben einer Welt, die doch in jedem Moment dem Tode ausgeliefert ist.

Aujourd  hui 01

In weniger als zehn Minuten hat Aujourd’hui schon mindestens viermal das emotional-sinnliche Register gewechselt – von Satchés Konfusion beim Aufwachen über die Trauer der Familie, einen kurzen, kollektiven Wutausbruch beim Erinnern seiner Schwächen bis zur Euphorie einer spontanen Straßenfeier. Dieser Erzählform bleibt die Inszenierung bis zuletzt treu, wir Zuschauer folgen Satché bei seinem gefühligen Torkeln durch die Heimatstadt. In zweierlei Hinsicht ist in seiner Figur der Tod mit der Wiedergeburt verschränkt: die Wiedergeburt der Wahrnehmung an dem geschenkten Tag des „Heute“ – und die Heimkehr eines Exilanten. Satché war für lange Jahre zum Studium in den USA.

So setzt sich Gomis mit dem Unterschied zwischen den sich ökonomisch so fernen Welten Afrikas und Nordamerikas entlang einer Achse radikal getrennter Sinnlichkeiten auseinander. Vielleicht sind derartig haptische, flirrende Erlebnisse, wie sie hier erlebbar werden, in der industrialisierten Welt schon lange unmöglich – doch der Preis, den der Senegal für seine sinnliche Reichhaltigkeit zahlt, lauert im offenen Abgrund dahinter. Ein prekärer Reichtum des Augenblicks, ohne Zukunft. Auch solche sozioökonomischen Debatten verarbeitet Aujourd’hui auf die ihm eigene Weise: als kurzer, verwirrender Essayfilm-im-Film, als Melange aus Bildern von einer gewalttätigen Demonstration, tanzenden Kinder, marschierenden Polizisten und immer wieder Satchés verwirrtem, schweißüberströmtem, staunendem Gesicht.

Aujourd hui 03

Dass mit Saül Williams, dem amerikanischen Slam-Poeten und Experimental-Rapper, ein Laie die Rolle Satchés verkörpert, ist eine gewagte, doch vollkommen gerechtfertigte Wahl. Er begegnet der Welt von Aujourd’hui, als amerikanischer Bürger, fast notgedrungen mit einer der Filmfigur parallelen Haltung. Seine unprofessionelle Mimik, die immer wieder etwas zu stark oder zu schwach auf die intensiven Wahrnehmungskonstellationen des Films reagiert, bietet genau jene rezeptive Fläche, jene Mischung aus Fremdheit, Verwunderung und Bemühen um Anschluss, die sich auch im Zuschauer zusammenbraut. Aujourd’hui realisiert das unglaubliche Vermögen des Kinos, eine alternative Wahrnehmungsmöglichkeit zu erfahren, eine andere Welt mit dem eigenen Körper zu erleben. Und so beginnt der Film erst wirklich, wenn man das Kino verlässt.

Trailer zu „Aujourd'hui“


Trailer ansehen (3)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.