Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte – Kritik

Der deutsche Film – was ist das? Mit Auge in Auge eröffnen Michael Althen und Hans Helmut Prinzler ein Panorama des hiesigen Kinos, das vom Wintergartenprogramm der Brüder Skladanowsky 1895 bis zur unterkühlten Kapitalismus-Fantasie [filmid: 804]Yella (2006) reicht.

Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte

All die Szenen aus dem kollektiven Bildgedächtnis des deutschen Kinos sind in diesem Film versammelt: der hagere Schatten des Vampirs an der Wand, der unendlich langsam die Treppe hochsteigt. Die surreal vorbeischwebende Leninbüste. Der Kindermörder mit dem Luftballon und dem grimassierenden Mondgesicht. Ein nackt auf dem Tisch hockender Til Schweiger. Die rennende Lola, die metallene Maria und die Engel über Berlin. Ein Schiff, das über einen Berg gezogen wird. Die notorischen Hitlerbilder. Der glaszerberstende Schrei eines Jungen, der die Trommel schlägt ...

Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte

Auge in Auge versammelt Ausschnitte aus 250 Filmen – mal stakkatohaft geschnitten, mal intensiver Betrachtung unterzogen. Der Filmjournalist Michael Althen und der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler wagen mit ihrem Dokumentarfilm den Spagat, sowohl durch rasante Gedanken- und Bildsprünge unterhalten, als auch der deutschen Kinohistorie als Ganzes gerecht werden zu wollen. So führt die Bassstimme Althens den Zuschauer durch verschiedene Kapitel, die etwa das Kinoschaffen des Nationalsozialismus oder das der DDR näher beschreiben. In Kontrast dazu springen assoziative Montagen quer durch den deutschen Bilderfundus und kompilieren spielerisch markante Motive: Rauchen und Küssen, Schreien und Telefonieren, die Augen der Männer, die Blicke der Frauen. Die nur einige Sekunden langen Einstellungen setzen im Hinterkopf ein permanentes Filmeraten in Gang.

Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte

Den spannendsten Teil von Auge in Auge bilden jedoch die zehn Interviews, die mit Regisseuren wie Doris Dörrie oder Wim Wenders, mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, dem Kameramann Michael Ballhaus und dem Schauspieler Hanns Zischler geführt wurden. Jeder von ihnen hat die „Patenschaft“ für einen auf je seine Weise herausragenden deutschen Film übernommen. So spricht Tom Tykwer über seine Angst bei Nosferatu (1921) – dem ältesten der vorgestellten Werke –, und Caroline Link schwärmt von der unaufgeregten Erzählweise der ländlichen Saga Heimat (1984), des jüngsten Patenfilms. Auffällig ist, dass sich außer Tom Tykwer und Michael Ballhaus, der ausgerechnet eine eigene Arbeit vorstellt, alle Filmschaffenden speziell für den Realismus und die genaue Beobachtungsgabe der Werke begeistern – Qualitäten also, für die der deutsche Film insgesamt nicht gerade berühmt geworden ist. Hanns Zischler spürt heute noch die soziale Kälte der ehemaligen Bundesrepublik, die aus Alexander Kluges Abschied von gestern (1966) strömt. Christian Petzold würdigt Helmut Käutners Unter den Brücken (1944), der es wagt, sich im „Dritten Reich“ sowohl der Propaganda als auch dem Eskapismus zu entziehen. Und Wolfgang Kohlhaase bewundert die Kamera, die sich in Menschen am Sonntag (1929) ganz auf Augenhöhe des Alltags begibt.

Rocker

Aus der kanonischen Auswahl, die auf Prinzlers und Althens Vorschläge zurückgeht, sticht einzig Klaus Lemkes Rocker (1971) heraus, den Dominik Graf eigenmächtig ins Spiel brachte (siehe Interview zum Film). Auch mit seiner Äußerung, die deutsche Filmgeschichte wolle stets größer sein, als sie in Wahrheit ist, zeigt Graf einen Biss, den die auf vier bis sechs Minuten gekürzten Patengespräche sonst vermissen lassen. Durch die starke Verdichtung der Interviews, die ursprünglich eine bis eineinhalb Stunden gedauert haben, gewinnt Auge in Auge zwar an Tempo, lässt jedoch Tiefe und Streitbarkeit vermissen, die – so die Vermutung – einige der Gespräche sicherlich gehabt haben dürfen. Vielleicht wird das Bonusmaterial einer späteren DVD-Veröffentlichung mehr Einblicke gewähren.

Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte

Diese deutsche Filmgeschichte ist gewiss kein museales Projekt, sie entfaltet eine Lebendigkeit und eine Wiedersehensfreude mit der eigenen Bildkultur, die nur im Kino richtig zu genießen ist. Doch mehr Widerstand gegen einen gewissen nostalgischen Gestus und den Hang zum Konsens hätte ihr gut getan, mehr von der rauen Improvisation eines Rocker.

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Kommentare


Mario Wolfram Meincke

FANTASTISCHER FILM-FILM!!! wird eher was für cineasten und augenmenschen wie mich sein denn für amifilmdummglotzblödel. habe bei phoenix schon nach mischnittservice angefragt. noch ein mal:
"TEN BALLS OF FIRE!!!"
naklar ist die GEZ bezahlt -- bei solch' einem film weiss ich wofür!






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