Auf Wiedersehen, Franziska! – Kritik

Die innig kleine und die große, weite Welt verlieben sich, und beide leuchten auf. Helmut Käutner erzählt von einer Beziehung, der die Realität nicht so leicht ans Bein pinkeln kann.

Es ist seltsam, ich hab sofort Interesse und Lust, mit diesen Leuten durch die Straßen zu gehen, in ihre Gebäude, ihnen zuzuhören. Wenn jemand eine Tür aufmacht, bin ich neugierig, was dahinter ist. Mir scheint alles körperlich wirklicher als in vielen anderen Filmen. Gedanken, die mir wichtig sind, kommen zur Sprache. Ich hab das oft bei Käutner, diese spontane, vertrauensvolle Zuneigung.

So ist die Geschichte: Die sehr hübsche, burschikose, eigenwillige Franziska (Marianne Hoppe) lebt mit ihrem Vater (Fritz Odemar) und dessen jungem Mitarbeiter Christoph (Rudolf Fernau) – einem jener still hoffenden Verehrer – in einem anheimelnd altertümlichen Städtchen. Sie handeln von Herzen mit Kunsthandwerk und Antiquitäten. Da läuft ihr ein Mann über den Weg – Michael (Hans Söhnker) –, der zwar manchmal auch zwischen diesen spitzen Winkeln wohnt, sonst aber überall zu Hause ist, als Sensationsfotograf bei der „Wochenschau“. Die innig kleine und die große, weite Welt verlieben sich, und beide leuchten auf.

    

Franziska macht Holzspielzeug – zum Beispiel jene Miniatureisenbahnen, von denen Michael scherzhaft sagt, sie erinnerten ihn an sein Leben; „kleine Fetische für große Leute“ nennt er die Dinge in ihrem Laden. Die Kamera konzentriert sich auf die schattigen, erzählenden Räume voll aufschlussreicher Einzelheiten. Später, als für Michael das Abenteuerliche wieder wichtig wird, nimmt sie mit hungrigen, weit geöffneten Augen auch urbane Skylines und exotische Panoramen so auf, dass alles atmet.

Die beiden sind voneinander geflasht und lieben sich von Anfang an, das muss nicht erst furchtsam erkannt und verhandelt werden, einer rennt beim anderen offene Türen ein. Sie erklären sich einander anhand ihrer Wohnungen, setzen ihre gegensätzlichen Anschauungen angeregt und offen auseinander – darüber, ob man das Leben und die Dinge festhalten (sie) oder fließen lassen sollte (er).

    

Als ich ein Teenager war und mich umsah, in welchem Stil ich mit einem Jungen zusammen sein könnte, gefiel mir unter anderem der wache, großzügige und freie Umgangsstil in amerikanischen Screwballkomödien. Da waren Intelligenz, Witz, Esprit, Sex, Weltoffenheit und Wärme. All diese glamourösen Eigenschaften zusammen schienen mir in deutschen Filmen und Wirklichkeiten selten vorzukommen. Aber Marianne Hoppe und Hans Söhnker, die ich bisher nur als Senioren kannte, haben das in diesem Film, zu meiner großen Überraschung. Sie (so belebt und hell im Kopf) und er (mit dem vorwitzig freudigen, lustbereiten Sex-Appeal hinter dem Anschein des distinguierten Anzugherrn) haben sichtlich inspirierten Spaß an ihrem Zusammensein. Man kann sie sich schön im Bett vorstellen; wenn sie sich dem anderen zuwenden, entspannen sie sich, alles wird knisternd, angezogen voneinander. Zwischen ihnen baut sich etwas Unkaputtbares auf, dem die klägliche Realität nicht so leicht ans Bein pinkeln kann.

    

Doch es wird schwer. Anfangs ist sich Michael noch sicher, mit Franziska in ihrer Welt leben zu können, aber seine Sehnsucht nach dem Draußen wird so stark und kreatürlich, dass es einem beim Zusehen das Herz zerreißt. Das rechne ich dem Film und Franziska hoch an, dass sie Michaels Freiheitsdrang nicht missbilligen. Sie gönnt ihm beides – Beruf und Reisen, sich und das Zuhause, zuversichtlich, dass sie den Spagat hinkriegen. Sie versteht seine Abenteuerliebe, deshalb hat sie sich ja auch in ihn verliebt. Sie hat sogar selber eine Zeitlang unternehmungslustig und unabhängig mit einer Freundin in Berlin gelebt. Dann kamen die Liebe, Ehe, Kinder … auf einmal findet sich diese freudig moderne Frau doch als klassisches, wartendes Mädchen wieder, in der Stube am Fenster, eingeengt und einsam ohne ihren Mann und seine große Welt. Die Eisenbahn und Michaels immer wiederkehrendes, zärtliches „Auf Wiedersehen, Franziska“ werden ihre Feinde.

Der Krieg beginnt. Christoph wird einberufen und folgt ohne Begeisterung und ohne Murren. Vielleicht verglich ein Kollege deswegen den Film mit Vom Winde verweht: Auch hier gibt es eine eigenwillige Frau zwischen einem wesensverwandten Abenteurer und einem tiefen, stillen, braven Mann, es gibt Krieg, und es steckt ähnlich viel erlebte Zeit in der Dauer des Films: Veränderungen, viele besondere Schauplätze, Kriege in Fernost und Afrika, Bars, wo Michael mit seinem zynisch gewordenen Freund feiert, Hotellobbys mit interessanten Mädchen wie Margot Hielscher …

    

Auf Wiedersehen, Franziska galt nach dem Krieg eine Zeitlang als Propagandafilm. Die Version des Goetheinstituts, die ich gesehen habe, hat zum Ende hin drei Schnitte, und so weiß ich nicht, wie der Film ursprünglich ausgesehen hat. Ich kann mir vorstellen, dass die Propaganda dort ansetzte, wo Michaels und Franziskas Konflikte sich auf die der Soldaten übertragen ließen. Die Werbung für den Krieg verspricht ja traditionell, das Unvereinbare zu vereinen: Du kannst ein Kerl sein, groß in der Weltgeschichte mitmischen und zugleich, indem du sie (vorgeblich) beschützt, die Liebe zu Frau und Kindern verwirklichen. Solch ein Spagat gelingt Michael und Franziska jedoch in dieser Version des Films nicht. Die Widersprüche sind nicht aufzulösen, Änderungen ändern nichts; die Frage, wie man glücklich leben kann, erweist sich als unendlich kompliziert. Jeder gerät in eine Rolle, unter der er leidet, zerrissen und ratlos balancierend zwischen privatem Idyll und „Welt“. Der Krieg stellt sich als unerwartete Gegebenheit dar, mit der sich beide machtlos arrangieren müssen; er hat kein Pathos, keinen Grund. Gerade diese Nüchternheit ließe sich aber auch als systemerhaltende Haltungsempfehlung für diejenigen verstehen, die keine begeisterten Nazis waren: unpolitisch, schlicht und traurig hingehen und hoffen, dass man heil zurückkommt.

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