Auf der Suche

Jan Krüger widmet sich erneut einem Verwirrspiel um Identität und Verortung in der Fremde.

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Das Mittelmeer im Panorama-Blick, blauer Himmel, so weit das Auge reicht, lichtdurchflutete Bilder. Mittendrin Corinna Harfouch, die in gestelztem Hochdeutsch die Figur der Valerie in größtmöglicher Distanz zu ihrem Umfeld anlegt. Ganz zu Beginn des Films sitzt diese im Auto, und vor lauter in sich gekehrter Konzentration überfährt sie beinahe eine Frau, von der wir lediglich ein dumpfes Fluchen hören. Gezeigt wird nur Valerie, die die Menschen um sich herum kaum wahrzunehmen scheint. Jene fokussierte Abwesenheit durchzieht Harfouchs Darbietung einer Mutter, die verzweifelt die für sie unbekannte Stadt Marseille nach ihrem von ihr entfremdeten Sohn Simon durchsucht. Dieser Sohn ist Ziel, Vexierbild und Leerstelle der Odyssee, die Valerie mit der Unterstützung von Simons Ex-Freund Jens (Nico Rogner) unternimmt.

Regisseur Jan Krüger setzt mit Auf der Suche sein Werk konsequent fort. Auch in seinem dritten abendfüllenden Spielfilm begibt er sich auf eine Reise. In Unterwegs (2004) und Rückenwind (2009) interessierte ihn in den Urlaubsszenarien zunächst die Metaphorik des Reisens, die Möglichkeiten der äußeren, teilweise sehr symbolträchtigen Bilder für die Darstellung innerer Entwicklungen. Das Moment des Scheiterns der Bewegung, der ungewollte Halt oder die Umkehr, spielte dabei zugleich eine entscheidende Rolle. Die besondere Dynamik von Auf der Suche, der in seiner Bildsprache reifer und subtiler als die Vorgänger ist, entwickelt sich aus der spiralförmigen Anordnung, in die die beiden Protagonisten nach und nach geraten.

Am Anfang, nachdem Valerie Jens vom Flughafen abgeholt hat, herrscht große Unsicherheit und Verwirrung, die der Film von der Handlungsebene auf den Zuschauer überträgt – ist diese Frau, diese Mutter, die offenbar kaum etwas über ihren Sohn weiß, ernst zu nehmen in ihrer Sorge um dessen Verschwinden? Das Schauspiel von Rogner und Harfouch steht zunächst ganz im Zentrum: Er gibt den selbstbewussten, geerdeten Mittzwanziger, sie die determinierte, geschäftige Frau jenseits der 50, die keine Emotionen zulässt. Keinem der beiden Gesichter sind eindeutige Affekte zu entnehmen, die Handlungen der beiden Protagonisten stehen für sich, als wären sie losgelöst von den Motiven, die wiederum ab und an auf der Dialogebene verhandelt werden.

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Die Spannung, die zwischen den Ansätzen von Figurenpsychologie und dem undurchdringlichen Schauspiel entsteht, sorgt für diese produktive Verunsicherung, auf deren Folie das Verhältnis der beiden erst interessant wird. Wäre sie ein paar Jahre jünger oder er etwas älter, könnte die Paarkonstellation und die Zwangsgemeinschaft in einer heterosexuellen Logik die Basis einer romantischen Komödie darstellen. Stattdessen fechten sie klassische Mutter-Sohn-Konflikte aus, mit dem signifikanten Unterschied, dass beide am Urteil des anderen kaum hängen und dadurch ihre eigene Position sehr viel freier und ohne den üblichen Ballast der bedeutungsschwangeren Blicke und  schwelenden Erwartungen vertreten.

Nachdem er die offenen Fragen nach Identität und Leben des verschollenen Sohnes sowie der Beziehungen von Mutter und Exfreund zunächst langsam umkreist hat, nimmt Auf der Suche im zweiten, dramaturgisch stringenteren Teil Fahrt auf. Die Situationen sind prägnanter, die Szenen pointierter, die Ellipsen vielsagender. Der Film wird mit der Zeit erwachsen. Besonders überraschend ist die Stilsicherheit Krügers angesichts der kurzen Produktionszeit: In gerade einmal vier Wochen im Herbst 2010 gedreht, wurde er noch rechtzeitig zur Berlinale-Auswahl eingereicht und läuft nun bereits drei Monate nach Drehschluss im Forum. Ins Kino, sprich auf Festivals, gehört Auf der Suche allemal. Seine begrenzten Mittel setzt Krüger dezidiert für einen Filmlook ein, ohne aber den Stil seinen Figuren überzuordnen. Unter Einsatz einer digitalen Spiegelreflex-Kamera – Fotoapparate werden neuerdings immer häufiger für professionelle Filmdrehs genutzt – findet er gemeinsam mit Kamerafrau Bernadette Paaßen eine Sprache, der schließlich der Anschluss ans anspruchsvolle Festivalkino gelingt.

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Kommentare


Filmkritiker

Schulnaoten 1-5:

selten fiel es mir leichter eine glatte 5 zu vergeben.
Ein Film zum Einschlafen.
Null Spannung, Null Spaß ,
permanente Anreihung von Banalitäten ....






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