Attenberg

Starke Schulter: Nach über 100 Jahren Filmgeschichte findet Athina Rachel Tsangari noch ein neues Bild des menschlichen Körpers.

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Film ist Bewegung. Schon im Wörtchen „Kinematographie“ – dem ursprünglichen Begriff für die Kunstform Film – steckt die kinetische Energie. Als Eadweard Muybridge mit seinen Serienaufnahmen die statische Fotografie überwand und durch Bewegung erweiterte, schuf er einen Vorgänger des Films. In seiner „Chronofotografie“ ging es Muybridge vor allem um eines: Bewegungsstudien. Doch beim Film sind nicht nur die Protagonisten in Bewegung, sondern auch die Kamera, das Zelluloid im Projektor und nicht zuletzt: Die Augen, nicht selten auch das Herz des Zuschauers.

Wenn es Attenberg (2010) nach 115 Jahren Filmgeschichte gelingt, eine Bewegung des menschlichen Körpers so zu zeigen, wie man sie noch nie gesehen hat, dann ist dieser Verfremdungsakt ein kleines Wunder, denn der menschliche Körper ist das mit Abstand am häufigsten abgebildete Motiv der „siebenten Kunst“. Aus bloßen Schulterbewegungen erschaffen Regisseurin Athina Rachel Tsangari und Kameramann Thimios Bakatakis verstörenden und zugleich betörenden Body Horror.

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Auch sonst wird die Handlung von Attenberg immer wieder durch vignettenartige Bewegungsstudien unterbrochen, in denen Marina (Ariane Labed) und ihre beste – und einzige – Freundin Bella (Evangelia Randou) hüpfen, kriechen und vor allem wunderbar skurril tanzen.

Noch bevor der Mensch das Tanzen als Balzritual entdeckte, wurde das Ganze schon von Vögeln praktiziert. Stundenlang schaut sich Marina solche Choreografien in den Tierfilmen von Sir David Attenborough an – daher auch der Titel Attenberg. Überhaupt scheint Marina mit Tieren deutlich mehr anfangen zu können als mit der seltsamen Spezies Mensch. Der einzige Mann im Leben der 23-Jährigen ist lange Zeit ihr krebskranker Vater Spyros (Vangelis Mourikis), den sie freilich als „Mann ohne Penis“ betrachtet. Wenn der von seiner Krankheit Gezeichnete sich beim Motorradfahren an Marina schmiegt, ist das nur eines von zahlreichen Bildern, die ein zartes, einfühlsames Vater-Tochter-Porträt entwerfen. Zwar flicht das Drehbuch immer wieder trockenen Humor ein, so zum Beispiel, wenn Spyros ebenso nüchtern wie detailliert seine Einäscherung plant, um „den Würmern zu entgehen“. Am stärksten aber ist Attenberg im Schlussteil, wenn sich der Plot ganz auf das Ernste, den Abschied Marinas von ihrem Vater, konzentriert.

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Doch neben dem Tod muss sich Marina noch einem zweiten Thema stellen, das sie bisher unterdrückt hatte: dem Sex – gewissermaßen dem Gegenstück zum Tod. Mit ihrer draufgängerischen Freundin Bella übt die etwas verklemmte Marina das Küssen. „Eklig“ sei das, urteilt sie. „Ich muss gleich kotzen.“ Die beiden jungen Frauen tragen zwar nahezu identische Kleider, sind ansonsten aber totale Gegensätze und haben ein entsprechend ambivalentes Verhältnis zueinander. Während Marina langsam und verspätet aus ihrer Asexualität erwacht, träumt Bella nachts von mit Penissen behangenen Bäumen. Über männliche Geschlechtsorgane weiß sie zu berichten: „Die führen ein Eigenleben. Sie sind bloß mit den Körpern von Männern verbunden.“ Erst als sie einen ortsfremden Ingenieur kennenlernt, wagt Marina eigene Feldforschungen auf diesem Gebiet und schläft prompt ein, während sie dem Pulsschlag seines Glieds fasziniert lauscht. Marina wirkt beim Liebesspiel eher wie eine außenstehende Beobachterin denn wie eine Teilnehmerin – sie lässt beim Küssen die Augen auf, dafür aber beim Vorspiel im falschen Moment den Mund nicht zu. Gerade die Frage „Mach ich das richtig?“ irritiert ihren Liebhaber so sehr, dass seine Erregung bald abebbt.

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Attenberg ist ein mutiger, unorthodoxer Film. Obwohl er sich über Festivals primär an ein internationales Publikum richtet, stecken die lakonischen Stakkato-Dialoge voller Wortspiele, die kaum übersetzt werden können. Die Bilder werden zwar oft von Musik aus dem Off begleitet – gleichzeitig aber bricht Tsangari die dadurch geschaffenen Stimmungen immer wieder und macht den Einfluss der Musik bewusst, wenn Songs fragmentarisch bleiben, abrupt abgebrochen werden oder zu der jeweiligen Situation nur bedingt passen.

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Am gewagtesten aber ist die ständige Ausbremsung des Plots durch die mal absurden, mal albernen Bewegungsstudien. Mit diesen extrem stilisierten, von jeglichen narrativen Lasten befreiten Set Pieces riskiert Attenberg wiederholt eine Abwanderung größerer Teile des Publikums. Man kann Szenen, in denen Menschen Gorillas imitieren oder sich wie Lamas anspucken, herrlich überdreht finden – nur ist es von dort nicht weit bis zur genervten Verständnislosigkeit.

In Form dieser höchst eigenwilligen Tragikomödie ist die neue griechische Welle nun um mehrere Jahre verspätet endlich auch in den deutschen Kinos angekommen. Nur einen Monat nach Tsangaris Film startet hierzulande Alpen (Alpeis, 2011) – dessen Regisseur Giorgos Lanthimos spielte in Attenberg eine Nebenrolle und agierte zugleich als Produzent. Tsangari und ihr Kameramann Bakatakis gehörten wiederum zum Team von Lanthimos’ vorherigem Werk: Der bitterbösen Parabel Dogtooth (Kynodontas, 2009), die diese neue Welle nicht nur begründet hat, sondern auch deren bisheriger Höhepunkt ist.

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