Atos dos Homens – Kritik

Kiko Goifmans Film über ein von Todesschwadronen verübtes Massaker nahe Rio de Janeiro kommt ganz ohne Bilder aus, die nach Aufmerksamkeit heischen.

Atos dos Homens

Natürlich gibt es unterschiedliche Methoden, sich dem Thema der Gewalt durch südamerikanische Todesschwadronen in einem Dokumentarfilm anzunähern. Dass der Weg über die visuelle Darstellung des Leidens zwar für reichlich Aufmerksamkeit sorgen mag, aber nur wenig zum Verständnis gesellschaftlicher Hintergründe beiträgt, darf wohl als Gemeinplatz gelten. Viel versprechender scheint es da doch, einen Blick auf die Gesellschaftsstrukturen zu werfen, die solche paramilitärischen Gruppen ermöglichen, und auf die Motivationen jener Menschen, die sich ihnen anschließen. Denn wie Kiko Goifman in Atos dos Homens deutlich macht, ist der Blick von außen unter Umständen ein völlig anderer als der von innen.

Was genau der Regisseur vorhatte, als er seinen Film plante, dessen Titel sich lose mit „Was Menschen tun“ übersetzen lässt, lässt sich nicht rekonstruieren – seine ursprünglichen Pläne wurden Makulatur, als kurz vor dem geplanten Beginn der Dreharbeiten in Baixada Fluminense nahe Rio de Janeiro von lokalen Polizisten, die dortigen Vernichtungskommandos angehörten, ein Massenmord mit neunundzwanzig Toten verübt wurde. Aus einem Projekt, das sich mit Menschen beschäftigen sollte, die solch ein Massaker überlebt hatten, wurde schließlich etwas ganz anderes: der Versuch einer Sozialstudie, ein Blick auf ein von Gewalt geprägtes Sozialwesen.

Die konkrete Schilderung des Ereignisses, das durch seine zeitliche Koinzidenz in Goifmans Blick geriet, nimmt dabei nur einen geringen Teil des Films ein – zunächst begleitet die Kamera ganz unterschiedliche Einwohner des Ortes aus verschiedenen Schichten und lässt sie von ihrem Alltag berichten. Diese Aufnahmen sollen, so der Regisseur, einen Eindruck vom Leben auch vor dem Massaker ermöglichen, selbst wenn sie erst danach entstanden sind.

Atos dos Homens

Nach einiger Zeit melden sich dann Stimmen zu Wort, zu denen kein Gesicht zu sehen ist, sondern stattdessen eine leuchtende weiße Leinwand. So soll die Identität der Überlebenden des Massakers geschützt werden. Eine der Stimmen gehört keinem Opfer, sondern einem Auftragsmörder, einem Mitglied eben jener Todesschwadronen, die auch für den Mord Ende März 2005 verantwortlich sind. Goifman wollte die Aussagen des Killers zunächst mit einer schwarzen Leinwand begleiten – „das gute Weiß und das böse Schwarz“, wie er selbst sagt: „Ich habe mich aber dann für die Blindheit des Weißen entschieden und für das unangenehme Gefühl, in einem hellen Kinosaal zu sitzen, während der Auftragskiller spricht.“

Goifmans Vorgehen unterstützt sicher seinen Wunsch, man möge auch dem Mörder und seinen Argumenten zuhören – in der Tat hat dieser Wichtiges über sein Gerechtigkeitsverständnis und das Versagen staatlicher Verbrechensbekämpfung zu sagen. Überprüfen lassen sich seine Aussagen im Kontext des Films freilich nicht, stehen sie doch unkommentiert neben jenen der Überlebenden. Die weiße Leinwand, die einerseits den Zuschauer auf sich selbst zurückwirft und zur Reflexion anregt, hat andererseits zugleich eine emotionale Distanzierung zur Folge, durch die einem die Schicksale der Menschen seltsam gleichgültig bleiben.

Atos dos Homens eignet sich sicherlich dazu, das eigene Bild über Südamerika und das Leben der Menschen dort ein wenig zurechtzurücken; zudem erhellt er die Umstände, unter denen Todeskommandos überhaupt existieren können, indem er zumindest andeutet, wie kompliziert die Verhältnisse tatsächlich sind. Denn für den gedungenen Mörder, dessen Aussagen man hier hören kann, stellen die Schwadronen einen Ersatz für nicht mehr funktionierende staatliche Institutionen dar, die gar nicht mehr in der Lage seien, wirksam Verbrecher zu bestrafen. Und genau hier liegt die Motivation des Mannes. Das widerspricht allerdings eklatant der Wahrnehmung von Überlebenden und Hinterbliebenen, die in den Mördergruppen staatlich geduldete Terrorverbände sehen.

Atos dos Homens war in Deutschland bereits mit einigen Vorstellungen im Forum der Berlinale 2006 zu sehen; es ist dem Film trotz kleinerer Schwächen nicht zuletzt um seines Themas willen zu wünschen, dass er nun auch ein größeres Publikum erreicht.

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