Atomic Age

Leere und Freiraum. Héléna Klotz’ hypnotisierendes Spielfilmdebüt erzählt vom Fieber der Jugend und einem Streifzug durch das nächtliche Paris.

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Der Film beginnt, und längst ist alles in Bewegung. Ein Zug fährt durch die Abenddämmerung, sanft rauscht ein Wald vorbei, schließlich weichen die Bäume fast unmerklich einem Häusermeer. Erst sind es nur vereinzelte Gebäude, doch dann erstreckt sich die Metropole bis zum Horizont und scheint weder Anfang noch Ende zu kennen. Wäre da nicht ein winziger Eiffelturm inmitten der Betonbauten auszumachen, es könnte irgendeine europäische Großstadt sein, in die sich die Freunde Victor und Rainer aufgemacht haben, um rauszukommen, was zu erleben, Wodka und Red Bull in den Taschen.

Die beiden Heranwachsenden vom Rand der Stadt sind ein ungleiches Gespann: Victor, noch ein halbes Kind, ist einer dieser Teenager, wie sie einem auch in den Filmen von Christophe Honoré begegnen; bei aller Melancholie und teen angst ist da auch immer eine jungenhafte Verspieltheit und Leichtigkeit zu entdecken. Rainer hingegen wirkt auf den ersten Blick abgeklärter und wie aus der Zeit gefallen, romantisches Gespenst, heimatloser Vampir und schwuler Dandy zugleich. Die Biografien der beiden Protagonisten spart der Film weitgehend aus, wichtiger ist ihr Streifzug durch das Hier und Jetzt. So bleibt auch Victors dringender Wunsch, seine Jungfräulichkeit zu verlieren, der ja in Teenagerfilmen der anderen Art nicht selten die gesamte Handlung am Laufen halten muss, in Atomic Age bloß Randnotiz.

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Vielmehr zeigt sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Klotz daran interessiert, die Widersprüche ihrer Figuren und deren komplexe Beziehung zueinander auszuloten. Dabei setzt sie auf eine offene Dramaturgie, der an szenischen Miniaturen mehr gelegen ist als an einem großen Spannungsbogen und den Konventionen des Coming-of-Age-Films. Altbekannte Erzählmuster werden ebenso wie wirklichkeitsferne Klischees zugunsten einer Vorstellung von Kino als Hypnose und somnambulem Zustand aufgegeben. Klotz’ Kinofantasie ist weder einfallslose Reißbrettproduktion noch surrealistische Traumverlorenheit, sondern Realismus mit poetischen Übertreibungen und Mut zur Lücke.

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Auf ihrer Reise durch die Nacht blickt die Kamera den jugendlichen Protagonisten meist in die Gesichter und zeigt in Nahaufnahmen mal stumpfe Blicke, dann wieder leuchtende Augen, Wunden und immer dunkler werdende Augenringe. Klotz inszeniert die Adoleszenz als einen Zustand in der Schwebe, der bisweilen bedrohlich zwischen emotionalen Extremen schwankt. Vom Flirt zur Schlägerei, vom ernüchterten Schweigen zur besoffenen Philosophie, vom Übermut zur Verunsicherung ist es immer nur ein Szenenwechsel. Dass es den Film nicht zerreißt und er trotz der Nähe zu seinen jugendlichen Protagonisten nicht in hohles Pathos abgleitet, kann als erfolgreiches Zusammenspiel aller Beteiligten gewertet werden: Die jungen Hauptdarsteller Eliott Paquet und Dominik Wojcik spielen ihre Rollen bei all den überlebensgroßen Gesten – leindwandfüllende Gesichter in emotionaler Aufruhr, dazu völlig unironisch vorgetragene Rimbaud-Gedichte – mit der nötigen Portion Understatement, der elektronische Soundtrack von Klotz‘ Bruder Ulysse schafft eine dichte Atmosphäre und gibt dem Film Struktur.

Herausragend ist die Arbeit von Kamerafrau Hélène Louvart: Ihre Bilder weiden sich nicht an den bekannten Schauwerten der französischen Hauptstadt, fast schon meint man, sie wolle Paris zum Verschwinden bringen und alle Hinweise auf die Ville-Lumière aus den Aufnahmen tilgen. Es herrscht eine Dunkelheit, die nur in der Ferne verschwommene Lichter duldet. Unschärfen machen aus der Stadt einen beinahe abstrakten Raum zwischen Science-Fiction und Märchenwelt, der sich eindeutigen zeitlichen und räumlichen Zuordnungen entzieht. Urbane Architektur sehen wir nur zerlegt in Einzelteile oder im Fluss der Kamerabewegung. Wichtiger als eine Bestandsaufnahme der physischen Wirklichkeit ist in Atomic Age, zu beobachten, was sie mit den Jugendlichen macht und wie sie sich in ihre Gesichter einschreibt. Paris ist hier weniger Seelenlandschaft als beständiger Input, dessen Auswirkungen wir an Victor und Rainer nachspüren können. Wie bewegen sie sich zu den Sounds im Club? Wie schlagen sie sich mit Wörtern und wie mit Fäusten? Und welche Art von Zweisamkeit erlauben sie sich allein im dunklen Wald?

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So funktioniert Atomic Age als eine Art filmischer Lackmustest, der die Dynamik von Victors und Rainers vielschichtiger Beziehung von Szene zu Szene neu ergründet; die Großstadt dient als Indikator zur Offenlegung von Befindlichkeiten und Begehren der beiden Hauptfiguren. Klotz’ einfühlsame Erkundung jugendlicher Lebenswelten zeigt, dass das, was Leere ist und was Freiraum, nicht unbedingt eine Frage des Standpunkts ist, sondern von der Art sich zu bewegen abhängt.

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