Assassin’s Bullet – Kritik

Isaac Florentine dreht keinen Actionfilm über eine Stadt, eine Frau, eine Verschwörung – und ein unlesbares Geheimnis.

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So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier – Sofia, Bulgarien. Viel weiter ins Nirgendwo kann man sich vermutlich, aus amerikanischen Augen blickend, nicht zurückziehen. Sofia, das ist der Ort, an den man kommt, um zu vergessen, während man sich in rot aufgeplüschten Separées betrinkt und sich in bildschöne Bauchtänzerinnen verliebt. Auf den ersten Blick.

Dieser erste Blick fällt hier und für die Dauer von Assassin’s Bullet durch die Augen von Robert Diggs (Christian Slater), der nach der Ermordung seiner Frau – für die er sich selbst die Schuld gibt – nach Sofia kommt, um dort allmählich und von den Dingen des Lebens unberührt bleibend zu sterben. Einst Topermittler in Diensten des FBI, treibt er nun taten- und orientierungslos durch die eigene weltabgewandte Existenz – bis ihn die vermeintliche Pflicht, in Gestalt des zwielichtigen Botschafters Ashdown (Donald Sutherland), noch einmal ruft und er, eher willenlos als wirklich widerstrebend, die Ermittlungen in einer Anschlagsserie mit terroristischem Hintergrund übernimmt. Schnell offenbart sich (wenngleich schneller dem Zuschauer als dem Ermittler) eine undurchsichtige, aber überaus weitverzweigte Verschwörung von Terrorismus, Polizei und Politik.

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Zwischen diesen Fronten bewegt sich Diggs weniger, als dass er, von dem einen oder anderen Geistesblitz eher zufällig immer wieder in die richtige Richtung gestoßen, von den Marionettenspielern im Hintergrund vor dem wirklichen Geschehen hergetrieben wird. Sofia – so der sehr viel offenere und damit treffendere Arbeitstitel dieses neuen Films des bedeutenden DTV-Filmemachers Isaac Florentine – bezeichnet einen Ort der Ambivalenzen und der Fremdheitserfahrungen, einen Ort, in dem die Oberfläche des Geschehens stets suspekt erscheint und doch dem Wahrheitssuchenden undurchdringlich bleibt. Die Motive des verwickelten Geschehens werden bis zum Ende im Dunkel bleiben, und Robert Diggs wird am Ende des Films erneut als eben jener zerbrochene, einsame, scheinbar jeglicher Handlungsmacht beraubte Antiheld dastehen, als den wir ihn zu Beginn kennenlernen.

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Überhaupt ist dies nicht sein Film, sondern durch und durch der Film von Elika Portnoy, die nicht nur die Frau mit vielen Identitäten spielt – Ehefrau, Tänzerin, Scharfschützin und Fokus des romanti(zisti)schen Interesses von Robert Diggs und der Filmerzählung –, um die herum die Verschwörungen von Sofia arrangiert sind. Portnoy, die zuvor eher in kleinen Independent-Romanzen und -Komödien zu sehen war und hier ihren ersten Schritt ins DTV-Actionsegment unternimmt, schrieb auch am Drehbuch mit und formt dieses ungewöhnliche Projekt unmissverständlich zu einem ganz idiosynkratischen, auf eine eigenartige Weise wohl auch persönlichen Werk.

Wie eine letzte Bestätigung dieser exponierten Rolle von Portnoys Figur wirkt der durch und durch merkwürdige Epilog, der sich in traumartigen Bildern endgültig der Rationalisierbarkeit durch Handlungslogik – und dem Zugriff von Robert Diggs, dem Actionhelden, der nie einer werden durfte – entzieht und Sofia, den Ort der Rätsel, hinter sich lässt. Nur um dessen enigmatische Aura von der topografischen Verankerung abzulösen und als ein viel grundlegenderes Prinzip in der Gestalt der Schönen und immer Unbekannten zu verdichten, die hier selbst zur unlesbaren Trägerin des Geheimnisses im Zentrum der Filmerzählung wird und folgerichtig unter ihren vielen Namen fortan auch den Namen Sofia tragen wird.

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Dieses neueste Werk von Isaac Florentine, der sich mit so wuchtigen wie cleveren Filmen wie seinen beiden Sequels Undisputed 2: Last Man Standing und Undisputed 3: Redemption (in der Nachfolge des großen Walter Hill) sowie dem famosen Ninja: Revenge Will Rise Reputation als einer der interessantesten Regisseure des gegenwärtigen Bewegungskinos verschaffte, zählt zu jener durch und durch seltsamen Art von Filmen, die das meist eher auf klassischen Formeln aufbauende DTV-Kino von Zeit zu Zeit auch einmal hervorzubringen imstande ist. Auch wenn der verwechselbare neue Titel Assassin’s Bullet, der dem Film schon vor dem US-Release aufgepfropft wurde, auf ein geradliniges Action-B-Picture hindeutet, könnte dies kaum weiter vom eigentlichen Charakter von Florentines (und Portnoys) Film entfernt sein.

Sofia ist im Grunde noch nicht einmal ein Actionfilm. Die wenigen reinen Aktionssequenzen, in denen sich der Protagonist Diggs meist aus heiterem Himmel wiederfindet, wirken als Brüche in der eher somnambulen Grundstimmung – und lassen Diggs, noch mehr als ohnehin schon, immer ein wenig neben den Ereignissen stehend erscheinen, ganz buchstäblich wie im falschen Film. Die in diesen Augenblicken explosionsartig freigesetzte Spannung der Figurenkonstellationen bindet die Deutungsebenen und Handlungsstränge nicht, wie im Actiongenre zumeist angedacht, zusammen, sondern sprengt sie eher endgültig auseinander.

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Mit diesem erratischen Film – wohl seiner ersten Regiearbeit zudem, die in den USA einen jedenfalls kleinen Kinostart erhielt – stieß Isaac Florentine nahezu einvernehmlich auf heftige Ablehnung. Dies vermag wenig zu verwundern, ist doch Sofia definitiv keiner jener Filme, die reibungslos funktionieren oder überhaupt aufs Funktionieren abzuzielen scheinen – am ehesten mag man noch an den ähnlich rücksichtslos an allen generischen Seherwartungen vorbeiinszenierten The Honorable (2002) von Jesse V. Johnson denken. Der Reiz, den Sofia jedenfalls stellenweise dann aber doch zu entwickeln vermag, ist ein Reiz des Singulären, auch Auseinanderfallenden, schließlich des Enigmatischen – der Reiz des schönen Geheimnisses, das gerade deshalb schön ist, weil es immer Geheimnis bleibt.

Trailer zu „Assassin’s Bullet“


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