Ashes of Time - Redux

Wong Kar-Wais Wuxia-Ausflug zwischen Chunking Express und Fallen Angels kommt in einer Neufassung ins Kino. Gekämpft wird noch weniger als vorher.

Ashes of Time - Redux

Filme werden nie ganz fertig. Man kann die Arbeit nur abbrechen – etwa weil das Budget aufgebraucht oder der Starttermin festgeklopft ist – und irgendwann später wieder aufnehmen. Ob eine Nachbearbeitung den Film dann besser oder schlechter macht, wird unter Kinogängern und Kritikern oft heftig diskutiert. Dabei ist es vor allem lohnend zu schauen, was sich in der Zwischenzeit getan hat, im Kino, im Werk des Regisseurs und in der Welt rundherum, und was davon in der Neufassung (dem Director’s Cut, dem Redux) vielleicht zu sehen ist.

Im Fall von Ashes of Time (Dung che sai duk) gab es für einen Relaunch freilich zunächst ganz handfeste Gründe. Der aufwändig produzierte und durchweg mit Stars besetzte Film führte lange Zeit ein Schattendasein in Wong Kar-Wais Oeuvre, verschwand schnell aus den Kinos und war in keiner qualitativ akzeptablen DVD-Fassung erhältlich. Dass die Wiederveröffentlichung mit einer grundlegenden Neubearbeitung einherging, passt zu einem Regisseur, der den prinzipiell unfertigen Charakter seiner Filme immer wieder betont.

Ashes of Time - Redux

Ashes of Time erschien 1994 zwischen Chunking Express (Chung Hing sam lam, 1994) und dessen verselbstständigtem Epilog Fallen Angels (Duo luo tian shi, 1995), den beiden Filmen also, denen Wong seinen internationalen Durchbruch verdankt. In Sachen Genre und Schauplatz scheinbar weit davon entfernt, ist der (in dicken Anführungsstrichen) „Wuxia-Film“ Ashes of Time gerade als Zwischenspiel zwischen diesen beiden Großstadtfilmen besonders reizvoll zu betrachten. Nicht nur narrativ (die Episodenstruktur, die Voice-Over-Narration verschiedener Figuren) und stilistisch (die extrem ästhetisierte Bildgestaltung, Einsatz vieler Kamerastile, der stark affektive Score) sind die drei Werke sich ähnlich, sie erzählen auch, entkleidet man sie ihres äußeren Gewands, ähnliche Geschichten. Einsame, von der Liebe enttäuschte Menschen, die sich überkreuz in einer abweisenden, gleichgültigen Umgebung (der Wüste, Hongkong) begegnen und nach dem meist vergeblichen Versuch, Nähe zu finden, wieder auseinandergehen.

Der Protagonist in Ashes of Time, Ou-yang Feng (Leslie Cheung), hat sich in die Wüste zurückgezogen, nachdem die Liebe seines Lebens (Maggie Cheung) seinen Bruder geheiratet hat. Hier vermittelt er in einer Art Killer-Agentur Mordaufträge an Schwertkämpfer. Enttäuschte Liebe ist das Motiv sämtlicher Personen, die bei ihm, ob als Kunde oder als Kämpfer, auftauchen. Huang Yao-Shi (Tony Leung Ka Fai) hat einen Wein dabei, der dem, der ihn trinkt, ewiges Vergessen schenkt. Mur-Ron will Huang töten, weil er ihre Schwester abgewiesen hat. Die Geschwister, beide gespielt von Brigitte Lin, erweisen sich als zwei Seiten derselben Person (und hören dabei, nicht unbedingt subtil, auch noch auf die Namen Yin und Yang). Ein fast erblindeter Schwertkämpfer (Tony Leung Chiu Wai) sucht nach einem letzten Auftrag, um mit dem Geld noch einmal die peach blossoms (die sich als Name einer Frau entpuppen) seiner Heimat sehen zu können. Und so weiter.

Ashes of Time - Redux

Das en detail ausgearbeitete Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren vermittelt sich fast ausschließlich über die Voice-Over-Narration, weswegen Ashes of Time als elliptisch und unzugänglich gilt. Denn – und das gehört natürlich zum Prinzip des Films – kaum eine Begegnung der sich jeweils in Liebe oder Hass am engsten verbundenen Personen findet auf der Leinwand statt, dort begegnen wir vor allem einzelnen Suchenden und Gestrandeten, die Ou-yang ihre Geschichten erzählen. Der benimmt sich allen gegenüber gleichermaßen verhärmt, zynisch und mitleidlos. „Reject others, before they reject you“ ist seine Maxime. Natürlich ist die Wüste für so einen der ideale Zufluchtsort.

Die Redux-Fassung enthält drei entscheidende Änderungen. Zum ersten wurden die Anfangs- und die Schlussequenz radikal gekürzt oder ganz weggelassen. Damit entfallen auch zwei der ohnehin wenigen Kampfszenen, dank deren der Film als Wongs einziger Martial-Arts-Film bezeichnet wurde. Statt mit einem furios inszenierten Schwertkampf beginnt der Film mit kontemplativen Meer- und Landschaftsaufnahmen: Im Moment der entscheidenden rezeptiven Weichenstellung lenkt Wong den Film nun viel stärker in Richtung Melodram.

Ashes of Time - Redux

Auch die zweite große Änderung, der komplett neu eingespielte Soundtrack, geht in diese Richtung. Die kühl-bedrohlichen, oft martialisch stampfenden Synthesizer von Frankie Chan wurden durch einen von einem Orchester eingespielten Score ersetzt, der, obgleich nicht weniger wuchtig, etwas sparsamer eingesetzt wird und wiederum vor allem die melodramatischen Aspekte betont. Auch wenn einige Motive beibehalten wurden, ist diese Änderung, was die Stimmung des Films betrifft, fast ein Unterschied ums Ganze.

Und schließlich wurde Ashes of Time digital nachkoloriert. Die neue, teils knallbunte Farbästhetik gibt dem Film eine atemberaubende Künstlichkeit, die ihm endgültig jeden Anschein des „Historienfilms“ nimmt und die Landschaften von Anfang an unmissverständlich als symbolischen Raum konnotiert. Gegen Ende des Filmes begegnen sich Meer und Himmel, in einem Bild von fast vollendeter Abstraktion, als monochrome, leuchtende Flächen. So wird Ashes of Time Redux auch zu einem der visuell berauschendsten Kinoerlebnisse dieses Jahres – wenngleich sich unter den kunstbildbandtauglichen Aufnahmen die eine oder andere Kitschpostkarte befindet.

Ashes of Time - Redux

Wongs großes Thema, die Unmöglichkeit der Liebe, ist über sein ganzes Werk hinweg dasselbe geblieben. Die Mittel, sich ihm zu nähern, haben sich sukzessive gewandelt, die stilistischen Vorlieben verschoben. Was dem jungen Filmemacher seinerzeit vielleicht am meisten an Ashes of Time interessiert hat, das Rauschhafte, Exzessive, Kämpferische, genügt dem Regisseur von In The Mood for Love (Fa yeung nin wa, 2000) und 2046 (2004) als Andeutung, als melancholische Erinnerung. Ashes of Time wird dem Jahrzehnt der Genre-Hybride, dem er als vorzügliches Beispiel entstammt, entrissen und in das Werk eines Autorenfilmers überführt, den Genre allenfalls noch als metaphorisches Einsprengsel interessiert. Von Altersweisheit wollen wir aber noch nicht sprechen. Sondern auch diesen Cut nur als aktuell gültige Arbeitfassung verstehen – und uns auf die 2018er Fassung von Ashes of Time freuen.

Trailer zu „Ashes of Time - Redux“


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Kommentare


Martin Zopick

Die Stärke des Regisseurs Wong Kar-wai liegt im Zauber der Bilder seines Films. Selbst bei völlig statischen Situationen weht noch ein Schleier durch das Blickfeld und bringt Bewegung durch Schattenspiele im gebrochenen Licht. Die Handlung wird zur Nebensache. Da werden reihenwiese Morddrohungen ausgestoßen oder Mordaufträge vergeben. Und das in endlos langen Dialogen, denen man auch nicht so ohne weiteres folgen kann. Zumal wenn sie mit Sprüchen garniert sind wie ‘Die Ursache aller Probleme des Menschen liegt in seinem Gedächtnis.‘ So entfernt sich die Handlung von der Realität. Gelegentlich wird man zurückgerufen durch plötzliche Liebesausbrüche oder Schwertkämpfe und wird immer wieder durch verschlüsselte Dialoge auf Distanz gehalten. Da versiegt auch das Verständnis für das individuelle Drama. So zwingen vage Ahnungen den Zuschauer die wunderschönen Bilder als letzten Halt zu genießen. Mit dem Titel ist auch schwerlich etwas anzufangen. Wenn man die Zeit verbrennt, bleibt Asche übrig. Ist diese Asche dann die Erinnerung? Dem Film kann ich diese Erkenntnis nicht entnehmen.






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