Arrival

Denis Villeneuve stellt in Arrival die Frage, was mit Gefühlen passiert, wenn auf die Zeit kein Verlass mehr ist. Und lässt Amy Adams beim Entschlüsseln einer Aliensprache sich selbst decodieren.

Arrival 02

Als ich das erste Mal Aufnahmen eines Vogels in der Schwerelosigkeit sah, hat mich eine fast schockartige Trauer durchzuckt. Ist es nicht sinnlos, in einem Raum ohne oben und unten fliegen zu können? Wozu Vogel sein, wenn alles schwebt?

Der Gedanke an Gefühle jenseits der Zeit ähnelt solchen Vögeln bei Zero-G. Wozu Angst, Hoffnung, Freude, wenn sie nicht in die Ahnungslosigkeit hineinragten? Woher Reue, Trauer, Nostalgie, wenn sie nicht Unwiederbringlichem hinterherriefen? Gefühle brauchen ein Davor und ein Danach wie Vögel ein Oben und ein Unten. Zeitreisende stelle ich mir als gefühlsunfähige Menschen vor.

The medium is the message

Arrival 06

Jedes Mal, wenn die Wissenschaftler und Soldaten in dem irgendwann wie aus dem Nichts über Montana erschienenen Raumschiff herumgehen, an der Decke oder den Wänden (das ist nicht wichtig), bringen sie einen kleinen Wellensittich in einem Käfig mit. Warum, das wird nie erklärt. Wahrscheinlich um anzuzeigen, wo oben und unten, vorne und hinten sein könnten, wenn die Dimensionen verrücktspielen. Sein einsames Zwitschern erfüllt die nackten, schieferfarbenen Fluchten wie ein Pfeifen im Keller der Gewissheiten. Zwölf solcher UFOs sind über die Welt von Arrival verstreut. Von außen sehen sie, oval und glatt, aus wie gigantische Eier, gelegt von einem Weltraumvogel, den die Satellitenüberwachung nicht bemerkt hatte. Raumschiffe wie Punkte unsichtbarer Fragezeichen, die in den Himmel weisen und die zu erkennen sich die Menschen bemühen. Der Werbeslogan von Arrival bringt es auf den Punkt: „Why are they here?“

Arrival 07

Das Militär ist unschlüssig, ob die Aliens uns wohl oder feindlich gesinnt sein mögen. Die Schiffe bewegen sich nicht, ihre Insassen bleiben drinnen, alle acht Stunden öffnen sie eine Zugangspforte. Warum? Die Linguistin Luise Banks (Amy Adams) und der Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) werden geholt, um die Motive der krakenähnlichen Aliens zu ergründen. Aber bevor die Frage des „Warum“ angegangen werden kann, ist die des „Wie“ zu klären, also die Frage der Kommunikation: Welche Sprache schafft die Übersetzung vom außer- zum irdischen Denken und Handeln – die der Natur- oder die der Geisteswissenschaften? Die Aliens malen kreisrunde Schriftbilder auf einen mysteriösen Screen, der sie von den Menschen trennt. Sätze ohne Anfang und Ende, außerhalb der Zeit. Banks bemerkt bald, dass unser menschliches Denken zu sehr in der linearen Folge verfährt, dass es hier nicht weiter trägt. So versucht sie die Aliensprache zu decodieren und decodiert sich dabei allmählich selbst. Arrival ist damit nicht zuletzt ein Film über Medien und was sie mit uns machen: Medien als Seinsweisen, nicht als reine Mitteilungsinstrumente.

Zur Kooperation gezwungen

Arrival 01

Die Basis für Arrival ist eine Kurzgeschichte des Sci-Fi-Starautors Ted Chiang (The Story of Your Life, 1999). Chiang mischt darin ziemlich genial Hard Science Fiction mit Romantik. Linke und rechte Gehirnhälfte werden da ganz effektiv verschaltet, um von einem unerklärlichen Ereignis zu erzählen, das die Menschen über akademische Disziplinen und Nationalitäten hinweg zum Kooperieren zwingt. Im Gegensatz zu Chiang ist Villeneuve aber leider stärker an Konflikt als an Verständigung interessiert. In einer arg forcierten Wehklage auf die zerstrittene internationale Staatengemeinschaft steht der Dritte Weltkrieg ständig vor der Tür. Die um die Erde verstreuten Raumkapseln sollten die Weltmächte doch zur Zusammenarbeit bringen, dazu, ihr Wissen zu teilen. Aber einige Hitzköpfe, allen voran China, machen nicht mit. Und so wird Luise Banks Ringen um Verstehen der Alien-Denke etwas hyperbolisch zu einem Kampf um den Weltfrieden hochgepusht.

Ein anderes, tiefergreifendes Problem bei der Übertragung von Chiangs ungleich bescheidenerer Vorlage auf den Film kann man schwer beschreiben, ohne stark zu spoilern. Deuten wir es daher nur an. Es geht um die Frage des Mediums, die der Film selbst ins Zentrum rückt. Chiang spielt mit unsinnig scheinenden Zeitformen: „I remember a conversation we’ll have ...“ Erinnern, konjugiert im Präsens, deutet in eine Vergangenheit, die im Futur beschrieben wird: Solche Sätze tragen in ihrer Syntax schon widerstreitende, einander aufhebende Zeitformen. Wie aber so etwas in einem linear voranschreitenden Film erzählen?

Die Krise aushalten

Arrival 08

Wie viele Regisseure von Mindgame-Movies vor ihm versucht Villeneuve, diese Aufgabe durch totale Kontrolle des Filmischen zu meistern. Arrival ist ein luftdicht verpacktes Raum-Zeit-Gefühl-Rätsel. Wie bei seinen letzten Filmen weiß man nicht genau, ob man Villeneuve selbstbewusstes Erzählen bewundernswert oder diktatorisch finden soll. Durch starke, manchmal grobe Gesten erinnert er seine Zuschauer ständig daran, wer hier das Kommando hat. Ein minutenlanger build-up zur ersten Begegnung mit den Aliens mündet in die Worte: „Let’s start“. Und dann Schnitt auf die Rückkehr ins Basislager. Lücken, Sprünge, Dopplungen, alles ist hier sorgsam arrangiert. Villeneuve lässt die Erzählstruktur brüchig werden, streut unverbunden ins Jetzt hineinragende Sequenzen, die aus Amys Innern zu dringen scheinen – Flashbacks, Visionen, Illusionen. Sie kreisen um ein Trauma, das schon in den ersten Filmminuten in einer Malick’schen Folge aus abendlichtdurchfluteten Ellipsen erzählt wird: den frühen Tod ihrer Tochter. Aber ist das eingebildet oder wirklich?

Villeneuve hat mit seinen englischsprachigen Filmen allmählich eine kohärente, sehr eigene Stilistik entwickelt, die von einer Spannung zwischen entschiedenem Inszenieren und extrem ambivalenten Stimmungen getragen wird. Immer wieder wählt er Hauptfiguren, durch die ein identitätssprengender Riss verläuft, der individuelle Einflussmöglichkeiten transzendiert. Ein Riss, der nicht gekittet, sondern nur ausgehalten werden kann, eine auf ruhig gestellte Krise: Krise der Moral in Prisoners (2013), Krise des Subjekts in Enemy (2013), Krise des Rechts in Sicario (2015) und jetzt Krise der Zeit, Krise der Erkenntnisfähigkeit.

Grenzenlose Ermattung

Arrival 09

Die grundlegende Ambivalenz und Unsicherheit, die Arrival im Herzen trägt, übersetzt Kameramann Bradford Young in teils bedrückend schöne Meditationen in Grau. Kontrastarm im besten Sinne sind es Bilder des Fließens und Zögerns. Darüber wehen weit ausgebreitete Droneflächen von Villeneuves Lieblingskomponisten Johan Johansson. Die entstehende Atmosphäre vager Grenzen, in denen sich Zeit, Gewissheiten und Konflikte auflösen, durchzieht den ganzen Film. Die elefantengroßen Aliens hüllen sich in Nebel, treten aus Wolken hervor und verschwinden in ihnen. Sie bewohnen einen vagen Raum zwischen dunklem Grau und dunklem Weiß, in dem es keine scharfen Konturen mehr gibt, nur mehr alles atmet und wogt. Dieses Spiel der Ungewissheiten spiegelt sich in Amy Adams Gesicht, das zwischen Trauer und Staunen, zwischen Frau und Kind mit dem schwer zu Begreifenden ringt. Ganz anders noch als Jodie Foster in Contact (Robert Zemeckis, 1997), die auch von Trauer gezeichnet, aber eine Getriebene war, vollzieht Adams ihre Kontaktaufnahme mit dem Anderen fast unenthusiastisch, wie erschöpft. Ihre Gefühle sind ermattet, zerschmettert von einer erahnten Ewigkeit. Arrival ist Sci-Fi im Modus des suspendierten Zweifelns, ohne großes Weltzerstörgewitter oder Glücksverheißung am Ende. Die Aliens erscheinen, und sie verschwinden irgendwann. Zurück bleibt nur ein dumpfes Sehnen.

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Trailer zu „Arrival“


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Kommentare


Jörg

Vögel in Käfigen wurden zumindest früher in Stollen und Bergwerken eingesetzt, um vor sauerstoffarmer Luft oder der Ausbreitung giftiger Gase zu warnen (indem sie tot umfielen).


Harry

Was Jörg sagt, ist richtig. Isaac Asimov hat darüber auch eine spannende Kurzgeschichte geschrieben, die an Bord einer Raumstation spielt. Mir fällt leider der Titel jetzt nicht ein.


Nino Klingler

Danke für den Hinweis!


Alia

Ein intelligenter Film. Endlich mal Außerirdische die nicht unser "bestes" sondern wirklich unser BESTES, unser Glück wollen.
Eine atemberaubende Stimmung wird uns nahe gebracht. Die Reisenden werden als kluge Wesen uns vertraut gemacht. Ein Film zum nachdenken und....Um ewig weiter zu lernen, weil wir nur dadurch unsere Art erhalten. Durch Geistiges Wachstum .


Jan

SPOILERALARM
Villeneuve versteht nichts von Science Fiction und hat wahrscheinlich noch keinen gesehen (Ausser Torchwood, von denen hat er sich die Aliens abgeguckt), er sollte die Finger davon lassen.
Er missachtet vor Allem Regel Nr.1: Lass die Finger von Zeitreisen!
Es sind zwar nicht unbedingt Zeitreisen um die es geht, aber eben irgendwann doch. Und dann knallen einem auch sofort die Paradoxien um die Ohren (Warum eine Tochter gebären deren Schicksal man kennt? Wenn Zeit nicht linear ist, warum brauche ich dann eine Zeitangabe 3000 Jahre? Warum nicht an den Anfang der Geschichte springen und alles auflösen? Wenn Zeit nicht linear ist und ich nachher Bescheid weiß, dann habe ich damit gleichzeitig auch zum Anfang Bescheid gewusst).
Die erste halbe Stunde ist gutes Kino, wenn auch sehr laut untermalt. Zum Ende wird es langatmig und gefühlsduselig, die Auflösung ist "Deus Ex Machina". Der männliche Protagonist (Jeremy Renner) ist blass und nichtssagend und trägt genau einen einzigen Gedanken zur Lösung der Probleme bei. Amerika gut, China und Russland böse (und dumm), Militär auch dumm (Forest Whitaker müssen selbst grundlegendste Dinge über Sprache erklärt werden, weil Amerika ja noch nie in einem fremdsprachigen Land gekämpft hat...).
Ich könnte noch sehr viel mehr aufzählen. Mich hat der Film enttäuscht.


Heini

Warum eine Tochter gebären..., weil es um Liebe geht.


ule

Villeneuve kann eher gar nichts, daher wundert es mich immer wieder , welche Budgets er erhält, für seine klischeegeladenen B-Movies die stets vorgeben, etwas anspruchvolleres zu sein, als Mainstream. Vielleicht ist genau das die Kunst Villeneuves, unbewusste Scharlatanerie.

Arrival ist Kino der blödesten und vor allen DIngen langweiligsten Art. An vielen Stellen muss man einfach lachen, gerade auch wegen Amy Adams, die sich ja derart verzehrt vor Schmerz und innerer Lehre. Und dann der Beginn die Kommunikation mit den Aliens (Achtung, Spoiler) : Sie schreibt auf einem Schild "Human" (wow!) und genau diese "Ich Robinson, Du Freitag..." Nummer läuft dann rund.
Herr, schmeiß Hirn vom Himmel !






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