Aroused by Gymnopedies

Woche der Kritik 2017: Ficken auf dem Kreuzweg. Der japanische Regisseur Isao Yukisada mischt Schicksalsschlag und Softporno und lässt das Roman-Porno-Genre des Filmstudios Nikkatsu wiederaufleben.

Aroused By Gymnopedies 1

Sieben Tage dauert die Höllenfahrt. Sieben Tage, die einzeln angekündigt werden und einander doch entsetzlich gleichen. Montag: Die Woche beginnt mit einer Szene, die sich schnell als Trug herausstellt. Eine Frau sitzt anmutig am Klavier und spielt Éric Saties Gymnopédie Nr. 1, das Zimmer ist voller Blumen und Licht, die Kameraführung sanft und verträumt. Erinnerung an vergangene Tage oder sehnsüchtige Fantasie, das verschlossene Gesicht von Shinji (Itsuji Itao) sagt es nicht; nur der Finger auf der geschlossenen Tastenklappe, der einen langen Strich in den Staub malt, lässt glauben, dass das Klavier schon länger verstummt ist. Doch ehe die Rührseligkeit sich Bahn brechen kann, erhascht Shinji die lasziv gekleidete Nachbarin beim Wäsche-Aufhängen. Kaum treffen sich ihre Blicke, ist die halbe Brust schon entblößt, und die Nachbarin reibt sich energisch an der Hauskante, urplötzlich von dem regungslosen Gesicht angetörnt.

Aroused by Shinji

Aroused By Gymnopedies 5

Die Unvermitteltheit, mit der Shinji ohne Zutun Frauen in den Zustand sexueller Erregung versetzt, ist das Grundmuster des Films. Anders als auf den titelgebenden Gymnopaedien, diesen Festen im antiken Griechenland, bei denen männliche Jugendliche ihre nackten, gestählten Körper zur Schau stellten, braucht Shinji nur in Erscheinung zu treten, um die Frauen um ihn herum zu entflammen. Nach nichts anderem scheint man sich in diesem Film zu sehnen als danach, es kräftig von Shinji besorgt zu bekommen. Der Rummel, der um ihn veranstaltet wird, bildet einen augenfälligen Kontrast zu seiner griesgrämigen Person, diesem trostlosen Mann mittleren Alters, der in zerknitterter Jacke durch Tokio irrt und mit der anfänglichen Träumerei den höchsten Einblick in sein Innenleben gewährt hat. Denn die Klavierspielerin, so stellt sich heraus, ist Shinjis Ehefrau Yukiko. Sie hat am Steuer versucht, beide in den Tod zu reißen. Nun liegt sie im Koma und ist die einzige Frau des Films, in der sich nichts regt, wenn Shinji sie eines Blickes würdigt, die einzige Frau, die sich ihm verweigert. Es ist tatsächlich witzig, dass man sich der betörenden Wirkung von Shinji nur im Koma entziehen kann.

Aroused By Gymnopedies 3

Aroused by Gymnopedies ist die Wiederbelebung eines Genres, das in den 1970er und 1980er Jahren in den Produktionen des japanischen Filmstudios Nikkatsu einen Höhepunkt fand und nun ein kleines Revival erleben soll. Es ist aber nicht nur ein frischer Blick auf ein älteres Genre, sondern tatsächlich auch ein Blick auf das Filmemachen. Denn Shinji, der Mann, der offensichtlich höchste Regungen verursacht und dabei mit seiner steinernen Gleichgültigkeit außerhalb dieses Geschehens zu stehen scheint, als würde er es lediglich anordnen, ist Filmemacher. Erfolglos und pleite, auch wenn ihn ein Nischenpublikum für sich entdeckt hat. So ist Shinji immerhin andächtige Bewunderung sicher, wenn ihm mal kein explizites sexuelles Interesse entgegengebracht wird. Die kleine Fangemeinde lobt seine ergreifenden Darstellungen selbstloser Liebe. Auf einer mager besuchten Retrospektive-Veranstaltung wird der Regisseur gefragt, was denn nun die wahre Natur der Liebe sei; zur Entzückung der Fragestellerin faselt Shinji etwas von Blumen, Wasser und Farben. In den Kulissen befindet jemand: Prätentiöser Depp.

Vereint in der Gymnopédie

Aroused By Gymnopedies 4

Ein kleiner Seitenhieb auf die so oft vorgenommene Gleichsetzung von Macher und Werk, ein zaghafter Verweis auf den Tod des Autors? Ein hellsichtiger Blick auf die Dissonanz zwischen dem Hype und demjenigen, der ihn beiläufig in die Welt setzt? Aroused by Gymnopedies scheint sich tatsächlich lustig zu machen über die Hörigkeit, die Shinji entgegenbracht wird; guckt mal, was für einen Deppen ihr anbetet, meint man zu hören. Für jede der Positionen von Shinji hat der Film eine devote Untergebene auf Lager, die ihn geradezu anfleht, ihn anzufassen, und notfalls auch ganz ohne Berührung zum Höhepunkt kommt, denn Shinjis Blick ist elektrisierend genug. Natürlich kriegt Shinji die Assistentin am Set und die Schauspielerin, aber auch die Studentin – Shinji ist nebenbei Professor – und, sie darf nicht fehlen, die Krankenschwester, der Gemeinplatz sexueller Fantasien schlechthin.

Es wäre müßig, dem Film vorzuwerfen, auf Biegen und Brechen Melodrama und Porno unter einen Hut bringen zu wollen, denn das macht Roman Porno nun mal aus. Der Pornoteil leidet sicherlich nicht unter der Einbettung in eine dramatische Story, und wer auf Darstellungen völlig passiver Frauen steht – irgendwie sehen alle Frauen nach Koma aus –, wird auf seine Kosten kommen; die dramatischen Anteile dagegen verlieren schon an Kraft. Mehr schlecht als recht wird all das zusammengehalten von Yukikos Klavierspiel, der Gymnopédie Nr. 1. Das Stück kommt sowohl in Shinjis Reminiszenzen vor als auf seinen sexuellen Abenteuern; die melancholische Gymnopédie als das Auge seiner reglosen Frau. Ob es ein liebevoll wachendes oder ein vorwurfsvolles ist, ob es gar ein voyeuristisches ist, wie man den Titel auslegen könnte, das sagt Aroused by Gymnopedies nicht. Zum Schluss liefert die sterbende Yukiko allerdings nicht nur den Soundtrack zum Sex ihres Mannes, sondern gibt auch, in einer ziemlich beklemmenden Szene, das Publikum; ein letztes Mal heben ihre Hände zur Gymnopédie an, dann stirbt sie und mit ihrem Ausscheiden endet der Film, als hätte er seine Daseinsberechtigung verloren, als hätte das Rumvögeln seinen Reiz verloren. Ihre letzte Regung verdammt den Film zur Regungslosigkeit.

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