Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers

A film with me in it. Kim Ki-duk therapiert sich mit einer Doku über sich selbst. Das ist äußerst narzisstisch und dennoch aufschlussreich und spannend, gerade weil man nicht immer weiß, was hier möglicherweise inszeniert ist.

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„Selbstverwirklichung“ – ungefähr so lässt sich der Titel des koreanischen Volksliedes Arirang übersetzen. Die Kunst ist stets ein Mittel der Selbstverwirklichung gewesen, im Fall des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki-duk war es speziell das Filmemachen. Etwa drei Jahre lang aber hatte der zuvor enorm produktive Kim überhaupt keinen Film mehr gedreht. Jetzt kehrt er mit Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers (2011) zurück, einer Dokumentation, die sich nicht einfach nur mit den Problemen von Filmschaffenden im Allgemeinen befasst (wie es beispielsweise Kims Landsmann Hong Sang-soo unablässig tut), sondern die narzisstische Nabelschau auf die Spitze treibt, indem der Regisseur, Kameramann, Produzent und einzige Darsteller gleichzeitig auch noch zum Hauptthema des Films wird. Das ist egozentrisch, mitunter auch selbstverliebt und doch erstaunlich faszinierend.

Kim Ki-duk (Seom – Die Insel, Seom, 2000; Bin-Jip - Leere Häuser, Bin-jip, 2004) sitzt in einer eingeschneiten Berghütte, in der wiederum ein Zelt steht. Er verrichtet handwerkliche Tätigkeiten, isst und trinkt viel Alkohol. Kim sieht alt aus, verquollen, ungepflegt. Er hat eine billige Digitalkamera auf sich gerichtet, ist nahezu pausenlos im Bild und redet ebenso unaufhörlich, denn er ist Interviewer und Interviewter zugleich. In einer Art stream of consciousness veräußert er sein Innerstes, lässt seine Gedanken ungehemmt fließen. Eine „Beichte“ sei dieser Film, erklärt Kim, tatsächlich entwickelt sich Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers jedoch von einer Selbst-Anklage zu einer selbstmitleidigen Anklage an die Außenwelt. Ausgehend von der Frage, warum er sich seit 2008 blockiert fühlt, schildert Kim ein traumatisches Schlüsselerlebnis. Bei den Dreharbeiten zu Dream (Bi-mong, 2008) starb eine Schauspielerin fast durch einen Unfall am Set, was bei Kim schwere Gewissensbisse und Selbstzweifel hinterließ.

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Rasch aber findet der Regisseur über diesen Umweg zu ausführlichen Lamenti über die mangelnde Loyalität früherer Mitarbeiter, die zwischenmenschliche Beziehungen zum persönlichen Vorteil ausgenutzt und ihn damit innerlich zerstört hätten. Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers, das merkt man, soll nun die Therapie für den Schmerz des Kim Ki-duk sein, er will sich seinen Weg aus der Lebens- und Schaffenskrise heraus filmen. Die häufigen Nahaufnahmen scheinen in den Gesichtszügen den seelischen Zustand des Patienten zu erforschen. Als Anspielung auf seine gegenwärtige Gemütslage spielt Kim minutenlang ein Selbstzitat ein, eine Szene aus Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling (Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom, 2003), in der ein Mönch voller Pein einen an sich gebundenen Mühlstein einen Berg hinauf zerren muss. Dazu filmt Kim sich, wie er beim Betrachten des Ausschnitts in Tränen ausbricht – später zeigt er uns, wie er sich sein Weinen noch einmal anschaut. Man kann das „Öffnung“ nennen oder auch „Exhibitionismus“.

Die Tragik der eigenen Existenz steigert Kim noch durch beständiges Rezitieren des titelgebenden Volkslieds, dessen Text voller Sehnsucht und Trauer ist. Auch hält er sich nicht zurück mit Lobpreisungen seiner selbst. Während er das romantische Image des weltflüchtigen Einzelgängers pflegt, zeigt er immer wieder Poster und Drehbücher seiner Werke, zahlreiche Auszeichnungen sowie eigene Gemälde und Set-Aufnahmen von sich. Aus seinem Leid formt sich nach und nach jenes Weltbild, das man bereits aus Kim Spielfilmen kennt. Er offenbart eine ausgesprochen pessimistische Sicht auf das Sein, wenn er es als „bedeutungslos“, als Kampf einsamer Individuen, die nicht der Kommunikation fähig sind, beschreibt. Das Leben bestehe aus „Qualen, Sadismus und Masochismus“, fasst Kim apodiktisch zusammen.

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Wen – außer Fans des Regisseurs – kann all diese weltschmerztriefende Selbstbespiegelung nun interessieren? Sicher, die primäre Zielgruppe von Kim Ki-duks neuem Film ist Kim Ki-duk. Und doch versteckt sich hinter der vermeintlichen Verweigerungshaltung gegenüber dem Publikum ein auf die Kinoauswertung schielender Blick – schließlich geht es in Kims Monologen immer wieder um seinen Traum von der Rückkehr zum Filmemachen. Und nicht zuletzt besitzt Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers mit seinen 101 Minuten Laufzeit ein durchaus Kino-konformes Format, das man – ginge es rein um die existenziellen Sorgen eines in der Seifenblase namens Filmwelt Gefangenen – problemlos auf Lav-Diaz’sche und damit kommerziell nicht mehr verwertbare Dimensionen hätte ausdehnen können.

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Sieht man einmal von der mitunter schwer zu ertragenden Selbstreferenzialität ab, so bietet Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers mehr als nur einige gelungene Bilder (von Schattenspielen über Fischkopf-Lampenschirme bis hin zu auf die Kamera gerichteten Schusswaffen). Theoretischen Überlegungen zur Funktion des Films zwischen Emotion und Epistemologie gesellen sich nackte wirtschaftliche Fragen über die finanzielle Abhängigkeit des Künstlers hinzu. Gedanken über die Beziehung von Kunst und Realität oder die Verantwortung des Künstlers gehen über in anthropologisches Sinnieren.

Vor allem aber tut sich in Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers ein Raum zwischen Dokumentation und Drama auf, ein hybrider Zustand zwischen dem durchkalkulierten Design vieler Spielfilme, das Kim beklagt, und der Rohheit, die Kritiker an seinen Werken manchmal bemängeln. Wenn Kim spät im Film auf einen Rachefeldzug geht, dann ist dies eindeutig eine fiktive Erweiterung des dokumentarischen Rahmens. Wenn es aber wiederholt an der Tür klopft und dann wie im Horrorfilm niemand zu finden ist, dann bleibt ungewiss, ob hier noch repräsentiert oder schon inszeniert wird. Vielleicht ist die vermeintliche Authentizität dieses Films zumindest in Teilen ein ebenso geschicktes wie unterhaltsames Spiel. Gerade an einer der bedrückendsten Stellen nämlich – Kim hat gerade vor der Kamera geweint – lässt er nebenbei einen Satz fallen, der den Status des gesamten Werks in Frage stellt: „I could have been acting.“

Trailer zu „Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers“


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