Argo

Ben Afflecks überragender Thriller erlaubt nicht zuletzt einen Blick auf die Widersprüche des jüngeren liberalen Hollywoodkinos.

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Die Stürmung einer Botschaft durch eine Massendemonstration zu inszenieren, das kann nicht zu den leichtesten Aufgaben selbst des hoch budgetierten Mainstream-Kinos gehören. Ben Affleck dient sie als Eingangssequenz für seinen dritten, vergleichsweise günstig produzierten Film Argo – und zugleich als Beweis dafür, dass er endgültig zur ersten Riege gehört. Inszenierung und Schnitt der Szene reißen sofort in den Film herein, der in den nächsten zwei Stunden kaum an Tempo verliert. Ließen schon Afflecks erste Filme Gone Baby Gone (2007) und The Town (2010) vielversprechende Ansätze erkennen, ist Argo eine ausgesprochen souveräne Regie-Leistung im klassischen Hollywood-Stil.

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Afflecks neuestes Werk basiert nicht mehr auf einer Buchvorlage, sondern auf einer wahren Geschichte. Bei der erwähnten Eingangssequenz handelt es sich um die berühmte Geiselnahme von Teheran von 1980, die eine Auslieferung des früheren Schahs Reza Pahlavi aus den USA bewirken sollte. Doch Argo erzählt nicht von der Geiselnahme, sondern von der CIA-Operation, mit der sechs aus der Botschaft geflüchtete und der Geiselnahme entgangene Mitarbeiter in die Heimat gebracht werden sollen. Agent Tony Mendez (Affleck selbst) wird beauftragt, die im Haus des kanadischen Botschafter versteckten US-Bürger mithilfe von falschen Identitäten aus dem Land zu bringen, bevor das Islamische Revolutionskomitee von ihrer Existenz erfährt. Mendez’ „beste schlechte Idee“ bekommt schließlich grünes Licht: Zusammen mit einem befreundeten Maskenbildner in Hollywood (John Goodman) konstruiert er eine kanadische Science-Fiction-Filmproduktion, für die im Iran nach geeigneten Landschaften gesucht werden soll. Die sechs Botschaftsmitarbeiter sollen als Filmteam getarnt und begleitet von Mendez persönlich aus dem Iran flüchten.

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Der zunächst klassische Agenten-Thriller wird damit ganz nebenbei zu einer köstlichen Hollywood-Satire. Goodman und Alan Arkin, der als gescheiterter Produzent zu Höchstform aufläuft, überbieten sich gegenseitig mit Branchenzynismus und zucken angesichts des lebenswichtigen Auftrags höchstens mit den Schultern: So tun als ob man einen Film drehen würde, das ist für alte Hollywood-Hasen die leichteste Übung. Die kalifornischen Szenen dienen Affleck jedoch nicht nur zur humoristischen Auflockerung, sondern konstruieren einen gelungenen Meta-Kommentar:Argo erzählt nicht nur von der Macht Hollywoods, sondern bedient souverän die filmischen Mechanismen, auf denen diese Macht beruht. Wenn wir es im letzten Teil des Films vor Spannung kaum auf den Sesseln aushalten, obwohl das Ende vollkommen bekannt ist, wir die zu rettenden Figuren kaum kennen und der narrative Höhepunkt hier durch so viele Steine im Weg aufgeschoben wird, dass es sich eigentlich nur noch um die Parodie eines Spannungsaufbaus handelt, dann scheint es schon weniger abstrus, dass diese Maschine zu einer effektiven Waffe in Geheimdienstoperationen werden konnte.

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Man könnte den Fall damit als abgeschlossen betrachten: Argo ist mit Recht als grandioser Hollywoodstreifen der alten Schule gefeiert worden und wird wohl auch in der Award Season noch von sich reden machen. Doch der Film ist nicht nur ein starkes Beispiel für die Lebendigkeit der Unterhaltungsmaschinerie Hollywood, sondern auch für dessen problematische Bedeutungskonstruktion. Affleck behauptet seine Geschichte zwar als eine „wahre“ und ordnet sie in einen realen historischen Kontext ein. Doch wird dieser Kontext stets dramaturgischen Instanzen untergeordnet, der Showdown auf dem Flughafen fiktional dramatisiert und Mendez spielt im letzten Teil noch einen Wertkonflikt zwischen Gehorsam und persönlicher Verantwortung durch, der an die ähnlich banalen moralischen Debatten aus Afflecks anderen Filmen erinnert. In Argo wird die Moral zwar deutlich besser in den Plot integriert, bereitet aber eine andere Form von Unbehagen: Der Kontext der Iranischen Revolution wird hier zum bloßen Hintergrund, vor dem eine sehr amerikanische Heldengeschichte erzählt wird – und damit zu einer in der Post-9/11-Gesellschaft nicht unproblematischen Projektionsfläche.

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Zwar weist Affleck in einem kurzen Abriss iranischer Geschichte zu Beginn des Films auch darauf hin, dass der „Folter-Schah“ von den USA eingesetzt und gestützt wurde und stellt sich damit in die Tradition eines kritischen Patriotismus. Doch geht es im Kino eben nicht nur um transportierte Inhalte und ausformulierte Botschaften, sondern um die (Re)Produktion von Bildern. Was dieses politisch engagierte Clooney-Hollywood nie so richtig begriffen hat, ist, dass gute Intentionen nicht vor problematischen Effekten schützen, und dass ein Film nicht so gelesen wird, wie es die wohlmeinenden Filmemacher gern hätten. Der Hinweis, dass die Besetzung der Botschaft und der Antiamerikanismus der Geiselnehmer Ausdruck eines gut begründeten Zorns des iranischen Volkes sind, erscheint hier als Freifahrtschein, genau jene Bilder zu liefern, die in Zeiten der Instrumentalisierung „wütender Muslime“ äußerst wirkmächtig und problematisch sind.

Die Iraner in Argo sind zwar kein klassisches Klischee. Doch ob als eiserne Nationalisten, als naive Kulturbürokraten oder empathiefähige Haushaltshilfe: Das Drehbuch ruft im besten Fall ihre Menschlichkeit an, darüber hinaus sind sie auf ihre narrative Funktionen innerhalb eines anonymen Bedrohungskontextes reduziert. Während den US-amerikanischen Figuren emotionale Nuancen wie politische Diskussionen vorbehalten sind, werden die anderen als fremdgesteuert und als bloße Vertreter einer vermeintlich homogenen Kultur imaginiert. Der kritische Hinweis auf den CIA-gestützten Putsch verträgt sich wunderbar mit dieser Logik: Unser Handeln bestimmt die Welt, im Guten wie im Schlechten, unsere moralischen Debatten müssen dieses Handeln interpretieren.

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Im Abspann wird mit einem Bildvergleich zwischen Filmfotos und Fotos aus dem revolutionären Iran noch einmal der „Realismus“ des Films konstatiert. Und vielleicht ist es tatsächlich das Staunen über die Echtheit des wahnsinnigen Plots, das den Blick auf die problematische Bildpolitik verstellt. Durch die filmische Behauptung eines historisch objektiven und kritisch korrigierten Patriotismus erscheint die anonyme Bedrohung durch eine fremdartige Welt und die Rettung durch nationalen Zusammenhalt wieder völlig selbstverständlich – und während die erste Einstellung des Films noch eine brennende US-Flagge war, darf diese bei der Rückkehr des CIA-Agenten zur Familie so erhaben in die Kamera wehen wie eh und je.

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Kommentare


Thomas Fiedow

Wow, was fuer ein Film. Habe Ihn soeben im Original in den USA gesehen.
2 Stunden bis zum Ende Spannung. Basiert auf einer wahren Begebenheit
Den sollte man sich ansehen.


Leander

Die Kritik war klasse und hat gut formuliert, was mich an dem Film störte.






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