Archipelago – Kritik

Traumurlaub mit britischer Oberschichtsfamilie: Joanna Hogg inszeniert in Archipelago die unangenehme Stille zwischen den Zeilen.

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Eine Einheit aus losen Einzelteilen und ihre Beziehungen, so lässt sich ein Archipel metaphorisch verstehen. Der Begriff beschreibt nicht nur die Ballung von Inseln, sondern immer auch das dazwischenliegende, sie verbindende Gewässer. Als nichts anderes versteht Joanna Hogg die Familie, und in ihrem unterkühlten Drama Archipelago dröselt sie diese Beziehungen auf.

Auf der türkisblauen Wand des Ferienhauses setzt sich, zunächst kaum merklich, ein helles Rechteck farblich ab. Das Gemälde, das hier eigentlich seinen Platz hat, wurde abgehängt, „it was rather horrible“, und geblieben ist nur der Abdruck, den es nach jahrelangem Hängen hinterließ. Diese Einstellung ist es, die Hoggs Familienzerlegung wohl am treffendsten auf den Punkt bringt. Denn das, was die Britin in ihrem Film einfängt, ist lediglich der Verweis auf etwas – ein abgehängtes hässliches Bild, das stört, dessen Präsenz sich aber eben doch nicht leugnen lässt. Ein Unbehagen, das sich ästhetisch schon einstellt, bevor es narrativ überhaupt richtig zu brodeln anfängt. Die statisch fixierte Kamera und die minimalistisch eingesetzte Montage erzeugen von Beginn an Widerstände in der eigenen Wahrnehmung und deuten an, was oft in der filmischen Illusion aufgehoben wird: der Offscreen-Bereich und die Grenzen der Kadrage. Hogg will keine in sich geschlossene Welt auf der Leinwand zeigen, sondern ihre Fiktion darüber hinausspinnen, ihr geht es um das Spiel mit dem Abwesenden, das Off im abstrakten Sinne. Gleichzeitig fixiert sie aber ihren Zuschauer so, dass sich nur das Helle der Tapete abzeichnet, um dann ganz langsam den Rahmen ein bisschen weiter aufzuziehen und die umgebenden dunklen Ränder auszuloten. 

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Es vergehen keine zehn Minuten dieser Reise in Erinnerungen an Kindertage, da werden die ersten Unstimmigkeiten sichtbar. Hat man zu Beginn noch den Eindruck, die Intimität und Dynamik der Familie sei nur abhanden gekommen, stellt sich im weiteren Verlauf des Films eher die Frage, ob es diese jemals gegeben hat. Tiefgreifende Risse offenbart Hogg subtil zwischen den Zeilen, über ein nicht ausreichend durchgebratenes Stück Fleisch, aber vor allem durch ihre kühle, distanzierte Bildästhetik. In ihrer Farbwahl und Ausleuchtung entscheidet sich die Regisseurin für meist natürliches Dämmerlicht, so wirken viele Aufnahmen in Archipelago gedämpft, als ob die eigentliche Wirkung der Farben wie durch einen Schleier verschluckt werde – so wie das Wesentliche des Films immer auf einer metaphorischen Ebene mitschwingt, aber nie ganz greifbar wird. Die Kamera verweilt beobachtend in dieser nicht enden wollenden Gemeinsamkeit und lässt langsam eine Szenerie frei nach Sartres „Die Hölle, das sind die anderen“ entstehen.

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Die „anderen“ in dieser Inszenierung sind Edward (Tom Hiddleston), seine Schwester Cynthia (Lydia Leonard) und Mutter Patricia (Kate Fahy), die einen gemeinsamen Urlaub auf Tresco verbringen. Der Vater glänzt bei der Reise nur durch seine Abwesenheit und bleibt bis zum Schluss eine wortlose Phantomfigur am anderen Ende des Telefons, während der Rest der Familie fast konstant daran scheitert, ein vertrautes Gespräch aufzubauen. Die immer wieder entstehende unangenehme Stille und beständige Belanglosigkeit des Geplappers wird durch die Anwesenheit Familienexterner noch gesteigert. Die eigens engagierte Köchin Rose (Amy Lloyd) und der Künstler Christopher (Christopher Baker) – anwesend, um Patricia in die Geheimnisse der Landschaftsmalerei einzuführen – werden immer wieder Zeugen der unterschwelligen Frustration und sorgen gleichzeitig dafür, dass die Explosivität der Situation gewahrt bleibt, statt zum Ausbruch zu führen. Ästhetisch übersetzt Hogg das subliminale Kriseln zum Beispiel durch die komplette Abwesenheit von szenischer Musik. Fühlbar unangenehm gestaltet sich der Wechsel von lautem Rauschen des Meeres zur Stille zwischen Bruder und Schwester.

Eigentlich bewegen sich die Charaktere auf vertrautem Terrain, und doch passt keiner so recht ins Bild. Für alle gilt, dass keinem die Intimität der Situation zusagt und dass man sich trotz familiärer Bande im Grunde völlig fremd ist. Hogg überlässt wenig dem Zufall in dieser arrangierten Offenlegung von Snobismus, Selbstmitleid und Aversionen, die sich in Dialogen und Szenenwechsel ausdrücken; mit Leichtigkeit changiert das Gespräch von westlicher Müdigkeit gegenüber dem Thema AIDS in Afrika zur Frage, ob jemand den letzten Apfel möchte und ob die vom Picknick übriggebliebenen Brownies für den Tee am nächsten Tag aufzubewahren sind.

Auf jeder Ebene schleicht sich in der offensichtlichen Oberflächlichkeit das eigentlich unterdrückte Unglück ein, dessen Ursprung jedoch nie benannt wird. Zwar hängt am Ende ein Gemälde von Wellen über dem hellen Fleck auf der türkisblauen Wand, aber die familiäre Vorgeschichte bleibt ungeklärt. Hogg bleibt vage und öffnet so eine komplexe Welt des Möglichen. Sie lässt dem Zuschauer viel Raum zum Psychologisieren, das auf Dauer aber auch das Gefühl erzeugt, Zeuge unaufhörlichem Gejammers auf hohem Niveau zu sein. Mit jedem weiteren Essen, Spaziergang und Rauschen des Windes potenziert sich die Unzufriedenheit, ohne wirklich zum Ausbruch zu kommen. Hoggs Inszenierung gewinnt dabei vor allem dann an Stärke, wenn es ihr gelingt, das Unausgesprochene auf der Leinwand zu zeigen; durch direktes Verbalisieren gleitet Archipelago eher ins Belanglose ab. Eine Lösung der tief verwurzelten Entfremdung bietet der Film nicht, die Familie bleibt trotz allem Brodeln unter der Oberfläche eine geschlossene Gesellschaft – und somit eine freiwillige Entscheidung für die Hölle.

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