Aquele Querido Mês De Agosto
Hochsommer in der portugiesischen Provinz: Eine virtuose Verschmelzung aus Dokumentation, fiktiver Liebesgeschichte und Reflexion über den Prozess des Filmemachens.
Aquele Querido Mês de Agosto (Our Beloved Month of August) erzählt zuallererst vom Scheitern eines Filmprojekts. Regisseur Miguel Gomes reist mit seiner Crew in die portugiesische Kleinstadt Arganil, um eine Liebesgeschichte unter Teenagern zu verfilmen. Da es an Geld und Schauspielern mangelt, vertreibt sich das Filmteam die Zeit damit, das Leben in der Region zu dokumentieren: die Bewohner, ihre Rituale und insbesondere die Feste und die Musik.
Mit seinem zweiten, bereits 2008 gedrehten Langfilm lotet Miguel Gomes die Grenzen zwischen Dokumentation, Fiktion und einer irgendwo dazwischen angesiedelten, den Entstehungsprozess reflektierenden Ebene aus. Der Charme des Films besteht vor allem in seiner Verweigerung, sich auf eine bestimmte Erzählweise festzulegen, und in der Positionierung in oft schwer zu definierenden Zwischenräumen.
Zunächst scheint Aquele Querido Mês de Agosto wie eine klassische Dokumentation aufgebaut zu sein. Es gibt Gespräche mit Einheimischen und Zugezogenen – wie einem Engländer, dessen portugiesische Freundin sich über den Rassismus der Dorfbewohner beklagt –, einen Besuch beim lokalen Radiosender und dazwischen immer wieder verschiedene Kapellen aus der Gegend, die jeweils bestimmte musikalische Traditionen fortführen. Die selbstreflexiven Szenen fügen sich überwiegend geschmeidig in diese dokumentarischen Betrachtungen ein: In einen Kameraschwenk über die Landschaft mogelt sich der Tonmann, aus einem distanzierten Blickwinkel lästern zwei Mitglieder des Filmteams über das anstehende Projekt. Lediglich einige Szenen, in denen Gomes selbst vor der Kamera steht und in bedeutungsschwangeres Geschwätz verfällt, kokettieren zu aufdringlich mit der Metaebene des Films.
Gomes’ Inszenierung ist von einer Vorliebe für das Romantische und Fantastische geprägt. Die Kamera bleibt regelmäßig an Motiven wie Sonnenuntergängen, einem Sternenhimmel oder in den Himmel aufsteigenden Seifenblasen hängen, auf die Tonspur schleichen sich unzuordenbare Geräusche, und auch der erhöhte Einsatz von schwerelos wirkenden Plansequenzen siedelt den Film in einer Zwischenwelt aus Traum und Wirklichkeit an.
Nach der Hälfte schleichen sich auch langsam Figuren und Handlung des geplanten Projekts ein und interagieren mit der dokumentarischen und selbstreflexiven Ebene des Films. Da gibt es etwa eine längere, totale Einstellung, in der das Filmteam mit einigen Dorfbewohnern Boule spielt. Plötzlich tauchen zwei Mädchen auf, die sich als Darstellerinnen für den Film bewerben wollen und von einem Mitglied der Crew zum nächsten geschickt werden, bis sie schließlich Gomes selbst versucht abzuwimmeln. Nur einige Augenblicke später sind dieselben Mädchen dann die Protagonistinnen des Films im Film. Diese fließenden Übergänge zwischen den verschiedenen Ebenen sind es, die Gomes meisterhaft beherrscht.
Zunehmend gerät die Handlung um Tânia, ihren verwitweten Vater und den angehimmelten Cousin Hélder – die alle in einer Band spielen, deren Konzerten sich Gomes ausführlich mit einem jeweils voll ausgespielten Titel widmet – in den Vordergrund. Ganz konzentriert sich Aquele Querido Mês de Agosto aber auch in seiner zweiten Hälfte nicht auf eine herkömmliche Erzählung. Mehrmals löst sich der Film für kurze Zeit von der Handlung, schweift zu Nebensächlichkeiten ab oder verliert sich in musikalischen Passagen, bis er letztlich wieder zu den Figuren zurückkehrt.
Gerade gegen Ende merkt man dem Film seine Dauer von 150 Minuten auch an. Die schnulzigen Schlager – die im Gegensatz zur folkloristischen Musik der ersten Hälfte nur in kleinen Dosen zu ertragen sind – werden geradezu inflationär eingesetzt, ohne mit jedem weiteren Mal etwas Neues zu erzählen. Hier hätte sich Gomes durchaus von einigem Material trennen können, ohne die freie Struktur aufzugeben, die seinen Film auszeichnet.
Gleichzeitig ist es aber auch die besondere Qualität des Films, dass er sich viel Zeit für Beobachtungen nimmt, ohne sich über deren dramaturgische Funktionalität Gedanken zu machen. In einer minutenlangen Einstellung sieht man etwa Tânia und Hélder, wie sie auf dem Motorrad eine kurvige Landstraße entlang fahren, während im Hintergrund ein Schlager zu hören ist. Das Mädchen spielt ein wenig mit ihrer Tasche, winkt einer Gruppe entgegenkommender Motorradfahrer zu, sonst passiert nichts. Trotzdem wirken solche Szenen in Aquele Querido Mês de Agosto nie schwerfällig, sondern entwickeln sich organisch, wie aus einer inneren Logik heraus. Es ist neben der Dominanz der Musik vor allem die leichte und unbeschwerte Art von Gomes’ Inszenierung, die den Film eben zu keiner intellektuellen, sondern einer durch und durch sinnlichen Erfahrung für den Zuschauer macht.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 28.05.2010
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Film-Angaben
Titel: Aquele Querido Mês De Agosto
Alternativer Titel: Our Beloved Month of August
Frankreich, Portugal 2008
Laufzeit: 147 Minuten
Regie: Miguel Gomes
Drehbuch: Miguel Gomes, Mariana Ricardo, Telmo Churro
Produktion: Luís Urbano, Sandro Aguilar, Thomas Ordonneau
Bildgestaltung: Rui Pocas
Montage: Telmo Churro, Miguel Gomes
Darsteller: Sónia Bandeira, Fábio Oliveira, Joaquim Carvalho, Andreia Santos, Armando Nunes, Manuel Soares, Emanuelle Fèvre, Maria Albarran, Nuno Mata, Luís Marante
Kinostart: 03.06.2010
Copyright Aquele Querido Mês De Agosto
Fotos: © Arsenal
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