App

Bei diesem Film ist der Gebrauch von Handys während der Vorführung ausdrücklich erwünscht.

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Apps legen uns die Welt zu Füßen oder genauer gesagt in unsere Handflächen. Zerlegt in binäre Einheiten ist sie darauf ausgelegt, permanent abgefragt zu werden. Gedächtnisleistung und das über Jahre angeeignete Wissen sind heute keineswegs obsolet, haben aber an Stellenwert verloren angesichts eines Wissens- und Fähigkeitenspeichers, der uns dank des passenden Programms jeder Zeit zur Verfügung steht und unseren Kommunikationsgeräten das Etikett der Smartness verliehen hat. Dieses Attribut kaschiert sogar die dystopische Note der Kultur- und Technikkritiker, die schon vor Jahrzehnten diagnostizierten, dass Teilhabe an der Welt nur mehr über die Anbindung an Bildschirme stattfinden könne. „Smart“ verweist nicht nur auf die Informationskapazitäten der Geräte, sondern auch auf ihre vermeintlich klug handelnden Anwender. Wer sich heutzutage im Urlaub noch einer realweltlichen Faltkarte bedient, ist selbst schuld an den damit einhergehenden Umständen, so die vorherrschende Meinung. Täglich werden neue Helferlein entwickelt, um Bedürfnisse zu stillen, die nicht selten zugleich erst erschaffen werden. Der Niederländer Bobby Boermans hat nun als erster Filmemacher versucht, diese Entwicklung für das Kino fruchtbar zu machen. In seinem Film App macht er eine ebensolche nicht nur zum Protagonisten, sondern stellt darüber hinaus auch einen neuen Modus des Filmsehens vor.

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Zunächst zum Inhalt, in dem die Frage nach einer Fremdbestimmung unseres Lebens durch Apps sehr wörtlich genommen wird: Nach einer durchzechten Partynacht entdeckt die Studentin Anna (Hannah Hoekstra) eine unbekannte App namens Iris auf ihrem Smartphone. Anfangs erscheint diese sehr nützlich, wenn sie Anna etwa in der Descartes-Vorlesung wertvolle Informationen zukommen lässt. Doch schnell entwickelt Iris ein gefährliches Eigenleben. Die Aufnahme von bloßstellenden Videos und deren Verbreitung über das Internet sind erst der Anfang. Das durchtriebene Programm installiert sich nicht nur selbstständig auf anderen Handys, sondern erlangt sogar die Kontrolle über alle möglichen Arten von computergesteuerten Geräten – was für die eine oder andere Figur tödliche Folgen haben kann.

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App will allerdings keineswegs eine filmische Reflexion über den Stand und die möglichen Gefahren der gegenwärtigen Kommunikationstechnik sein. Der Fokus auf das Smartphone ist vielmehr dem Anliegen geschuldet, möglichst nah an aktuelle Lebenswelten anzuknüpfen, zunächst indem diese zum Ausgangspunkt für einen Mystery-Thriller-Plot werden. Denn Iris kann auch Ereignisse aus der Zukunft vorhersagen und Anrufe von bereits Verstorbenen durchstellen. Drehbuchautor Robert Arthur Jansen gelingt es jedoch nicht, die heutige Technikwelt und die bekannten Genremuster zu einer sinnvollen Geschichte zusammenzubringen. App verliert sich schnell in Ungereimtheiten, um sich gegen Ende vollends in einem unentwirrbaren Knäuel aus losen Handlungsfäden zu verheddern, das Boermans mit leichter Hand ins Happy End sprengt. Eine stimmige Erzählung auf der Leinwand war schließlich nie das primäre Ziel.

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Der vermeintliche Trumpf von App ist ein als „Second-Screen-Movie“ tituliertes crossmediales Experiment. Ist der Gebrauch von Handys im Kinosaal eigentlich verpönt bis strafbar, ebnet Boermans’ Projekt dem Smartphone nun den Weg auf eines der letzten bisher von ihm verschont gebliebenen Terrains. Zu Filmbeginn wird der Zuschauer ausdrücklich aufgefordert, sein Mobiltelefon hervorzuholen, um die eigens für den Film entwickelte Begleit-App – ebenfalls Iris genannt – zu aktivieren. Ein in der Tonspur kodiertes Signal synchronisiert Filmhandlung und Smartphone. Über den Vibrationsalarm wird man während der Vorführung immer wieder angehalten, seinen Blick für ein paar Sekunden auf das Handydisplay zu richten, das den Text zu im Film geschriebenen Kurznachrichten, alternative Blickwinkel oder Parallelfragmente präsentiert. Obwohl man weiß, dass dabei jeder dasselbe zu sehen bekommt, fühlt man sich trotzdem persönlich addressiert.

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Gegen Ende wird über diese App eine Wendung angekündigt, die sich auf der Leinwand erst einige Minuten später vollzieht. Das bleibt der einzige Moment, in dem der Second-Screen die Narration in eine neue Richtung lenkt. Dies liegt vor allem daran, dass Boermans bei App zweigleisig gefahren ist. Der Film soll eben auch für Zuschauer ohne Smartphone funktionieren. Außerdem verhalten sich das auf der Projektionswand und das auf dem Handydisplay zu sehende Geschehen eher konkurriend als komplementär zueinander. Wenn das Smartphone vibriert, nimmt sich die Leinwandhandlung kurzzeitig zurück, damit sich der Zuschauer auf den kleinen Bildschirm konzentrieren kann. Letztlich bietet das Second-Screen-Movie also keine Form der Erzählung, die nicht auf übliche Weise über die Montage hätte realisiert werden können. Die Ausdehnung auf zwei Bildschirme fügt dem Film an sich keinen Mehrwert hinzu und bleibt reine Spielerei.

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Dennoch beweist App, dass die Technik und das Prinzip funktionieren und der Sparte des Erlebniskinos zumindest kurzfristig eine neue Attraktion bereitstellen, die noch keineswegs ausgeschöpft scheint. Sollte ein Film konzipiert werden, der sich ausschließlich an Zuschauer mit Smartphone richtet, wird sich zeigen, inwieweit hiermit auch erzählerisch neue Wege realisierbar sind. Während sich Boermans mit einem Produktionsbudget von 750.000 Euro bei der Nutzung der technischen Innovation im Zaum halten musste, wird uns wohl erst das bereits geplante Hollywood-Remake vorführen, welche Möglichkeiten ein „Smart Cinema“ tatsächlich eröffnet.

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