Apollo 18

Ich sehe was, was du nicht siehst – in Apollo 18 erschrecken Aliens die Kameras.

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„Im Weltraum hört dich niemand schreien“ – der Werbeslogan zu Ridley Scotts Alien (1979) ist sicherlich auch deshalb zum Klassiker geworden, weil er in der Warnung heimlich eine Einladung versteckte. Denn wir Kinozuschauer waren natürlich immer dabei, wenn es zu Sache ging in den dunklen Winkeln des Universums. Aber andererseits zieht der Science-Fiction-Horror-Film seinen grundlegenden, existenziellen Grusel eben aus der totalen Einsamkeit im stellaren Nichts, wo zur außerirdischen Bedrohung auch immer noch die Bedrohung des spurlosen Verschwindens kommt. Im Film beides zugleich zu etablieren, darin liegt ein Paradox dieses Genres.

Von dieser Warte aus betrachtet, funktioniert Apollo 18 außerordentlich gut. Aufgezogen als ein aus im Internet aufgetauchten Filmschnipseln zusammengeschnittenes Dokument einer verschollenen, bis heute geheim gehaltenen amerikanischen Mondmission (das Apollo-Programm wurde mit Nummer 17 offiziell beendet), legt der Film die Positionen der im All Verschollenen und der Zuschauer erst einmal klar fest. Aber darüber hinaus verschaltet Regisseur Gonzales López-Gallego dieses Verhältnis mit einem beunruhigenden Big-Brother-Szenario: Wie das Filmpublikum schauten einst dunkle Technokraten der US-Behörden ihren eigenen Boys beim Aufgefressenwerden zu – und unternahmen nichts. Die Neugier, die Schaulust: Bei Apollo 18 werden sie nicht einfach nur ausgeschlachtet, sondern auch schlau hinterfragt.

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Solcherlei Pseudo-Dokumentation ist natürlich nichts Neues mehr: Das Überwachungsszenario kennt man aus Paranormal Activity (2007), den Gestus des „Found-Footage“ aus Blair Witch Project (1999) und Cloverfield (2008). Und so ziemlich alle Versatzstücke der zugegebenermaßen banalen Story um geheime Missionen, Körperfresser-Aliens und Weltraum-Paranoia schwimmen ohnehin im kollektiven Unbewussten des Sci-Fi-Horrors umher. Dabei ist das Mondszenario ähnlich wie in Duncan Jones’ Moon (2009) fast kammerspielartig reduziert: Letztendlich sind da nur die zwei Astronauten Captain Anderson (Warren Christie) und Commander Walker (Llyod Owen), die sich in ihrer winzigen verwinkelten Landefähre und bei einer Handvoll Ausflügen auf der Trabantenoberfläche in einem zunehmend klaustrophobischen Albtraum verlieren. Aber bei Genrefilmen kommt es ja häufig weniger darauf an, wirklich erfinderisch zu sein, als clever kombinieren zu können. Und die Stücke passen in Apollo 18 einfach ziemlich gut zusammen.

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Das liegt zum einen an der durchdachten und selbstsicheren Verwendung seiner Bilder. Es ist vor allem die materielle Seite, die bei Apollo 18 begeistert. Wie bei den tausend Augen Dr. Mabuses scheint überall ein Aufnahmegerät zu sein: Prozessuale Bilder, verwackelte Körperkameras und langsam zoomende Überwachungsaufnahmen werden in hochfrequenten, nicht selten eher experimentell als narrativ funktionierenden Montagereihen durchmischt. Auch beim Sounddesign wurde mit einem Händchen für Details gearbeitet: dumpfes, maschinelles Dröhnen, hoch gepitchte Kratzgeräusche und das allgegenwärtige menschliche Atmen aus dem Inneren der Weltraummasken bilden eine akustische Collage der Konfrontation von Technik, fremder Welt und ausgeliefertem Menschen.

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Die Bedrohung deutet sich dabei zuerst über Materialfehler an. Magnetische Entladungen lassen die Soundspur kreischen, elektronische Zooms in die verwaschenen Bilder dringen ebenso in die Tiefenschichten des Signals wie der abgebildeten Welt ein, alles beginnt zu ächzen, zu flimmern und zu springen. Apollo 18 ist da am stärksten, wo er am experimentellsten ist: Wenn nichts mehr zu erkennen ist, vermittelt das Material den Eindruck unkontrollierbarer, von überall her kommender Bedrohung besser als das Schauspiel der in ihren Anzügen grotesk entmenschlichten Astronautenkörper. Das Material menschelt, während der Mensch in der Technik verschwindet. Und in diesem Sturm der visuellen Undeutlichkeiten verliert das Auge, das hier doch als allmächtig gesetzt zu sein schien, seine Dominanz, und die Assoziationen beginnen zu springen. Manches verschwommene Bild der lunaren Geröllwüsten sieht auf einmal aus wie Ultraschallaufnahmen, in flackerndem Schwarzweiß bewegt sich das Gestein, und man weiß nicht so genau: Ist das nur das Bild, oder ist da wirklich etwas?

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Wer also von seinem Vorwissen etwas loslassen kann, wer sich vom oberflächlichen Wiederkäuen der Sci-Fi-Standards nicht den Genuss an den materiellen Oberflächen von Apollo18 verderben lässt, der bekommt hier einen gelungenen, nostalgisch stimmenden Streifen zwischen Experimental- und B-Movie. Wettlauf im All, kommunistische Russen, analoge Bilder, 4:3-Format: López-Gallego ist offensichtlich ein Liebhaber der guten alten Zeiten. In den tendenziell unendlichen Weiten des Weltalls scheint ja komischerweise schon alles abgegrast, aber Apollo 18 schafft es dennoch (formal, wenn auch nicht inhaltlich), eine kleine, heimelige Paralleldimension zu besetzen.

Trailer zu „Apollo 18“


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