Anything Else – Kritik

Woody Allen hat sich in seinem neuen Film zwar eine ganz andere Rolle geschrieben als sonst, aber insgesamt scheint der Film wie seine Klassiker der späten Siebziger: vor New Yorker Kulisse analysieren witzige Dialoge zwischenmenschliche Beziehungen (diesmal die von Jason Biggs und Christina Ricci). Auf den zweiten Blick aber entpuppt sich der Film als ironischer Kommentar zu den Schriftstellerträumen eines Jungautors – und dem ganzen Film selbst!

Anything Else

Seit fast 40 Jahren – und mit etwa ebenso vielen Filmen – gehört der inzwischen 68-jährige Woody Allen fest zum Inventar der Filmwelt. Anything Else, dessen Uraufführung am 27.8.2003 bei den Filmfestspielen in Venedig genau ein Jahr zurückliegt, für dessen Vertrieb sich aber erst jetzt der kleinere Münchener Verleih Alamode gefunden hat, trägt wieder deutlich die Handschrift Allens, vor allem zu erkennen an dem ausschließlich aus Jazzmusik bestehendem Soundtrack, dem Drehort New York und natürlich der von Allen geschaffenen Kunstfigur des jüdisch-intellektuellen Neurotikers in kariertem Hemd und dunklem Jackett, der unablässig redend in diesem wie in jedem anderen Allen-Film aufs Neue versucht, das Leben im Allgemeinen und seine Frauenbeziehungen im Besonderen irgendwie in den Griff zu bekommen.

In Anything Else ist es der von American Pie-Star Jason Biggs gespielte Comedy-Autor Jerry Falk, der sich kurz vor seiner Hochzeit mit Brooke (Kadee Strickland) in die etwas überdrehte Schauspielschülerin Amanda (mit Christina Ricci glänzend besetzt) verliebt. Nachdem Brooke Spuren fremden Liebesspiels auf Jerrys Rücken entdeckt und ihn verlässt, zieht Amanda zu ihm. Aber schon bald nach dem heißen Start der Beziehung flüchtet sie sich, hauptsächlich aus Angst vor einer zu festen Bindung, immer mehr in Migräne- und Erstickungsanfälle, um sich Jerry sexuell zu entziehen – dafür schläft sie mit ihrem Schauspiellehrer, aber nur, so erklärt sie es Jerry, um zu sehen, ob sie noch orgasmusfähig ist.

Anything Else

Und dann ist da vor allem Jerrys alternder Freund, der Lehrer David Dobel. Ihn spielt Woody Allen selbst, und er hat sich damit eine eher untypische Rolle geschrieben. Denn dieser Dobel, der einen roten Sportwagen fährt und über eine größere Survival-Ausrüstung verfügt, auch weil er sich ständig antisemitischen Angriffen ausgesetzt sieht, unterscheidet sich von der früheren Allen-Figur dadurch, dass er tatsächlich zurückschlägt: Er wirkt zwar linkisch, wenn er den Wagen zweier Muskelprotze zertrümmert, die ihm den Parkplatz weggenommen haben, aber er erschießt auch einen von zwei Polizisten, die ihn mit einem antisemitischen Ausfall provozieren – etwas, wovon andere Allen-Figuren wie Alvy Singer in Annie Hall (Der Stadtneurotiker, 1977) oder Isaac Davis in Manhattan (1979) nur ohnmächtig reden, es jedoch nie in die Tat umgesetzt hätten: sie sind damit eher zu ihrem Psychiater gegangen, die Dobel wiederum alle für Scharlatane hält.

Anything Else bewegt sich mühelos in Allens ganz eigenem „Kunst-New-York“ und auch seine Personen stellen Typen oder besser noch Konstruktionen dar, die auf eine Einfühlung seitens des Zuschauers nicht angewiesen sind: Man sieht das besonders an der Figur des Jerry, die Allen mehrfach aus der Film-Szenerie heraustreten lässt. Das erzeugt einen offensichtlichen Bruch im Handlungsverlauf, der das bewusst Künstliche der Darstellung nur unterstreicht.

Anything Else

Wäre dies alles, könnte man in Anything Else nicht sehr viel Neues entdecken. Aber anders als in früheren Allen-Filmen gibt es hier noch eine zweite Ebene, die aus dem Film zugleich auch eine doppelte Fiktion macht: Immer wieder wird nämlich darauf angespielt, dass Jerry an einem tiefgründigen Roman schreibt, in den er auch Dobel und seine Freundin hineinschreibt – und am Ende des Films kann der Zuschauer sich fast sicher sein, dass der gesehene Film eben dieser Roman ist. Der gesamte Film wird so zu einem Kunstwerk, das zugleich seine eigene Entstehung erzählt. Und vielleicht ist der Film auch noch ein versteckter Bildungsroman: denn der Lehrer Dobel sagt am Ende zu Jerry: „Du bist jetzt erwachsen und kannst allein nach Kalifornien gehen!“ Ein „tiefgründiger Roman“ ist das so entstandene Kunstwerk freilich nicht, es ist ja nicht einmal ein Roman, sondern ein Film und noch dazu „nur“ eine Komödie!

Diese (Selbst-)Ironie des Cineasten Woody Allen macht den Charme des Films aus, aber besonders die unaufdringliche, spielerische und höchst amüsante Art und Weise, in der hier neben den typischen „Woody-Allen-Themen“ dieses alte und zugleich immer neue Thema der Kunst vor uns ausgebreitet wird, lohnt den Kinobesuch. Und dieser bereitet allein deshalb so großes Vergnügen, weil Allen auch diesmal seinem alten Credo gerecht wird: „Ich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass Kunst keinen sozialen Wert hat – nicht nur die Komödie, sondern überhaupt jede Kunst. Für mich ist alles Unterhaltung.“

 

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.