Antiviral – Kritik

Spritz dich glücklich und dock dich an, an die kollektive Misere. Endlich wieder Body-Horror aus dem Hause Cronenberg?

Antiviral  1

Brandon Cronenbergs Science-Fiction-Body-Horror könnte zu keiner besseren Zeit kommen: Antiviral bietet sich geradezu an, als Parabel auf die zunehmende Privatisierung des Sozialen verstanden zu werden, die wir heute nicht zuletzt digital erleben. „Kauf dir ’nen Virus“, sagt der Marketing-Experte nicht, aber natürlich ist genau das gemeint, wenn von „viralen Kampagnen“ die Rede ist. In Silicon Valley werden die Profis der Ansteckung als Künstler gefeiert, Weiterleitungen oder „Shares“ sind eine Ware, der Kunde ist das Produkt. Kulturpessimistische und neoliberale Geister verbrüdern sich aktuell in der Urheberrechtsdebatte zu einer unheilvollen Allianz der vorgestrigen Denker: Lasst euch anstecken, aber bitte nur von uns. Der natürliche Akt des Teilens, aus eigener Motivation und ohne materielle Interessen, des gemeinsamen Genießens, bei dem gerade Kino erst voll zur Entfaltung kommt, ist ein Dorn im Auge früherer Gatekeeper in klassischen Medien und der Content-Industrie. Geistiges Eigentum über alles.

Cronenberg junior hat eine schöne, simple Metapher für den Wahn der Ansteckung mit Profitabsicht gefunden: Eine „Klinik“ hat ein Verfahren entwickelt, um Viren von ihren (prominenten) Boten zu extrahieren und mit einem Kopierschutz zu versehen, sodass sie nicht mehr ansteckend wirken. Die Kunden, die sich die Teilhabe an ihren Stars wünschen, zahlen hohe Summen, um den Herpes oder die Flitterwochengrippe der Verehrten an sich selbst zu erfahren. Proximität durch Infektion. Dass der Regisseur mit seinem Debüt Antiviral nicht primär auf Medienkritik aus ist, stellt er früh klar. In einem unangenehm glaubwürdigen Fernsehinterview lässt er den Klinikchef erklären, dass eine Diskussion über den Verdienst von Medienprominenten sinnlos sei. Stars erhalten ihren Wert durch die Kollektivität, sie seien per se „group hallucinations“ – und wer will da schon mündigen Erwachsenen vorwerfen, die Verbundenheit mit den Gesichtern um sie herum zu suchen?

Antiviral  2

Mit schlichten Mitteln und minimalistischen Settings evoziert Cronenberg diese geringfügig futuristische Welt. Die Gesichter der Stars zieren die Wände in den meisten Räumen, ob auf Leinwänden oder auf gigantischen Plakaten. Mit ein wenig Überbelichtung und dem konsequenten Apple-Styling in glänzendem Weiß finden wir uns in einer gar nicht so fernen, nur eben klinisch sauberen Dimension wieder, in der die Überwachung und die Reglementierung aller Handlungen nur an der Wohnungstür halt machen. Wenn der Film aber erst mal seine Exposition hinter sich hat und die Gesellschaft, die er da zeichnet, nicht mehr visuell erklären braucht, wenn der Horror- und Thrillerplot Fahrt gewinnt, dann vergisst man gerne, wie sehr das Ganze einer Retro-Science-Fiction entspricht, die man mit den 1990er Jahren begraben glaubte. Die Zeiten von Gattaca (1997) sind schließlich vorbei. Heute können krankhaft glatte Oberflächen und transparente Glaswände nicht mehr als Indizien eines Horrorszenarios gelten, zu sehr haben sie unsere Realität (bitter) überschwemmt.

Entrückt ist die Welt ohnehin mehr auf der dystopischen Ebene der gesellschaftlichen Umstände des Lebens in Antiviral. Denn so wenig der Film formal Außenräume kennt, so gering sind die Überbleibsel des freien Menschen und seiner willentlichen, artikulierten Interaktion mit anderen. Wenn Protagonist Syd March (Caleb Landry Jones) eingesperrt wird, weil er selbst Träger eines tödlichen und umso wertvolleren Star-Virus ist, dann ist sein Kampf ums Überleben und auch seine Flucht durchaus eines kurzzeitigen Thrillermoments würdig – und das ist nur eine von etlichen Szenen, in denen Brandon Cronenberg sein Regietalent unter Beweis stellt. Doch jede Perspektive oder Insel von Freiheit, von selbstständiger gesellschaftlicher Teilhabe, und sei sie auch nur illusorisch, fehlt. Es kann also nie um die Rettung von Syd gehen, sein Schicksal ist von vornherein bestimmt. Genau das aber ist die Stärke von Antiviral. Kein halbgarer Versuch einer Problemlösungsdialektik. Immer mehr rückt der Film mit der Dauer in die Nähe des großen Meisters des Body-Horrors, des Seniors. Es ist ein Bild, das geradewegs aus einem von dessen Werken stammen könnte (wahlweise aus Die Fliege (The Fly, 1983), eXistenZ (1999) oder Videodrome (1982)), mit dem Antiviral schließt. Die Freude, endlich wieder einen Original-Cronenberg zu sehen, ist groß. Größer aber noch ist das Versprechen auf eine Verästelung im Genre-Stammbaum des Vaters, der sich zuletzt immer weiter vom Körper auf die Psyche verlagert hat (nicht zuletzt mit Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method, 2011)). So aseptisch Brandons Bildsetzungen zu Beginn auch sind, umso stärker lässt er später im Kontrast das Körperliche, das Dreckige, das Fleckige hervortreten. Es ist ein notwendiges, begehrtes Beiprodukt der pervertierten kapitalistischen Ordnung. Leck das Blut vom Boden, es steigert deinen Wert. Entführer zu infiziertem Opfer: „Don’t look so worried, you’re a commodity.“ Wir sollten uns fürchten vor denen, die uns zum Objekt des Handels machen. Teilhabe an der Gesellschaft muss anders möglich sein.

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