Another Year

Über Bande ins Herz des Publikums: Mike Leighs Another Year.

Mike Leigh ist zurück mit Another Year, und wieder treibt er rigorose Analyse in einem klar umrissenen sozialen Milieu: diesmal die akademische Londoner Mittelschicht.

Another Year

Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) bilden gemeinsam mit Sohn Joe (Oliver Maltmann) so etwas wie eine nukleare Familie: unfassbar harmonisch, liebevoll und ineinander zurückgezogen inmitten einer depressiven Welt. Alles machen sie gemeinsam, knuddeln, kochen, Hobbygärtnerei. Perfekt.
Doch wie gesagt: inmitten einer depressiven Welt. Denn da sind noch die anderen, ohne Familie, ohne Kinder, oder mit verhassten Kindern, einsam dem Altern ausgeliefert. Gleich zu Beginn fragt Gerri, die Psychiaterin, eine Patientin (Imelda Staunton): „What would make your life better?“ Antwort: „Another life...?“. Da ist zum Beispiel Mary (Lesley Manville), eine Sekretärin um die fünfzig, die mit ganz hibbelig guter Laune ihre Sehnsucht nach einem Liebhaber zu verschleiern versucht und sich heimlich zu Joe, dem Sohn des Musterpaares, hingezogen fühlt. Aber für den ist die verschrobene Plaudertasche nur Aunt Mary. Oder Ken (Peter Wight), Toms Jugendfreund: Alkoholiker, Kettenraucher, fett, frustriert von Job und Leben. Sie alle gehen ein und aus in Haus und Leben unserer nuklearen Familie, kommen aus Sehnsucht und gehen voll Neid. Verteilt über vier Kapitel entlang der Jahreszeiten erzählt Another Year genau davon: von einem weiteren Jahr, in dem alles schön bleibt bei Tom und Gerri, und alles immer beschissener wird überall sonst.

Another Year

Die ausgestellte Harmonie der Familie, ihr reibungsloses Funktionieren steht in der disparaten britischen Gesellschaft da wie eine Wand. Die anderen, Vereinsamten, können sich dagegen lehnen, aber sind auch draußen, getrennt vom innerfamiliären Glück. Die Nächstenliebe von Tom und Gerri lädt immer nur nach innen ein, aber nie so weit, dass die Familie Schaden nehmen könnte. Sie geben nie so viel, dass ihnen etwas genommen würde. Aus Schutz, ja, aber auch aus Hochnäsigkeit. Als Joe, der Sohn, endlich eine Freundin findet und Mary vor den Trümmern ihrer heimlichen Verliebtheit steht, wird sie fies und zickig. Die Konsequenzen folgen prompt: Gerri schließt sie aus von der Oase, sie wird abgeschoben in ihre Lebenskrise und den Alkohol, fast wie eine plötzlich unerwünschte Immigrantin.

Bei all dem geht es aber nie wirklich um Tom und Gerri, sondern vielmehr um alle anderen. Das wird dem Zuschauer ganz allmählich klar: Another Life ist ein Film, der so ziemlich das genaue Gegenteil dessen vermittelt, was er zeigt. Man muss ihn umkrempeln im Kopf. Das umfasst Geschichte, Figuren, Dialoge, Schauspiel, Form.

Another Year

Tom und Gerri, ihr Sohn Joe und später seine Freundin Katie (Karina Fernandez), gemeinsam stehen sie still im Zentrum der Erzählung, so harmonisch, dass es fast langweilt. Was charakterisiert den Wirbelsturm: Auge oder Wirbeln? Klar, beides ist untrennbar, aber im Film will man ja ein bisschen Action. So funktioniert denn auch Another Year: dem Wirbeln zuschauen, vom ruhigen, leeren Zentrum aus. Ist man nicht, im Kinosessel, genau das ruhende Auge, und schaut ins Flackern der Leinwand? Mike Leighs Herz schlägt mit den Gescheiterten, das stellt er mit der ersten und der letzten Einstellung unmissverständlich klar. Wie Mücken zum Licht kommen sie, weil sie Sehnsucht verspüren nach diesem Frieden (der auch das Altern erträglich macht). Aber eben dadurch, dass Tom und Gerri ihnen ein Leben in Glück präsentieren, spüren sie erst wirklich die Tristesse des eigenen. Die Glücklichen sind schuld, dass die Unglücklichen unglücklich sind! Okay, das ist gemein. Aber genau dieses Bewusstsein schärft Leigh: Qualität entsteht durch Differenz, Gegensätze produzieren einander.

Ziemlich viele solcherlei Gegensatzpaare kullern dabei aus den langen Dialogszenen: Einsamkeit vs. Partnerschaft, Eltern vs. Kinderlose, Akademikerleben vs. Arbeiterklasse, Weltgewandtheit vs. Provinzialität, Innen vs. Außen. Aber es ist nicht so, dass Tom und Gerri glücklich seien weil verheiratet, studiert, Sohn, London. Nie wird es so einfach, auch wenn Another Life sich gen Ende etwas zu stark in eine materialistische Richtung neigt. Die genaue Beobachtung sozialer Milieus (und wenige Regisseure können ein Milieu so präzise inszenieren wie Leigh) erfüllt keinen anderen Zweck als die Verankerung von Empfindungswelten in der Wirklichkeit. Es geht um die Qualität einer Empfindung, nicht um ihre Verpackung. Deshalb gehen seine Filme so nahe. Leighs Frage ist und war niemals: wie leben die? Sondern immer: wie fühlt es sich an, so zu leben?

Another Year

Und damit sind wir im Kino angelangt. Another Life funktioniert auch deswegen so famos, weil im Kino genau das ununterbrochen passiert: etwas ganz anderes zu erleben und empfinden, als was faktisch gerade mit uns passiert. Schauen wir den Film, dann sehen wir professionelle Schauspieler vor gut ausgeleuchteten Sets ausgefeilte Dialoge sprechen, und das als zweidimensionale Bilder in einem dunklen Raum. Und trotzdem spürt man, dass da viel geschieht, dass man viel lernt über England, Familie, Alkohol und Einsamkeit. Ein emotionales Lernen eben.

Diese Magie, die ja jeden halbwegs guten Film bewegt, rückt Leigh in Another Year ins Zentrum, reflektiert über die eigenartige Gefühlsmaschine Kino durch sein narratives Über-Bande-Spielen. Man wird beim Schauen gewahr, dass die eigenen Empfindungen in einer doppelt abgeleiteten, doppelt gespiegelten Welt verankert scheinen (die Leinwand, die Story). Kommen sie von so weit her, aus einer elaborierten Illusion?  Oder ist der Ursprung nicht ein anderer: wir Zuschauer selbst. Es scheint so zu sein: Die Menschen von Another Year sind, der Film spielt in uns.

Trailer zu „Another Year“


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Kommentare


best

Eine Lehre ziehe ich aus diesem Film: Was will ich nicht noch ein Jahr lang so erleben, wie gehabt. Ich ändere es jetzt!


Karl Gärtner

Halt mal: "Sie geben nie so viel, dass ihnen etwas genommen würde." Das seh ich aber anders. Sie kümmert sich rührend um Mary. Trotz ihrer offensichtlichen Alkoholprobleme über einen langen Zeitraum wendet sie sich nicht von ihr ab oder bevormundet sie(wozu sie doch eigentlich als Therapeutin quasi "berechtigt" wäre).
Nein ich glaub, dass es um mehr geht in diesem Film. Oder vielleicht weniger: Ein Film, der gut strukturiert und komponiert ist, und eine Geschichte erzählt.


Martin Zopick

Mike Leigh hat den Film in die vier Jahresezeiten unterteilt. Die ersten drei sind recht amüsant und auch von der Atmosphäre her bilden sie eine Einheit. Nur hinter der Fassade schimmert immer mal wieder der menschliche Abgrund durch. Erst im Winter geht’s ans Sterben. Hier vertieft der Film all das, was vorher nur angedeutet wurde. Im Zentrum steht ein älteres Ehepaar (überzeugend Ruth Sheen und Jim Broadbent), die auch noch Tom und Gerri heißen. Sie sind nicht nur der ruhende sonders auch der Gegenpol zu all den kaputten Freunden und Verwandten um sie herum. Das sind ältere, einsame Singles, die wohl wegen ihren hochgesteckten Erwartungen, der eigenen Unfähgikeit und fehlender sozialer Kompetenz so ein Leben führen. Letztendlich ist es auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Tom und Gerri gestalten es als einzige bewusst liebevoll. Sie sind sich ihrer Endlichkeit bewusst. Es gibt noch Platz für den Sohn, seine Freundin, Toms Bruder. Sie sind auch für andere da, deren Probleme können sie aber nicht lösen. Stilsicher rahmt Leigh das Gesellschaftbild ein mit einer depressiven Frau (stark Imelda Staunton) und einem fast autistischen alten Zombie. Meistens ernst, im Grunde ernüchternd und zutiefst beeindruckend.






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